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Litauens Volkssport : Die Basketball-Brasilianer

Basketball als Leidenschaft: der Litauer Sarunas Jasikevicius setzt sich gegen Serbiens Stefan Markovic durch Bild: dpa

Litauen hat nur drei Millionen Einwohner, aber unter dem Korb ist das kleine Land eine Großmacht. Kein Wunder, dass beim Gastgeber der EM alles auf den Titel hinarbeitet - die Zuschauer inklusive.

          Sarunas Jasikevicius ist heim gekehrt, als hätte es die drei Jahre Pause nicht gegeben. Der 35 Jahre alte Basketballprofi hat in der NBA und in den größten Ligen Europas gespielt. Mit jedem Schritt bei der Europameisterschaft in Litauen begreift er einen großen Traum: Er darf, ja, er muss den Titel, den er vor acht Jahren mit seinem Team in Schweden gewann, seinen Landsleuten bringen.

          Michael Reinsch

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Als Jasikevicius am Mittwoch im Spiel gegen Serbien einige Minuten gepasst und geschossen, gebrüllt und gestenreich lamentiert hat, ruft Luigi Lamonica ihn zu sich. Der erfahrene Schiedsrichter ermahnt den Aufbauspieler, das Publikum mit seinen Protesten nicht noch weiter gegen die Schiedsrichter und das gegnerische Team aufzubringen. Jasikevicius gibt sich einsichtig. Doch was soll er machen? Das Publikum - 11.000 Litauer in grüner und gelber Kleidung - brüllt und singt, tanzt und trötet und spielt ganz offensichtlich mit. Die Serben sind beeindruckt, die Schiedsrichter sind es noch mehr, und gemeinsam lassen sie den ersten dreistelligen Sieg des Turniers zu, 100:90. Wer bei dieser EM gegen Litauen antritt, und sei es als Schiedsrichter, der nimmt es mit Tausenden von tobenden Zuschauern, nein: der nimmt es mit ganz Litauen auf.

          Das kleine Land an der Ostsee, auf halber Strecke zwischen Kiel und St. Petersburg gelegen, mag mit seinen gut drei Millionen Menschen weniger Einwohner haben als Berlin. Doch im Basketball ist es eine Großmacht. Was Brasilien für den Fußball ist, ist Litauen für Basketball: die Heimat unzähliger Stars, der sprudelnde Quell von Talenten, die überall auf der Welt ihr Publikum mit Sportsgeist und magischer Ballbehandlung verzaubern.

          Wer bei dieser EM gegen das Team Litauens antritt, nimmt es mit ganz Litauen auf: Der Serbe Perovic hat es erlebt

          Oder anders ausgedrückt: Was Basketball für Litauen, die einstige Sowjetrepublik, bedeutet, lässt sich nur mit der Bedeutung des Eishockey für den vergangenen sowjetischen Satellitenstaat Tschechoslowakei vergleichen. Was seit der Niederschlagung des Prager Frühlings die Erfolge der CSSR über die UdSSR bedeuteten, das waren die erfolgreichen Schlachten von Zalgiris Kaunas gegen den Militärsportklub ZSKA Moskau in der sowjetischen Basketball-Meisterschaft.

          Die drei Titel des Klubs aus der früheren litauischen Hauptstadt - 1985, 1986 und 1987 - stehen auf einer Stufe mit den drei Bronzemedaillen des unabhängigen Litauen bei den Olympischen Spielen. Das Dream Team von Barcelona 1992 war für Litauer nicht die amerikanische NBA-Auswahl, sondern das eigene Team, in dem lebende Legenden wie das 2,21 Meter lange Basketball-Genie Arvydas Sabonis und sein kongenialer Aufbauspieler Sarunas Marciulionis mithalfen, Platz drei zu erreichen. „Ein kleines Land will immer zeigen: Hey, uns gibt es auch“, sagte Sabonis, als er in diesem Sommer als Botschafter der Titelkämpfe durch Europa reiste. Er hatte um Aufmerksamkeit und zumindest sportliche Anerkennung für Litauen bereits gekämpft, als an den Zerfall des Ostblocks noch nicht zu denken war. Als Sabonis gemeinsam mit Marciulionis in der sowjetischen Mannschaft Olympiasieger von Seoul 1988 wurde, nach dem kaum auskurierten Riss seiner Achillessehne, brachte er die sowjetischen Funktionäre zur Weißglut - mit einem T-Shirt, das auf seiner breiten Brust den Schriftzug Lietuva trug, Litauen.

          Kaunas ist die Basketball-Hauptstadt Litauens

          Das alles schwingt mit, wenn die Litauer vor den Spielen voller Inbrunst singen: „Litauen, unser Vaterland/Land der Heldengrößen/Dass aus den vergangenen Tagen/Kraft den Söhnen sprieße.“ Die erste Strophe der Nationalhymne. Und es macht deutlich, warum die Endrunde der EM nicht in der mit Basketballkörben an fast jeder Straßenlaterne herausgeputzten Hauptstadt Vilnius ausgetragen wird, sondern in Kaunas. Das ist die Basketball-Hauptstadt Litauens.

          Sabonis kehrte nach Jahren in Spanien und bei den Portland Trail Blazers in der NBA zurück und schenkte mit 39 Jahren sein letztes Jahr als Basketballspieler, die Saison 2003/04, Zalgiris. Heute betreibt er dort eine Basketballschule. Sie ist die größte von sechs in Kaunas, eine von gut sechzig im ganzen Land. „Kein Talent geht verloren“, sagt Sabonis. Den Besten, so geht das Geschäft, gewähren die Schulen Stipendien und profitieren von deren Transfer ins Ausland.

          WM-Platz drei war ein Versprechen auf mehr

          Zwar sind für diese Europameisterschaft NBA-Stars wie Dirk Nowitzki, Joakim Noah, Tony Parker, Pau Gasol, Juan Carlos Navarro, Hedo Türkoglu, Andreï Kirilenko und Luol Deng nach Litauen gekommen. Doch den Litauern sind ihre eigenen Stars genug. Im vergangenen Jahr half NBA-Spieler Linas Kleiza dem Team, bei der Weltmeisterschaft Platz drei zu erreichen: ein Versprechen auf mehr. Nun fehlt Kleiza wegen einer schweren Verletzung, die Center Marijonas Petravicius und Darjus Lavrinovic sind kurzfristig ausgefallen. Doch neben Altmeister Jasikevicius scheint schon die goldene Zukunft auf.

          Jonas Valanciunas, ein Neunzehnjähriger von 2,10 Meter Länge, hat es als erster aus der U-19-Mannschaft, die Weltmeister geworden ist, in die Auswahl der Erwachsenen geschafft. Der Riese mit dem feinen Händchen gilt bei Litauern wie NBA-Scouts als neuer Sabonis. Er wird zu spüren bekommen, welche Erwartungen mit diesem Lob einhergehen. Er wird in diesen Tagen aber auch erfahren: Wer der Basketballauswahl Litauens entgegentritt, stellt sich, zumindest nach Überzeugung der Litauer, der historischen Bestimmung eines Volkes in den Weg.

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