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Leichtathletik-WM : Holzdeppe überrumpelt den Favoriten

Ein faszinierender Wettkampf: Holzdeppe gelingt in Moskau fast alles auf Anhieb Bild: dpa

Stabhochspringer Raphael Holzdeppe zeigt einen perfekten Wettkampf und gewinnt bei der Leichtathletik-WM mit 5,89 Metern vor dem Franzosen Renaud Lavillenie den Titel. Björn Otto holt Bronze.

          Stabhochsprung, das ist, wenn drei Deutsche und ein Franzose sich streiten und am Ende Renaud Lavillenie gewinnt. So war es jedenfalls zuletzt immer gewesen bei Großereignissen. Der mit 1,77 Meter kleinste Sechsmeter-Springer der Welt aus Barbezieux-Saint-Hilaire hat die Deutschen, mit denen er sich im Übrigen prächtig versteht, schon scherzhaft als seine Lieblingsgegner bezeichnet. Auch wenn ihn Björn Otto in dieser Saison schon bezwungen hat.

          Aber immer wenn es darauf ankam, ob bei Europameisterschaften, Hallen-WM oder Olympischen Spielen, war der 26 Jahre alte Spätentwickler seinen deutschen Kollegen voraus. Björn Otto, der mit seinen 1,91 Meter und 90 Kilogramm ein ganz anderes Kaliber auf den Stab bringen muss, weiß das am besten. Er war immer der Zweitbeste - vier Mal. Da könnte man fast schon von einem Franzosen-Komplex sprechen, zumal Lavillenie in dieser Saison nicht nur mit 6,02 Meter die Bestenliste anführt, sondern auch - was die Höhen angeht - die Plätze eins bis sechs belegt. Vor Raphael Holzdeppe, Otto und Malte Mohr, dem deutschen Trio. Was sollte da schon passieren in Moskau? Gold war doch schon so gut wie vergeben.

          Aber immer wenn sich einer seiner Sache zu sicher ist, wird es gefährlich. Und Lavillenie zeigte unerwartete Schwächen. Und die deutschen Herausforderer wirkten entschlossen wie selten. Insbesondere der Jüngste im Bunde: Raphael Holzdeppe, 23 Jahre alt, setzte ihn mit einer makellosen Serie unter Druck. Der Mann vom LAZ Zweibrücken, der sich in Moskau ohne weiteres sechs Meter zugetraut hatte, überquerte inklusive 5,89 Meter alle Höhen im ersten Versuch, während Lavillenie diese Höhe erst im dritten Anlauf schaffte. Und wie erleichtert der Sprössling einer Stabhochsprung-verrückten Familie da noch war, zeigte sich daran, dass sich seine Spannung in einem gewaltigen Urschrei entlud.

          Weltmeister! Raphael Holzdeppe

          Für Björn Otto war bei dieser Höhe schon das Ende gekommen. Zu seinem großen Ärger. Der 35 Jahre alte Leverkusener kickte wutentbrannt eine Wasserflasche durch die Gegend. Dabei war ihm mit 5,82 Meter immerhin Bronze sicher: die fünfte Medaille in Folge bei einem Großereignis.

          „Bei der WM gilt es“

          Aber ein anderer Deutscher riss sich wenig später das Trikot vom Leib, raste hinter die Bande und besorgte sich flugs eine schwarz-rot-goldene Flagge: Raphael Holzdeppe. Der hatte zwar selbst die 5,96 Meter dreimal gerissen und konnte nur noch tatenlos mitansehen, was der Franzose noch zu bieten hatte. Doch Lavillenie, der große, der fast für unschlagbar gehaltene Favorit mit einer Siegchance annähernd wie Usain Bolt, scheiterte ebenfalls - aber in der Summe mit wesentlich mehr Fehlversuchen. Und während Lavillenie geknickt und noch blasser als sonst mit gesenktem Kopf und hängenden Schultern um die blaue Bahn schlich und sogar ein paar Tränen vergoss, kosteten seine deutschen Kollegen ihren Triumph in einer ausgiebigen Ehrenrunde weidlich aus.

          Diesmal Dritter: Björn Otto

          Sie haben ihn nie aufgegeben, diesen scheinbar aussichtslosen Kampf gegen den übermächtigen Franzosen, der ihnen noch vor zwei Woche bei den Anniversary Games in London 6,02 Meter vor den Latz geknallt und sich sogar am Weltrekord versucht hatte. Otto, mal wieder Zweiter, war da nicht sonderlich amused, aber er tat es cool ab. „Bei der WM gilt es.“

          „Und alles ist geil“

          Natürlich hat er dabei an sich selbst gedacht, denn die Stabhochspringer sind Individualisten, und eine gemeinsame Taktik wie im Langstreckenlauf kann es gar nicht geben. Aber die Tatsache, dass wenigstens Holzdeppe die französische Lufthoheit beendet hat, entlockte ihm doch mehr als ein Lächeln. Und das war schließlich sein Ziel für Moskau: „Nach dem Finale mit einem Lächeln nach Hause gehen.“

          Bei Holzdeppe war es ein Strahlen, das gar nicht mehr enden wollte. Schließlich ist es der erste große Erfolg für den 23 Jahre alten Zweibrückener, der sich bei EM und Olympia 2012 noch jeweils mit Platz drei hatte zufrieden geben müssen. „Und jetzt bin ich Weltmeister, und alles ist geil“, rief Holzdeppe in die Moskauer Nacht hinaus. Nebenbei war es auch das erste deutsche Stabhochsprung-Gold überhaupt. „Es war perfekt, dass ich vor Renaud springen musste, da konnte ich ihn richtig unter Druck setzten“, sagte Holzdeppe. Und es zeigte sich: Lavillenie ist eben doch nicht unschlagbar.

          Bilderstrecke

          Leichtathletik-WM

          Männer, Stabhochsprung
          Gold:
          Raphael Holzdeppe (Zweibrücken) 5,89 m;
          Silber: Renaud Lavillenie (Frankreich) 5,89;
          Bronze: Björn Otto (Köln) 5,82;
          4. Brad Walker (USA) 5,82; 5. Malte Mohr (Wattenscheid) 5,82; 6. Seito Yamamoto (Japan) 5,75; 7. Jan Kudlicka (Tschechien) 5,75; 8. Sergej Kutscherjanu (Russland) 5,65.

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