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Leichtathletik : Wo sollen sie hin?

Das war schon nicht leicht, als sie 1991 in Tokio und 1997 in Athen die Weltmeisterschaft im Siebenkampf gewann, als sie Hallenweltmeisterin und zwei Mal Europameisterin wurde und sich fünf Mal für die Olympischen Spiele qualifizierte. Heute empfindet sie das drohende Ende als unvorstellbar. Womöglich aber können die Top-Athleten, selbst wenn sie gehen wollen, gar nicht weg. „Athleten müssen gucken, woher Geld kommt“, sagt Sabine Braun: „Aber es sind ja nicht mehr viele Großvereine übrig. Wo wollen sie denn hin?“

„Erstaunen und Respekt“ für Steilmann

Die groteske Situation empfindet Norbert Lammert als symptomatisch. In Wattenscheid hat der Präsident des Deutschen Bundestages seinen Wahlkreis, seit vierzig Jahren ist er Mitglied des VfL Bochum, bei der deutschen Leichtathletik-Meisterschaft im Lohrheide-Stadion im vergangenen Jahr gehörte er zu den Besuchern. „Der Sport hat sich in Größenordnungen geschraubt, die ihn außerstande setzen, den Ansprüchen zu genügen, die er für unverzichtbar erklärt“, konstatiert er. Es sei eine wichtige, auch öffentliche Aufgabe, Vereine zu fördern. Doch es sei eine Frage, in welchem Umfang die Öffentlichkeit Sport fördern solle, der nicht mehr ehrenamtlichem Engagement entspringe, sondern hochprofessioneller Beschäftigung.

Aus Wattenscheid in die Welt: Klaus Steilmann (1929-2009)
Aus Wattenscheid in die Welt: Klaus Steilmann (1929-2009) : Bild: dpa

Für das Engagement des Sponsors Steilmann drückt er „Erstaunen und Respekt“ aus, für den kurzen Höhenflug des Fußballvereins Wattenscheid 09 von vier Spielzeiten Anfang der Neunziger in der Bundesliga ebenso wie für das Phänomen TV Wattenscheid. „Bei einem Engagement der Stadtwerke ist das anders“, sagt Lammert. Mit „feudaler Attitüde und segnender Hand“, kritisiert er, hätten diese das Geld derjenigen verteilt, die sie mit Strom und Wasser versorgen müssten. Bochum ist für den Sportfreund Lammert ein Exempel, wie in größerem Maßstab das öffentlich-rechtliche Fernsehen Exzesse im Bundesliga-Fußball ermöglicht. „Die Gebührenzahler werden durch die Zahlung der Sportrechte an der Finanzierung der erstaunlichen Gehälter von Fußballern beteiligt“, sagt Lammert. Dabei bestehe kein Zusammenhang zwischen Leistung und Einkommen.

Das Kartenhaus TV Wattenscheid

Anders widerspricht. Der TV Wattenscheid realisiere große Pläne für kleines Geld. Seit der Modernisierung des Stadions 2002 für vier Millionen Euro hat drei Mal die deutsche Meisterschaft in Wattenscheid stattgefunden - mit reichlich prominenten Teilnehmern. Wenn die Leichtathleten nur 20.000 Euro zusammenbringen, können sie ihren renovierten Kraftraum für das Zehnfache ausstatten.

Das Land übernimmt achtzig Prozent der Kosten. Ebenso beim Neubau eines Werferhauses, welches Speer- und Diskustraining schon im nächsten Winter erlauben könnte: Der Neubau soll 130.000 Euro kosten, die Stadt aber kann die notwendigen zwanzig Prozent nicht beisteuern. Deshalb liegt der Anteil von Bund und Land fest, rund hunderttausend Euro. Nun ist die städtische Sparkasse bereit einzuspringen. Wenn denn das Kartenhaus TV Wattenscheid stehen bleibt.

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