https://www.faz.net/-gtl-t1lg

Letzigrund : Eine magische Piste und das beste Publikum der Welt

  • -Aktualisiert am

Der Star ist das Stadion: Wilson Kipketer jubelt im Vordergrund Bild: picture-alliance / dpa

Die Leichtathletik-Gala „Weltklasse Zürich“ im Letzigrund findet diesmal auf einer Baustelle statt. Das „beste Publikum der Welt“ wird dennoch auf seinen Plätzen sein. Auf den Stehplätzen. Leute, die wissen, was eine Zeit, eine Höhe, eine Weite wert sind.

          3 Min.

          In etwas mehr als einem Jahr wird in Zürich das neue Letzigrund-Stadion eröffnet. Für die jährliche Leichtathletik-Gala „Weltklasse Zürich“ wird es bereit sein. Das grenzt an ein Wunder.

          Weil erstens das alte, mythische Stadion, in dem 23 Weltrekorde und über 300 Landesrekorde aufgestellt worden sind, noch immer steht und an diesem Freitag ein letztes Mal die Golden League empfängt. Und weil zweitens der Weg zum Stadionbau in der Schweiz in der Regeln mit derart vielen juristischen Einsprüchen gepflastert ist, daß es Jahre dauern kann, bis auch nur die Bewilligung erteilt wird.

          Weltklasse auf der Baustelle

          Das erlebten die Zürcher mit dem geplanten Neubau des Hardturm-Stadions auf der andern Seite der Bahngleise, dort, wo die Grasshoppers zu Hause sind. Dieses Stadion mit integriertem Einkaufszentrum hätte 2007, rechtzeitig für die Fußball-Europameisterschaft, bereit sein sollen. Einsprüche von Umweltschützern verhindern bis heute den Baubeginn.

          Einer von 23 Weltrekorden in Zürich: Haile Gebrselassie über 5000 Meter

          Die Stadt Zürich, die auf die EM-Spiele nicht verzichten wollte, forcierte den Umbau des Letzigrunds, obwohl diese Anlage wegen der Laufbahn für Fußball wenig geeignet ist. Mit potentiellen Gegnern wurde rechtzeitig verhandelt, am 15. November 2005 erfolgte der Spatenstich. Seither arbeiten rund hundert Personen auf der Baustelle am 70 Millionen-Euro-Projekt.

          Besonders schnelle Daumen

          Das „Meeting“, wie die Veranstaltung ganz schlicht auch genannt wird, findet diesmal also auf einer Baustelle statt. Von der Infrastruktur rund um das Stadion steht nichts mehr. Die Athleten müssen sich im „Utogrund“ einlaufen. Ein Shuttle-Service bringt sie dorthin und wieder zurück.

          Die VIP-Zelte stehen auf der Baustelle. Wer dort sein „Cüpli“ (so heißt das mit Champagner gefüllte Glas hier) trinken will, muß sich durch die neue Tribüne kämpfen, deren Konturen bereits stehen. Die Zugänge sind eng und versperrt. Jede freie Fläche in der Umgebung wurde hinzugemietet, um genügend Platz für die Infrastruktur zu haben. Kostenpunkt: 500.000 Franken oder 300.000 Euro.

          Jede Kurve hat ihre Rituale

          Wer im Stadion sitzt, wird von alldem wenig mitbekommen. Denn dort ist noch einmal alles so, wie es immer war. Dort darf sich das Publikum noch ein letztes Mal im gewohnten und ach so liebgewonnen Rahmen selber feiern. Als „das beste der Welt“, wie jede Athletin und jeder Athlet, bei jeder Gelegenheit, die sich bietet, immer wieder betont.

          Es ist anzunehmen, daß sich die Altmeister, die sich noch einmal die Ehre geben, diesem Lob anschließen werden. Sie heißen Martin Lauer, Armin Hary, Mike Boit, Wilson Kipketer, Hicham El Guerrouj, Moses Kiptanui, Patrick Sang, Greg Foster, Renaldo Nehemiah, Colin Jackson, Harald Schmid, Don Quarrie, Frankie Fredericks und Heike Drechsler. Sie haben mit ihren Rekorden die Rundbahn im Letzigrund zur „magischen Piste“ gemacht.

          Wissen, was eine Weite wert ist

          Wobei dies in ganz besonderem Maß für die beiden Deutschen Martin Lauer und Armin Hary gilt. Lauer eröffnete 1959 die Serie der Letzigrund-Weltrekorde, als er die Hürdensprint-Bestleistung von 13,4 auf 13,2 drückte. Hary lief ein Jahr später als erster Mensch die 100 Meter in zehn Sekunden. Es waren handgestoppte Zeiten. Und die Zürcher hatten den Ruf, besonders schnelle Daumen zu haben.

          Das „beste Publikum der Welt“ verdankt seinen Ruf den Stehplätzen. Den etwas teureren in der Zielkurve und den etwas billigeren auf der gegenüberliegenden Seite beim Diskuswerfen und beim Hochsprung. Es sind immer dieselben, die dort stehen. Keinem käme in den Sinn, die Seite zu wechseln. Es wäre auch schwierig, all die Rituale, die zu jeder Kurve gehören, zu lernen.

          Enge Beziehung zwischen Publikum und Stars

          Wer ein Ticket für die Zielkurve hat, ist schon um sechs Uhr abends bereit und übt sich bei der ersten Gelegenheit im rhythmischen Klatschen. Darüber freuen sich die Buben und Mädchen, die eine Staffel laufen, und die nationalen 1500- Meter-Läufer. Das „beste Publikum der Welt“ schätzt jede Leistung. Aber es ist sich auch bewußt, daß es den Ruf, besonders fachkundig zu sein, jedes Jahr aufs neue verteidigen muß.

          Also weiß es, was eine Zeit, eine Höhe, eine Weite wert sind. Aber es freut sich auch über ein taktisches Rennen mit einem phantastischen Endspurt. Denn damit hebt man sich deutlich ab vom „Cüpli-Publikum“ auf der Haupttribüne, das von irgendwem eingeladen ist und nur deshalb hier ist, weil man hier sein muß. Und das nicht ganz zufrieden ist, wenn keine Weltrekorde fallen.

          Lars Riedel ist Chef der Nordkurve

          Den beiden Stehrampen ist gemeinsam, daß sich dort eine enge Beziehung zwischen Publikum und Stars entwickelt. Norden und Süden haben ihre eigenen Lieblinge. Die Helden des Südens sind die Läufer, die nach dem Ziel direkt zur Absperrung laufen und die Blumen, die ihnen Sekunden zuvor in die Hände gedrückt worden sind, in die Menge werfen. Die so lange Hände abklatschen, bis die letzte dargebotene Fläche abgeklatscht ist.

          Darauf sind die Fans im Norden etwas neidisch. Doch sie haben gute Gründe, um dort zu sein, wo sie sind. Die Nordkurve ist eine große Familie, zu der neben den Zuschauern auch die Diskuswerfer, die Hochspringerinnen und die 200-Meter-Läufer, die dort ihre Startblöcke einstellen, gehören. Der Chef der Nordkurve ist Lars Riedel, der deutsche Diskuswerfer. Zwei Meter groß, hundertzehn Kilo schwer, fünfmaliger Weltmeister und, viel wichtiger: zwischen 1992 und 1999 siebenmaliger Sieger im Letzigrund. Seither hat er in Zürich nicht mehr gewonnen. Doch was soll's. Riedel hat hier sein Wohnzimmer. Und das wissen alle, die ihm zuschauen. Da werden die Sinne der Fans schon wach, wenn er den Trainingsanzug auszieht.

          Eines ist versprochen: Auch wenn das Stadion für die Fußball-EM um- und ausgebaut wird und Stehplätze im modernen Fußball tabu sind, wird es für die Leichtathletik-Gala Stehplätze geben. Damit die Fans das auch glauben, erhalten alle Zuschauer, die in diesem Jahr ein Stehplatzticket lösen, eine Option für einen verbilligten Stehplatz-Eintritt im nächsten Jahr.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Der Hauptangeklagte Stephan E. mit seinem Verteidiger.

          Geständnis von Stephan E. : „Es war falsch, feige und grausam“

          Eine schwere Kindheit, Jähzorn und Ausländerhass, der vom Vater übernommen sein soll. Nach dem Geständnis von Stephan E., Walter Lübcke erschossen zu haben, ist dessen Familie empört.
          Der türkische Präsident mit seiner Ehefrau Emine in der Hagia Sophia

          Zukunft der Türkei : Kommt jetzt das Kalifat?

          Versperrte Wege: Wofür die Türkei dem Westen nicht mehr zur Verfügung steht und wohin sie unter dem „neuen Sultan“ treibt. Ein Gastbeitrag.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.