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Box-Talent Leon Bauer : Von Hatzenbühl bis nach Las Vegas

Die Zukunft des deutschen Boxsports? Leon Bauer ist ein Naturtalent Bild: Alexander Maschner

Mit gerade 18 Jahren hat Leon Bauer schon in der Kultstätte des Boxens gekämpft – und gewonnen. Der „Löwe aus der Pfalz“ will der beste Boxer der Welt werden. Sein letzter Kampf endete nach nur wenigen Sekunden.

          6 Min.

          Die Grand Garden Arena des MGM-Casinos in Las Vegas ist eine Kultstätte des Boxens. Tyson, Frazier, Mayweather junior, alle haben hier geboxt, und es gibt keinen Kämpfer, der nicht davon träumt, im MGM einmal in den Ring steigen zu dürfen. Im vergangenen April stand ein 17 Jahre alter Deutscher, Leon Bauer aus Hatzenbühl, Kampfname „Der Löwe aus der Pfalz“, in der frugalen Umkleide- und Aufwärmkabine der Arena. Als „German Wunderkind“ angekündigt, war er der jüngste Profiboxer, der jemals in Las Vegas lizenziert wurde.

          Michael Eder

          Sportredakteur.

          BAMMBAMMBAMM! Es gibt Trainingsvideos von Leon Bauer, die zeigen, wie unglaublich schnell er schlägt. Wenn sein Vater Bernd sie zeigt, sagt er immer gleich dazu, „das ist Originalgeschwindigkeit“, kein Schnelldurchgang. Der Vater, ein bulliger Kampfsportler, trainiert den Jungen seit vielen Jahren. An diesem Nachmittag in Las Vegas begannen sie in der MGM-Umkleide mit ihrem Aufwärmprogramm. Als die ersten Schlagkombinationen durch die Luft zischten, wurde es ruhig im Raum, die Köpfe drehten sich zu den beiden Deutschen, Floyd Mayweather senior, der berühmteste Boxtrainer der Welt, hörte auf, seinem Kämpfer die Fäuste zu tapen, und auch Freddie Roach, sein ewiger Gegenspieler, schien baff. „Oh shit“, sagte einer aus dem Hintergrund. „This guy will win.“ Dieser Junge wird gewinnen.

          Verpflichtet, um zu verlieren

          Leon Bauer war eigentlich verpflichtet worden, um zu verlieren, gegen den Russen Ilshat Kushnulgatin im Rahmenprogramm des Superfights zwischen dem Filipino Manny Pacquiao und dem Amerikaner Timothy Bradley. Er war nur ein unbekannter Junge aus Deutschland, den der Berliner Sauerland-Boxstall mitbringen durfte neben Weltmeister Arthur Abraham, der vor dem Hauptkampf seinen WM-Titel gegen den Mexikaner Gilberto Ramirez verteidigen sollte. Kushnulgatin war im Supermittelgewicht gegen Bauer als sicherer Sieger vorgesehen.

          Der Russe mit einer Kampfbilanz von 12:1-Siegen ist acht Jahre älter, größer, schwerer, ein aufstrebender Mann und Sparringspartner von Sergej Kowalew, dem Dreifach-Weltmeister im Halbschwergewicht, der nächsthöheren Klasse im Profiboxen. Er trainiert in Las Vegas im Gym von Mayweather senior, da kann im Profiboxen eigentlich nichts schiefgehen. Doch es kam anders. Der junge Deutsche zeigte in dem Gefecht über sechs Runden von Beginn an eine spektakuläre Leistung, hatte nur in Runde drei ein paar Schwierigkeiten, fightete den erfahrenen Russen danach aber gnadenlos nieder. Die Punktrichter hatten keine Wahl. Bauer gewann seinen bis dahin größten Kampf nach Punkten. Seine Profibilanz blieb makellos: acht Kämpfe, acht Siege, sechs davon durch Knockout.

          Von Las Vegas nach Hatzenbühl. Vom Spieler- und Boxerparadies in einen Ort mit 2800 Einwohnern in der Pfalz. Sie alle zusammen würden das MGM-Hotel nicht einmal zu einem Drittel füllen. In Hatzenbühl sind die Bauers zu Hause. Wer sie besuchen will, fährt in ein kleines Gewerbegebiet, hinter einer Toreinfahrt stehen zwei Hallen, die eine dient als Wohnung, die andere als Gym. Hier betreibt Vater Bauer eine Kampfsportschule, hier hat er seinem Sohn das Boxen beigebracht.

          Wer die Augen schließt und wieder öffnet, der könnte Hatzenbühl für einen Moment mit einem New Yorker Hinterhof verwechseln, mit irgendeinem Gym in Harlem oder der Bronx. Am Eingang wachen Dot und Brockhaus über Haus und Hof, zwei mächtige Dogo Argentinos, die in ihrer Heimat als Jagdhunde für Großwild eingesetzt werden. Hier in Hatzenbühl schauen sie freundlich blickend am Eingang nach dem Rechten. Das Bauer-Gym in der Pfalz ist zu einer bekannten Adresse in der Boxszene geworden, seit Sauerland als Promoter eingestiegen ist, gehen hier Sparringspartner ein und aus, manche kommen aus den Vereinigten Staaten und Russland.

          Um keinen falschen Eindruck zu erwecken: Die Box-Familie Bauer ist keine Schlägertruppe. Es geht hart, aber herzlich zu im Gym, in dem Leon und sein Vater gefühlt ihr halbes Leben verbracht haben. Der Vater, mit dem man ebenso wenig Ärger haben möchte wie mit Dot oder Brockhaus, plant die Karriere seines Sohnes mit Akribie und Verantwortungssinn. Eines hat er nicht akzeptiert: dass der Junge den Amateurboxern in die Hände fällt. Leon trainierte zwischendurch zwar auch am Olympiastützpunkt in Heidelberg, aber die Trainer dort wollten seinen Kampfstil umstellen, hin zur Doppeldeckung, zum passiven, vorsichtigen Boxen.

          Es gibt wenig, was Bernd Bauer mehr verachtet. Der Stil, den er lehrt und den sein Sohn verinnerlicht hat, ist das genaue Gegenteil. „Es hat einfach nicht gepasst bei den Amateuren“, sagt er. „Wir haben nur eine Zukunft, wenn wir es so machen, wie wir es wollen.“ Jahrelang hat er mit seinem Sohn die Defensive trainiert, aber nicht die Doppeldeckung, wie sie Abraham praktiziert, sondern den Stil, den seine großen Vorbilder Muhammad Ali und Roy Jones jr. prägten, das Auspendeln der gegnerischen Schläge, die Reaktionsschnelligkeit, das sichere Auge für die Situation, das Spektakel. Den Gegner schlagen lassen, ausweichen und dann: BAMM!

          Leon Bauer bei seinem Kampf in Las Vegas im April

          „Bevor wir damit begonnen haben, an unserem eigene Style zu arbeiten, lag das Augenmerk nur auf der Defensive“, sagt Leon Bauer. „Sie ist die Grundlage, auf der wir alles aufgebaut haben.“ Darauf setzten sie Offensive und Aggressivität, harte Konterattacken, Schlagkraft und schnelle Kombinationen. „Wir wollen uns irgendwann in Amerika durchsetzen“, sagt Bernd Bauer. „Und dort wollen die Leute keine Langweiler sehen. Dort muss man vorangehen, muss man den Kampf machen. Dort muss man dem Gegner den Schneid abkaufen. Dieses exklusive Boxen ist etwas fürs Auge, es ist das, was wir wollen.“ Der Verzicht auf eine Amateurkarriere, auf das olympische Boxen, war eine grundsätzliche Entscheidung., und die Bauers sind sicher, dass es die richtige war. „Wir sind sehr froh, zu den Profis gewechselt zu sein“, sagt Leon. „Das hat uns viel gebracht, die Erfahrungen, den Einblick. Viel mehr, als wenn ich erst mit 22, 23 zu den Profis gegangen wäre. So habe ich jetzt noch fünf, sechs Jahre, das ist ewig viel Zeit, um zu lernen, viel Zeit zur Vorbereitung auf etwas Großes.“

          Etwas Großes. Las Vegas zum Beispiel. Aber auch dort muss man klein anfangen. Als Leon Bauer seinen Kampf in der MGM-Arena gewonnen hatte, am Nachmittag vor wenigen Zuschauern, wurden er und sein Vater aus der Halle komplimentiert, und als abends die Hauptkämpfe stiegen, mit einer heftigen Niederlage Abrahams gegen den Mexikaner Ramirez, da hatte Bernd Bauer zwar Eintrittskarten für sich und seinen Filius in der Tasche, aber für seine Frau und die anderen beiden Kinder nicht, und weil er nicht 1500 Dollar für drei Tickets ausgeben wollte, schauten sie sich die Hauptkämpfe draußen auf einem Casino-Monitor an.

          „Man hat mir keine Chance gegeben“

          Die Nachricht, in Las Vegas boxen zu dürfen, hatte Leon Bauer erst drei Wochen vor dem Kampf bekommen. Gegner Kushnulgatin war zu diesem Zeitpunkt längst in der Vorbereitung. Aber so eine Chance bekommt man nicht alle Tage. Und auch wenn manche sagten, macht den Jungen nicht kaputt, das ist doch Wahnsinn, ihn gegen diesen starken Russen antreten zu lassen, haben sie in Hatzenbühl ja gesagt, machen wir. „Man hat mir keine Chance gegeben“, sagt Leon Bauer. „Aber ich bin nicht hingegangen, um zu verlieren. Ich wusste, was ich wollte. Der Sieg war ein großer Schritt für mich. Keiner kann jetzt mehr sagen, du hast nur Fallobst geboxt.“

          Las Vegas war für die Bauers eine harte Nummer. Zehn Tage hatte Promoter Sauerland zunächst als Reisezeit angesetzt, doch Bernd Bauer sagte, das ist zu viel. Mehr als drei Tage Fehlzeit in der Schule sei nicht drin, schließlich habe man das Ziel, dass Leon vor Beginn der erhofften großen Boxkarriere im nächsten Frühjahr sein Fachabitur mache, und dieses Ziel nehme man so ernst wie das Boxen. Der Vater strich das Programm auf fünf Tage zusammen. Dienstag war Leon noch auf der Schule in Wörth am Rhein, Mittwoch stiegen sie ins Flugzeug, Donnerstag und Freitag Eingewöhnung in Las Vegas, Samstag der Kampf, Sonntag Rückflug nach Deutschland.

          „Es war knapp“, erzählt Leon, „wir hatten das total unterschätzt. In der ersten Nacht sind wir von drei bis sechs Uhr in Las Vegas spazieren gegangen, weil wir nicht schlafen konnten. Mir ging es die ganzen Tage schlecht, aber ich habe mich durchgebissen.“

          Sich durchbeißen - darum geht es. Im Boxen, sagt Leon, komme man in harten Kämpfen immer an einen Punkt, an dem es physisch nicht mehr weitergehe, einen Punkt, ab dem der Körper nicht noch mehr leisten könne. Ab diesem Punkt entscheide nur noch der Kopf. „Es gewinnt dann der, der härter gegen sich selbst kämpft als der andere. Der größte Gegner ist man selbst, auch ihn muss man in die Knie zwingen.“ Leon Bauer gewann in Las Vegas auch diesen Kampf. Montags saß er wieder in der Schule.

          Wenige Sekunden bis zum K.o.

          Nach Las Vegas fuhren die Bauers das Boxen herunter und das Lernen herauf. „Bevor ich mit den Zwölf-Runden-Kämpfen anfange, will ich die Schule abgeschlossen haben“, sagt Leon. „Das ist eine solche Beanspruchung, körperlich und mental, dass ich dann zu hundert Prozent dabei sein muss. Boxen bedeutet einen enormen psychischen Druck, für zwölf Runden muss die körperliche und mentale Verfassung am Maximum sein.“ Das erfordert harte, konzentrierte Arbeit. „Fortschritte im Spitzensport zu erreichen ist Millimeterarbeit, und es dauert lange, bis man einen Zentimeter vorankommt.“

          Am Samstag boxte Leon Bauer wieder, das erste Mal seit Las Vegas. Ein Aufbaukampf gegen den Georgier Giorgi Khulelidze in Neubrandenburg im Rahmen des WM-Fights von Jürgen Brämer. Er dauerte nur wenige Sekunden bis Bauer seinen Gegner K.o. schlug. Am 3. Dezember dann wird Bauer in Karlsruhe um den WBC-Weltmeistergürtel der Junioren kämpfen. Gewinnt er, wäre er mit 18 Jahren der jüngste Juniorenweltmeister in der Geschichte des World Boxing Council. Und es wäre ein erster Schritt zum großen Ziel. „Ich will der Beste der Welt werden.“ Darunter machen es die Bauers nicht.

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