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Magdalena Neuner : Lena bekommt ihr Leben zurück

Magdalena Neuner sagt standesgemäß servus - mit der großen Kristallkugel an den Lippen Bild: dpa

Mit dem Gewinn des Gesamt-Weltcups verabschiedet sich Magdalena Neuner vom Biathlon. „Das zeigt, dass ich die Beste bin“, sagt sie. Trotzdem ist das Rückfallrisiko klein.

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          Es waren keine Strafrunden, es waren Ehrenrunden. Auch wenn Magdalena Neuner das anders sieht. Sie hätte das letzte Rennen ihrer Karriere beim Saisonfinale der Biathleten in Chanty-Mansijsk schon noch gerne gewonnen. Aber Platz sechs im Massenstart samt sechs Ehrenrunden - eine für jedes Jahr im Weltcup -, dazu der Gewinn des Gesamt-Weltcups: Das ist ein gebührender Abschluss einer großen Karriere. Ohne Tränen, aber natürlich mit etwas Wehmut. „Die Große Kugel habe ich mir dieses Jahr echt verdient, und es zeigt, dass ich die Beste bin. Da kann ich vielleicht noch leichter loslassen“, sagte die Wallgauerin, die sich mit 25 Jahren ins Privatleben zurückzieht. Und Bundestrainer Gerald Hönig, der eine Mütze mit der Aufschrift „Viel Glück Lena!“ trug, sagte stellvertretend für alle: „Wir verlieren eine Athletin, die die letzten Jahre Biathlon maßgeblich geprägt hat, und man fragt sich schon, wann so eine Persönlichkeit wiederkommt.“ Da geht eine, die - fast - immer wusste, was sie will; eine, die trotz ihrer Eigenwilligkeit nie angeeckt ist.

          Sie hat schon früh die Klassenkameraden überrascht, als sie mit zehn Jahren erklärte, sie wolle Profisportlerin werden. Aber konsequent war sie schon immer: Mit 16 Jahren geht sie von der Schule ab und widmet sich fortan ihrer Biathlon-Karriere. Dass aus ihr mal eine ganz Große werden wird, davon ist ihr Heimtrainer Bernhard Kröll schnell überzeugt. 2007 erschüttert sie bei der Weltmeisterschaft im Südtiroler Ort Antholz als Debütantin mit drei Titeln das Biathlon-Establishment. Sie ist gerade zwanzig geworden. Es ist der Beginn einer Karriere im Zeitraffer, die ihresgleichen sucht, mit vielen Superlativen: jüngste Weltmeisterin, jüngste Gesamt-Weltcupsiegerin, Rekord-Weltmeisterin.

          Die erste Werbemillionärin im Biathlon

          Und sie wird von der ausbrechenden Neuner-Manie fast überrollt. Fremde Menschen stehen plötzlich in ihrem Garten und wollen mit ihr reden, ein Stalker schafft es sogar bis auf den Balkon, die Medien reißen sich um sie, es hagelt Ehrungen und Auszeichnungen, Sponsoren rennen ihr die Tür ein. Es ist vorbei mit dem beschaulichen Leben. Aber sie lässt sich schon damals nicht vor jeden Karren spannen und lehnt auch äußerst lukrative Angebote mit den Hinweis ab: „Passt nicht zur mir.“ Trotzdem wird sie die erste Werbemillionärin im Biathlon. Weil sie neben dem sportlichen Erfolg alles mitbringt, was die Menschen lieben. Sie ist apart, charmant, eloquent mit bajuwarischem Zungenschlag, bodenständig, authentisch, skandalfrei, aber nie langweilig. Egal, ob im Renndress, im Dirndl, an der Harfe oder in knappen Dessous - Magdalena Neuner bleibt immer sie selbst. Aber sie leidet auch, ist überfordert mit dem Trubel, geht durch eine harte Lehrzeit. Wacht morgens mit dem Gedanken auf: „Ich will mein Leben zurück.“ Sehnt sich nach Normalität. Und sagt heute: „Hätten wir gewusst, was es heißt, berühmt zu sein - wer weiß, ob mich meine Eltern wirklich gelassen hätten.“ Gut, dass sie es nicht wussten. Auch wenn es ein hartes Geschäft ist.

          Am Schießstand befallen Magdalena Neuner Versagensängste, später spricht sie sogar von Traumata, und geht auch dieses Problem offensiv an. Mit einem Mentaltrainer, dessen Identität sie bis heute nicht preisgibt, den sie aber ständig lobt. Weil sie die innere Balance findet, wieder Lust statt Last empfindet. Sie wird erwachsen, wirft mit ihrem alten Management auch ihr Strickliesl-Image über Bord. Und lässt sich, um ihre neue Reife zu dokumentieren, in Dessous ablichten. Mit einem Hauch von Unsicherheit, weil das nun wirklich keine originelle Idee mehr ist. Aber wichtiger ist ihr, dass die kleine süße Lena jetzt eine Frau geworden ist, die nicht mehr unbedingt „Everybody’s Darling“ sein will. Sie bleibt es dennoch.

          Hin und her geschubst

          Die neue Selbstsicherheit beschert ihr zweimal Gold bei Olympia, und schon vor dem ersten Schuss strahlt sie diese unwiderstehliche Siegesgewissheit aus, aber noch mehr verblüfft die Sportwelt ihr Rückzug von der Olympiastaffel zugunsten einer weniger erfolgreichen Kollegin. Aber das ist nicht der Grund, weshalb ihr Vancouver 2010 als große Enttäuschung in der Erinnerung bleibt. Sie fühlt sich als Sportlerin hin und her geschubst, sie hat das Gefühl, dass die Winterspiele alles andere als athletenfreundlich sind: „Das brauche ich nicht noch mal.“

          Autogramme zum Abschied: Zeitweise wurde Neuner von dieser ausbrechenden Manie fast überrollt Bilderstrecke

          Da ahnt noch niemand, dass die Olympiamüdigkeit einer der Gründe für den nächsten Paukenschlag ist: Im Dezember 2011 erklärt Magdalena Neuner ihren Rücktritt zum Saisonende. Mit 25 Jahren ist Schluss, dann, wenn andere erst ins richtige Biathlonalter kommen. Umstimmungsversuche absolut zwecklos. Als die Entscheidung heraus ist, scheint es, als fiele eine schwere Last von Magdalena Neuner ab. Seitdem ist sie erfolgreicher denn je. Kaum zu glauben, dass diese Frau jetzt das Gewehr in die Ecke stellt. Aber sie freut sich auf das wahre Leben. Auf die Normalität, die für sie zur Ausnahme geworden ist. Einfach nicht mehr fremdbestimmt sein. Ein Luxus. „Jetzt werde ich anfangen, mein normales Leben zu leben.“ Daheim in Wallgau. Mit ihrem Freund - selbstverständlich aus Wallgau. Und was das Rückfallrisiko angeht, sagt das bekennende Landei: „Ich bin mir sicher, dass ich nicht zurückkomme.“ Bei ihrer Konsequenz muss man das glauben.

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