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Leichtathletik : Wo sollen sie hin?

Noch springen sie: Malte Mohr
Noch springen sie: Malte Mohr : Bild: dpa

Jasinski befürchtet, dass dreißig von vierzig Kaderathleten den TV Wattenscheid verlassen könnten. Dann wären die zwanzig hauptamtlichen Trainerstellen und ebenso viele ehrenamtliche gefährdet. Jasinski hat so einen Kollaps 1993 schon einmal erlebt, als er nach vier Einjahresverträgen nicht weiterbeschäftigt werden konnte; Mäzen Steilmann stieg aus, als sein Geschäft schlecht lief. Jasinski ließ sich vom Arbeitsamt zum Industriekaufmann umschulen. Nach zwei Jahren gab es wieder Arbeit beim TV Wattenscheid. Jasinski kehrte, Jahr um Jahr neu verpflichtet, als Trainer von Oliver-Sven Buder und Michael Möllenbeck zurück. „Ich kann mir nicht vorstellen“, sagt er nun, „dass ich ohne Athleten bleiben kann.“

Internat existentiell gefährdet

Ebenso wenig ist vorstellbar, dass der Olympiastützpunkt erhalten bliebe, erlebte der TV Wattenscheid einen Exodus seiner Top-Athleten. Vierzig der sechzig Kadersportler, die dort betreut werden, sind Leichtathleten. Damit wären auch das Internat, das sich Leichtathleten und Fußballer teilen und an das Schulen aus der Nachbarschaft 14 Lehrer entsenden, existentiell gefährdet.

Noch laufen sie: Jan Fitschen
Noch laufen sie: Jan Fitschen : Bild: picture alliance / dpa

„Leichtathletik in der Spitze ist prekär“, sagt Verbandsvizepräsident Schulz, ein ehemaliger Schulrektor: „Einerseits winkt Lorbeer, andererseits droht eine mangelhafte Ausbildung.“ Athleten wie Klubs brauchten deshalb Hilfe von außen. „Die gesamte Konstruktion ist ein Kartenhaus“, schildert der zweite Vorsitzende des TV, Hans-Peter Anders, die Lage: „Wir sind schnell bei der Frage: Will Deutschland Olympiateilnehmer?“ Acht Leichtathleten aus Wattenscheid waren bei den Olympischen Spielen von London am Start. „Das muss die Gesellschaft diskutieren. Wenn sie Olympiateilnehmer will, muss sie auch sagen, wer sie fördert.“

Es gehe um überschaubare Beträge, sagt Axel Schäfer, Bundestagsabgeordneter der SPD aus Bochum. „Im Sport können wir etwas erhalten“, sagt er in Anspielung auf die Werksschließungen von Nokia und Opel in Bochum: „Der TV Wattenscheid steht für Lokalpatriotismus und für Weltläufigkeit zugleich. Er verschafft Bochum positive Schlagzeilen.“

77 geförderte Leichtathleten beim TV Wattenscheid

Im Schnitt, versichert Anders, erhielten geförderte Sportlerinnen und Sportler in Wattenscheid nicht mehr als 5000 Euro im Jahr. Da zu ihnen erfolgreiche Athleten und damit Besserverdiener wie der aus Wattenscheid stammende Stabhochspringer Malte Mohr gehören, der in München lebt und trainiert, Deutschlands schnellste Sprinter um Julian Reus und Alexander Kosenkow, der einstige Europameister über 10.000 Meter Jan Fitschen, dürften die meisten sich tatsächlich mit Zuwendungen um 400 Euro monatlich zufrieden geben müssen.

Noch sprinten sie: Julian Reus
Noch sprinten sie: Julian Reus : Bild: dpa

77 geförderte Athleten treiben Leistungssport beim TV Wattenscheid, 380 Kinder sind auf dem Sprung, in ihre Fußstapfen zu treten. Es könnten viel mehr sein, wie eine lange Warteliste beweist. Mit seinem Bekenntnis zum Leistungssport ist der Klub eine Ausnahme in der Welt der Vereine für Hobby- und Gesundheitssport, mit Sprint und Wurf, mit Hoch- und Weitsprung eine Kuriosität in einer Gesellschaft, in der es nur Geld für Fußball, Formel 1, Golf und Tennis zu geben scheint. „Die Situation ist mir nicht fremd“, sagt Sabine Braun, die in der Halle eine Gruppe von vierzehnjährigen Mädchen trainiert. „Ich war als Athletin immer auf der Suche nach Geldgebern, die mir meinen Job finanzieren.“

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