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London-Marathon : Von Null auf Platz eins

Britisches Wahrzeichen: Farah vor der Tower Bridge Bild: dpa

Der Brite Mo Farah ist der bestbezahlte Marathonläufer der Welt - dabei ist er noch nie einen Marathon gelaufen. An diesem Sonntag ändert sich das in London.

          3 Min.

          Mo Farah wird am Sonntag in London seinen ersten Marathon laufen. Doch längst ist er der bestbezahlte Marathonläufer der Welt. 600.000 britische Pfund, fast eine dreiviertel Million Euro, lassen die Veranstalter dafür springen, den Doppel-Olympiasieger und Doppel-Weltmeister von der Bahn auf die Straße zu bringen. Er wird bei seinem Debüt auf die schnellsten und erfahrensten Konkurrenten treffen, die es in diesem Metier zu verpflichten gibt, von Weltmeister und Olympiasieger Stephen Kiprotich aus Uganda über Weltrekordler Wilson Kipsang bis zum äthiopischen Altmeister Haile Gebrselassie, der dreißig Kilometer lang Tempo machen soll.

          Michael Reinsch

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Farah hat angekündigt, nicht den Weltrekord von 2:03:23 Stunden, sondern lediglich den britischen Rekord von 2:07:13 anzugreifen. Trotzdem gehören die Schlagzeilen und auch der größte Teil der Börse dem 31 Jahre Farah. Er ist nach dem Gewinn der Goldmedaillen im 10000- und im 5000-Meter-Lauf der Liebling der Olympischen Spiele von London im Sommer 2012 geworden. Und er wird vertreten von dem einflussreichsten Manager der Leichtathletik-Welt, dem Mann, der Usain Bolt, den schnellsten Mann der Welt, zum reichsten Leichtathleten gemacht hat: Ricky Simms.

          So wie Simms es erzählt, haben der Zufall, das Schicksal und der Sportartikelhersteller Puma große Rollen in seiner und in den Karrieren seiner Athleten gespielt. Als bei der Junioren-Weltmeisterschaft 2002 in Jamaika ein magerer Junge von 15 Jahren mit wackelndem Kopf und schiefen Zähnen die Goldmedaille über 200 Meter gewann, ein gewisser Usain Bolt, war Simms nicht einmal anwesend.

          Er war gerade dabei, die Agentur seines Mentors Kim McDonald zu retten, ein großes Unternehmen, in dem er vier Jahre zuvor als Athletenbetreuer angeheuert hatte. Im ersten Jahr fuhr er sie vom Flughafen zum Quartier, im zweiten begleitete er sie auf ihrer Tour durch Europa. Als 2001 McDonald überraschend starb, übernahm Simms die Athleten und baute sein Unternehmen PACE Sports Management auf. Er war natürlich mehr als der Chauffeur: Studierter Sportlehrer, studierter Manager und ehemaliger Mittelstreckenläufer, hat der stille Ire seinen Biss nicht verloren.

          39 Jahre ist er inzwischen dabei, die Zahl seiner Athleten auf vierzig, fünfzig zu verringern; zu ihnen gehören auch die Olympiasiegerinnen Vivianne Cheruiyot aus Kenia und Christine Ohuruogu aus London. Partnerin im Geschäft ist seine aus Stuttgart stammende Frau Marion Steininger. Zahlen ihres Unternehmen machen sie nicht öffentlich.

          Puma brachte Bolt mit Simms zusammen. Der Manager hat aus dem sechzehnjährigen Talent, das Angst vor der Fremde und der Kälte hatte, in nun elf Jahren einen Markenartikel der Sportwelt gemacht, ohne seine Menschlichkeit zu verlieren. „Wir sind wie Freunde, mehr als alles andere“, sagt er. Bolt ist ein Weltstar, dessen Vermögen auf jenseits der sechzig Millionen Dollar geschätzt wird und der beim Laufen wie beim Geldverdienen seinen Spaß nicht verloren zu haben scheint. Simms sieht ihn, der für Starts rund 250.000 Dollar bekommen soll, in einer Liga mit Cristiano Ronaldo und Lionel Messi, mit Kobe Bryant und LeBron James, Athleten, die die Grenzen ihrer Sportarten gesprengt haben.

          Mo Farah, so erzählt es Simms, lief ihm in seinem Büro in Teddington im Westen von London zu. Wenn der Junge nicht trainierte oder im Sportgeschäft schräg gegenüber jobbte, erkundigte er sich, was die Kenianer so machten, die Ricky betreute. „Wir haben ihn adoptiert“, sagt Simms. Irgendwann zog Farah in das Haus, in dem er die Läufer aus Afrika untergebracht hatte. Nach einem längeren Aufenthalt im kenianischen Trainingslager von Simms lebte, trainierte und lief Farah mit der Konsequenz der Afrikaner. Was er von Simms lernte, kann man leicht ahnen: die Entschiedenheit, die Zuversicht, die Aufmerksamkeit, Gelegenheiten zu ergreifen und nicht mehr loszulassen.

          Ricky Simms schuf die Chance für Farah, als er einen Trainer suchte. „Viele hätten ihn für die Bahn trainieren können. Aber Alberto Salazar ist der, den er brauchte, um zum Marathon zu wechseln“, sagt er. Das Ziel: der Aufstieg von Farah zum größten Straßenläufer der Welt. Simms ließ Farahs Vertrag mit Adidas auslaufen, damit dieser sich dem Oregon Project von Nike und Salazar anschließen konnte. „Die hundert Meter und der Marathon“, sagt Simms, „das sind die großen Disziplinen des Laufens.“ Und es ist gewiss kein Zufall, dass Farah, indem er nach seinen Olympiasiegen beide Hände zu einer Herz-Pantomime auf den Kopf führte, eine ähnlich unverwechselbare Geste schuf wie Bolt mit seinem Blitzeschleuderer: eine Marke halt.

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