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Leichtathletik : Wo sollen sie hin?

Ungewisse Zukunft: Leichtathletik beim TV Wattenscheid Bild: dpa

Der TV Wattenscheid, Kaderschmiede der Leichtathletik, droht unterzugehen. Er könnte Opfer einer Provinzpolitik werden, die sich von Promi-Glanz blenden ließ. Seinen Sportlern bieten sich kaum Alternativen.

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          Miroslav Jasinski ist ein Berg von einem Mann. 1984 kam er als Diskuswerfer aus Bydgoszcz in Polen zum TV Wattenscheid ins Ruhrgebiet. Heute ist der 53-Jährige Trainer an dieser Kaderschmiede West, einem der letzten Großvereine in der Leichtathletik. Der 2,04 Meter große Mann betreut Kugelstoßerinnen und Diskuswerfer, und neben seiner Erfahrung dürfte auch die Ruhe, die er ausstrahlt, zu deren Erfolg beitragen. „Ich werde nicht nervös“, sagt er, während er in seinem Büro im Olympiastützpunkt am Computer arbeitet: „Aber ich würde niemandem diesen Job empfehlen.“

          Michael Reinsch

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Der Deutsche Leichtathletik-Verband und das Land Nordrhein-Westfalen haben ihm signalisiert, dass sein im vergangenen Monat ausgelaufener Vertrag verlängert werden solle; es war der erste Arbeitsvertrag seines Lebens über mehr als zwölf Monate. Doch noch hat der Familienvater nichts in der Hand. Er fragt sich, ob am Monatsende ein Gehalt eingehen wird. Und nun droht auch noch sein Verein unterzugehen, der ruhmreiche TV Wattenscheid.

          „Das wäre der GAU für die Leichtathletik“, sagt der westfälische Verbandsvizepräsident Hans Schulz: „Ohne Wattenscheid wäre die Perspektive für Rio 2016 eingeschränkt.“ Die Leichtathletik-Hochburg im Westen von Bochum, ein weitläufiges Areal von Lohrheide-Stadion, Trainingshallen und Wohngebäude, droht zum Kollateralschaden eines politischen Skandals zu werden.

          25.000 Euro an Prominente: Jetzt sparen die Stadtwerke Bochum bei den Sportlern
          25.000 Euro an Prominente: Jetzt sparen die Stadtwerke Bochum bei den Sportlern : Bild: dpa

          Ausgerechnet der Leichtathletik-Klub, den der Unternehmer Klaus Steilmann vor gut vierzig Jahren mit aus der Taufe hob, um den Namen seiner Heimat Wattenscheid in die Welt zu tragen, könnte Opfer werden einer Provinzpolitik, die sich von Promi-Glanz verblenden ließ, sowie der Unglücksfahrt, auf welche sich Peer Steinbrück mit seiner Kandidatur um die Kanzlerschaft begeben hat. Es kam zum Krach, als Steinbrück seine Einkünfte veröffentlichte. Dabei kam heraus, dass die Stadtwerke der mit einem Nothaushalt verwalteten Stadt Bochum gern mal 25.000 Euro an Prominente zahlten. An Peter Maffay und Richard von Weizsäcker, Joschka Fischer und Uli Hoeneß, Senta Berger oder Hans-Dietrich Genscher, die mit ihrer Anwesenheit eine exklusive Veranstaltung garnierten.

          Die Hälfte von 400 Euro ist entscheident

          Nach einer Welle der Empörung versprachen die Stadtwerke, ihr Sponsoring zu überdenken. Pressemeldungen lassen erwarten, dass sie ihr Budget von 4,5 auf 2,4 Millionen Euro zusammenstreichen. Hauptleidtragende dürften der Zweitliga-Fußballklub VfL Bochum sein, den allein die Stadtwerke mit zwei Millionen versorgen, und der TV Wattenscheid, dessen Budget von knapp einer Million Euro zu sechzig Prozent vom Geld der Stadtwerke bestritten wird. Ironie der Geschichte: Sport war das Thema, zu dem der ehemalige Reporter Werner Hansch bei der Veranstaltung Steinbrück befragte.

          Trainer Jasinski kann sich ausrechnen, was passiert, wenn der Aufsichtsrat der Stadtwerke auf seiner Sitzung am 16. April unter dem Druck der Öffentlichkeit beschließt, die Unterstützung der Leichtathleten „nur“ um 100.000 Euro zu kürzen. „Ob ein Fußballprofi eine Million oder 1,2 Millionen verdient, ist egal“, sagt er: „Aber wenn jemand die Hälfte von 400 Euro verliert, dann ist das ein Faktor.“

          Noch springen sie: Malte Mohr
          Noch springen sie: Malte Mohr : Bild: dpa

          Jasinski befürchtet, dass dreißig von vierzig Kaderathleten den TV Wattenscheid verlassen könnten. Dann wären die zwanzig hauptamtlichen Trainerstellen und ebenso viele ehrenamtliche gefährdet. Jasinski hat so einen Kollaps 1993 schon einmal erlebt, als er nach vier Einjahresverträgen nicht weiterbeschäftigt werden konnte; Mäzen Steilmann stieg aus, als sein Geschäft schlecht lief. Jasinski ließ sich vom Arbeitsamt zum Industriekaufmann umschulen. Nach zwei Jahren gab es wieder Arbeit beim TV Wattenscheid. Jasinski kehrte, Jahr um Jahr neu verpflichtet, als Trainer von Oliver-Sven Buder und Michael Möllenbeck zurück. „Ich kann mir nicht vorstellen“, sagt er nun, „dass ich ohne Athleten bleiben kann.“

          Internat existentiell gefährdet

          Ebenso wenig ist vorstellbar, dass der Olympiastützpunkt erhalten bliebe, erlebte der TV Wattenscheid einen Exodus seiner Top-Athleten. Vierzig der sechzig Kadersportler, die dort betreut werden, sind Leichtathleten. Damit wären auch das Internat, das sich Leichtathleten und Fußballer teilen und an das Schulen aus der Nachbarschaft 14 Lehrer entsenden, existentiell gefährdet.

          Noch laufen sie: Jan Fitschen
          Noch laufen sie: Jan Fitschen : Bild: picture alliance / dpa

          „Leichtathletik in der Spitze ist prekär“, sagt Verbandsvizepräsident Schulz, ein ehemaliger Schulrektor: „Einerseits winkt Lorbeer, andererseits droht eine mangelhafte Ausbildung.“ Athleten wie Klubs brauchten deshalb Hilfe von außen. „Die gesamte Konstruktion ist ein Kartenhaus“, schildert der zweite Vorsitzende des TV, Hans-Peter Anders, die Lage: „Wir sind schnell bei der Frage: Will Deutschland Olympiateilnehmer?“ Acht Leichtathleten aus Wattenscheid waren bei den Olympischen Spielen von London am Start. „Das muss die Gesellschaft diskutieren. Wenn sie Olympiateilnehmer will, muss sie auch sagen, wer sie fördert.“

          Es gehe um überschaubare Beträge, sagt Axel Schäfer, Bundestagsabgeordneter der SPD aus Bochum. „Im Sport können wir etwas erhalten“, sagt er in Anspielung auf die Werksschließungen von Nokia und Opel in Bochum: „Der TV Wattenscheid steht für Lokalpatriotismus und für Weltläufigkeit zugleich. Er verschafft Bochum positive Schlagzeilen.“

          77 geförderte Leichtathleten beim TV Wattenscheid

          Im Schnitt, versichert Anders, erhielten geförderte Sportlerinnen und Sportler in Wattenscheid nicht mehr als 5000 Euro im Jahr. Da zu ihnen erfolgreiche Athleten und damit Besserverdiener wie der aus Wattenscheid stammende Stabhochspringer Malte Mohr gehören, der in München lebt und trainiert, Deutschlands schnellste Sprinter um Julian Reus und Alexander Kosenkow, der einstige Europameister über 10.000 Meter Jan Fitschen, dürften die meisten sich tatsächlich mit Zuwendungen um 400 Euro monatlich zufrieden geben müssen.

          Noch sprinten sie: Julian Reus
          Noch sprinten sie: Julian Reus : Bild: dpa

          77 geförderte Athleten treiben Leistungssport beim TV Wattenscheid, 380 Kinder sind auf dem Sprung, in ihre Fußstapfen zu treten. Es könnten viel mehr sein, wie eine lange Warteliste beweist. Mit seinem Bekenntnis zum Leistungssport ist der Klub eine Ausnahme in der Welt der Vereine für Hobby- und Gesundheitssport, mit Sprint und Wurf, mit Hoch- und Weitsprung eine Kuriosität in einer Gesellschaft, in der es nur Geld für Fußball, Formel 1, Golf und Tennis zu geben scheint. „Die Situation ist mir nicht fremd“, sagt Sabine Braun, die in der Halle eine Gruppe von vierzehnjährigen Mädchen trainiert. „Ich war als Athletin immer auf der Suche nach Geldgebern, die mir meinen Job finanzieren.“

          Das war schon nicht leicht, als sie 1991 in Tokio und 1997 in Athen die Weltmeisterschaft im Siebenkampf gewann, als sie Hallenweltmeisterin und zwei Mal Europameisterin wurde und sich fünf Mal für die Olympischen Spiele qualifizierte. Heute empfindet sie das drohende Ende als unvorstellbar. Womöglich aber können die Top-Athleten, selbst wenn sie gehen wollen, gar nicht weg. „Athleten müssen gucken, woher Geld kommt“, sagt Sabine Braun: „Aber es sind ja nicht mehr viele Großvereine übrig. Wo wollen sie denn hin?“

          „Erstaunen und Respekt“ für Steilmann

          Die groteske Situation empfindet Norbert Lammert als symptomatisch. In Wattenscheid hat der Präsident des Deutschen Bundestages seinen Wahlkreis, seit vierzig Jahren ist er Mitglied des VfL Bochum, bei der deutschen Leichtathletik-Meisterschaft im Lohrheide-Stadion im vergangenen Jahr gehörte er zu den Besuchern. „Der Sport hat sich in Größenordnungen geschraubt, die ihn außerstande setzen, den Ansprüchen zu genügen, die er für unverzichtbar erklärt“, konstatiert er. Es sei eine wichtige, auch öffentliche Aufgabe, Vereine zu fördern. Doch es sei eine Frage, in welchem Umfang die Öffentlichkeit Sport fördern solle, der nicht mehr ehrenamtlichem Engagement entspringe, sondern hochprofessioneller Beschäftigung.

          Aus Wattenscheid in die Welt: Klaus Steilmann (1929-2009)
          Aus Wattenscheid in die Welt: Klaus Steilmann (1929-2009) : Bild: dpa

          Für das Engagement des Sponsors Steilmann drückt er „Erstaunen und Respekt“ aus, für den kurzen Höhenflug des Fußballvereins Wattenscheid 09 von vier Spielzeiten Anfang der Neunziger in der Bundesliga ebenso wie für das Phänomen TV Wattenscheid. „Bei einem Engagement der Stadtwerke ist das anders“, sagt Lammert. Mit „feudaler Attitüde und segnender Hand“, kritisiert er, hätten diese das Geld derjenigen verteilt, die sie mit Strom und Wasser versorgen müssten. Bochum ist für den Sportfreund Lammert ein Exempel, wie in größerem Maßstab das öffentlich-rechtliche Fernsehen Exzesse im Bundesliga-Fußball ermöglicht. „Die Gebührenzahler werden durch die Zahlung der Sportrechte an der Finanzierung der erstaunlichen Gehälter von Fußballern beteiligt“, sagt Lammert. Dabei bestehe kein Zusammenhang zwischen Leistung und Einkommen.

          Das Kartenhaus TV Wattenscheid

          Anders widerspricht. Der TV Wattenscheid realisiere große Pläne für kleines Geld. Seit der Modernisierung des Stadions 2002 für vier Millionen Euro hat drei Mal die deutsche Meisterschaft in Wattenscheid stattgefunden - mit reichlich prominenten Teilnehmern. Wenn die Leichtathleten nur 20.000 Euro zusammenbringen, können sie ihren renovierten Kraftraum für das Zehnfache ausstatten.

          Das Land übernimmt achtzig Prozent der Kosten. Ebenso beim Neubau eines Werferhauses, welches Speer- und Diskustraining schon im nächsten Winter erlauben könnte: Der Neubau soll 130.000 Euro kosten, die Stadt aber kann die notwendigen zwanzig Prozent nicht beisteuern. Deshalb liegt der Anteil von Bund und Land fest, rund hunderttausend Euro. Nun ist die städtische Sparkasse bereit einzuspringen. Wenn denn das Kartenhaus TV Wattenscheid stehen bleibt.

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