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Lendl trainiert Murray : Der Mann für den letzten Schritt

Den ersten Grand-Slam-Titel im Blick: Mit Lendl als Trainer soll es für Murray klappen Bild: AFP

Er war der Meister der Strategie: Nun will der ehemalige Weltranglistenerste Ivan Lendl den Schotten Andy Murray zum ersten Grand-Slam-Titel führen. Am Freitag steht die Probe durch Djokovic an.

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          Es klingt immer noch etwas verwegen, aber wenn es wirklich klappen sollte, dann wird es als grandiose Idee in die Tennisgeschichte eingehen. Andy Murray hatte immer betont, er werde nur einen neuen Trainer präsentieren, wenn er wirklich davon überzeugt sei, dass der ihm weiterhelfe. Die Luft da oben ist aber schon dünn, denn Murray ist Weltranglistenvierter und nur durch eine unsichtbare Linie von den großen drei dieses Sports getrennt.

          Peter Penders

          Stellvertretender verantwortlicher Redakteur für Sport.

          Novak Djokovic, Rafael Nadal und Roger Federer haben zuletzt die Grand-Slam-Titel unter sich aufgeteilt, und Andy Murray durfte zusehen. Drei Grand-Slam-Endspiele hat der Schotte bislang erreicht und verloren, darunter jenes vor einem Jahr in Melbourne gegen Djokovic. Ihm weiterzuhelfen heißt also, ihm beizubringen, wie man große Titel gewinnt. Und das macht seit Anfang des Jahres Ivan Lendl, der nach seinem Karriereende als Spieler 18 Jahre lang einen großen Bogen um jedes Tennisturnier gemacht hatte.

          Die nächste Hürde: Novak Djokovic, Nummer eins der Welt

          In der Branche gibt es nicht wenige, die glauben, Murray habe den entscheidenden Schachzug seiner Laufbahn getätigt. Dem 24 Jahre alten Schotten hat es in der Vergangenheit immer an mentaler Stabilität gemangelt, er wirkte stets ein wenig verloren in den großen Spielen, und es musste nie viel geschehen, damit sein Selbstvertrauen sich auf Nimmerwiedersehen verabschiedete.

          Im vergangenen Jahr hatte Murray in Melbourne, Paris, London und New York jeweils das Halbfinale erreicht, und nirgendwo war dieses Manko so zu beobachten gewesen wie ausgerechnet in Wimbledon. Murray beherrschte Nadal einen Satz lang, aber ein einziger Fehlschlag zu Beginn des zweiten Durchgangs ließ die gesamte Partie kippen.

          94 Titel, 270 Wochen Nummer eins der Welt

          „Er braucht mich nicht, um ein Halbfinale zu erreichen", sagt der mittlerweile 51 Jahre alte Lendl. Doch wie man den letzten Schritt macht auf dem Weg zu einer großen Karriere, da ist vielleicht tatsächlich niemand ein besserer Lehrmeister als der gebürtige Tscheche.

          Lendl hat vor allem eine Gemeinsamkeit in ihren Karrieren zur Zusammenarbeit gereizt. Auch er hatte einige Zeit gebraucht, um den Durchbruch zu schaffen. Lendl verlor seine ersten vier Grand-Slam-Finals und war schon als ewiger Verlierer abgestempelt. Doch mit dem Sieg in Paris änderte sich alles, er gewann insgesamt 94 Titel - darunter acht Grand-Slam-Turniere - und führte 270 Wochen die Weltrangliste an.

          Man könnte nun skeptisch anführen, dass sich in diesem Spiel doch so viel geändert habe, dass es sich niemand leisten kann, einfach 18 Jahre wegzubleiben und sich dann einzubilden, er könne einem Weltklassespieler weiterhelfen. Aber Lendl war immer anders. Er war der Analytiker, der sich schon mit methodischen Trainingsreihen beschäftigte, als andere noch hauptsächlich ihrem Talent vertrauten, er war ein Meister der Strategie, als andere noch auf ihre Intuition setzten.

          Lendl ist der harte Arbeiter geblieben

          „Tennis ist auch Psychologie, vor allem wenn man gegen jemanden spielt, der ganz oben steht. Nachdem er mich einmal geschlagen hatte, gewann er immer häufiger und müheloser. Mir bleibt nur ein Weg: Ich muss hart arbeiten. Meine Schnelligkeit und meine Kondition müssen noch besser werden. Ich arbeite wirklich hart daran. Vor den Turnieren trainiere ich bis zu sechs Stunden täglich. Alles, was ich erreicht habe, zumindest das meiste, verdanke ich harter Arbeit. Und wenn ich mein Niveau halten will, muss ich so weiterarbeiten", sagt Lendl. Oder besser: sagte er, im Februar 1985 in einem „Spiegel"-Interview.

          26 Jahre später ist der Trainer Lendl vom Spieler Murray beeindruckt. „Niemand arbeitet so hart für den Erfolg wie er. Ich will ihm helfen, dass seine Karriere so endet wie meine." Käme es so weit, wäre das ohne Frage eine Geschichte wie aus einem verrückten Drehbuch eines Hollywood-Filmes entsprungen. Aber ganz so romantisch verklärt ist diese Angelegenheit nicht. Lendl ist der harte Arbeiter geblieben, der er immer war, und wenn er wie nun in Melbourne erzählt, er habe zur Vorbereitung Videostudien potentieller Gegner betrieben, dann sollten die Konkurrenten das besser auch glauben. Wenn es eine Schwäche gibt, dann wird sie Murrays neuer Trainer entdeckt haben.

          Aber da bleibt immer noch das große Manko von Murray, die Nervenschwäche, dieser Hang, zu schnell den Glauben an sich zu verlieren. Der Schotte hat mittlerweile 21 Titel gewonnen, davon 19 auf Hartplätzen, doch ausgerechnet auf diesem Belag hat er eben auch seine drei Grand-Slam-Endspiele verloren.

          Djokovic merkwürdig erschöpft

          „Er hat hier im letzten Jahr gegen Djokovic verloren, was für viele eine Enttäuschung war. Doch so wie Djokovic in der vergangenen Saison gespielt hat, wissen wir alle, dass er herausragend war. Und darüber hinaus hat Andy zwei Endspiele gegen Federer verloren, den erfolgreichsten Spieler der Geschichte. Wo also soll die Enttäuschung sein?", fragt Lendl.

          Am Freitag (9.30 Uhr/ live in Europsport) steht diese neue Liaison vor ihrer ersten großen Bewährungsprobe. Murray trifft nach seinem überzeugenden Dreisatzsieg über den Japaner Nishikori auf Djokovic, der im anderen Viertelfinale den Spanier David Ferrer ausschaltete und dabei zeitweise merkwürdig erschöpft wirkte.

          Lendl erwartet, dass er auch am Sonntag im Stadion sitzt, um seinem Spieler im Finale zuzusehen. Er hat ein paar Kleinigkeiten geändert, er hat viel geredet. Nun ist Murray dran, Lendl sieht seinen Einfluss als begrenzt an. „Nur der Spieler selbst hat das Gefühl dafür, was im Augenblick auf dem Platz passiert. Wer draußen sitzt, hat das nicht, auch wenn er der beste Trainer der Welt ist. Der Spieler muss entscheiden, was er macht", auch das hat Lendl gesagt, 1986 in einem anderen Interview. Hat sich doch gar nicht so viel geändert.

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