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Leichtathletik-WM : Franka Dietzsch und das Geheimnis der ewigen Jugend

Noch lange kein Schleudertrauma: Franka Dietzsch Bild: dpa

Franka Dietzsch kennt das Geheimnis jugendlicher Frische: Jenseits der normalen Altersgrenze für Athleten kommt die Diskuswerferin erst richtig in Schwung. Heute greift sie in Osaka nach ihrem dritten WM-Gold.

          3 Min.

          Franka Dietzsch kennt das Geheimnis jugendlicher Frische: Diskuswerfen in der Weltklasse. Die Drehbewegung ist gelenkschonend, und im Winter hat man Pause, denn Hallendiskus gibt es nicht. Im Sommer ist man dagegen viel unterwegs und wird gefordert. „Man ist immer in Bewegung und unter jungen Leuten“, sagt Franka Dietzsch. „Das hält mich jung.“

          Michael Reinsch

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Im Januar wird sie vierzig Jahre alt. Doch was sie treibt, ist alles andere als Seniorensport. An diesem Mittwoch kann sie in Göteborg zum dritten Mal Weltmeisterin werden. Die Jahresbestenliste jedenfalls führt die stattliche Frau aus Neubrandenburg mit 68,06 Metern an, dem einzigen Wurf über 68 Meter in diesem Jahr.

          „Ich habe eine kleine Meise“

          Mit 13 Jahren, das war 1981, nahm die kleine Franka zum ersten Mal einen Diskus zur Hand. Dann zog sie von der Ostseeinsel Usedom nach Neubrandenburg, um dort die Kinder- und Jugendsportschule zu besuchen. Die fliegende Untertasse von einem Kilo Gewicht ließ sie bis heute nicht los. Doch erst nach der Wende, als alles anders wurde, kam sie in der Weltspitze an - indem sie zu Hause blieb.

          In Neubrandenburg blickte sie auf zu Astrid Kumbernuss, der Kugelstoßerin, die dreimal Weltmeisterin und einmal Olympiasiegerin wurde. Sie trainierte mit ihr, fuhr mit ihr zu Wettbewerben. Dieter Kollark, seinerzeit Lebensgefährte des Vorbilds, gilt Franka Dietzsch als bester Trainer der Welt. „Ich habe eine kleine Meise, sonst würde ich nicht Sport machen“, scherzt die Diskuswerferin. „Und wenn ich nicht so einen verrückten Trainer hätte, wäre ich auch nicht mehr dabei.“

          „Jetzt mache ich noch zehn Jahre weiter“

          Angesprochen auf die Möglichkeit, in der Medaillenbilanz aufzuschließen zu Astrid Kumbernuss, lacht Franka Dietzsch: „Das wäre ein Ding, mit 39 Weltmeisterin und mit vierzig Olympiasiegerin zu werden.“ Solch eine Eile wäre aber nur nötig, wollte Franka Dietzsch nach Peking 2008 Schluss machen mit dem Sport.

          Da aber 2009 die Weltmeisterschaft in Berlin stattfinden wird, anderthalb Autostunden südlich von Neubrandenburg also, dürfte sie auch mit 41 noch um einen Titel kämpfen. Und im übernächsten Jahr ist es auch nicht mehr lang hin bis London 2012. „Jetzt mache ich noch zehn Jahre weiter“, rief Franka Dietzsch, nachdem sie Anfang der Saison in Halle an der Saale 68 Meter übertroffen hatte. Die junge Konkurrenz lachte nicht ganz so herzlich wie sie.

          „Mit Physio und Psycho“

          Franka Dietzsch hat gut lachen. Jenseits der Altersgrenze für Hochleistungssportler kommt sie erst richtig in Fahrt. Zwar zwickt gelegentlich die Achillessehne. Doch: „Ich bin eine der Besten der Welt. Warum soll ich aufhören“, sagt sie. „Ich verdiene damit mein Geld. Ich kann es nicht erklären; es ist schön, den Diskus fliegen zu lassen.“

          Die Sparkasse, bei der sie im Callcenter arbeitete, hat Franka Dietzsch freigestellt für den Sport, und so „macht“ die Athletin, wie sie leicht amüsiert gesteht, „das jetzt alles mit Physio und Psycho“. An Leib und Seele, das sieht man der 1,83 Meter großen Athletin an, geht es ihr gut so, und sie weiß, wie wichtig das ist: „Man verbraucht sich körperlich und mental im Leistungssport.“ Die Kasse klingelt, wenn sie im Sommer tingelt. Weil ihr Verein, der SC Neubrandenburg, tief in der Kreide steckte, half sie ihm, nicht zum ersten Mal, mit einer substantiellen Spende aus. Neubrandenburg, das ist viel mehr als die sportliche Heimat. „Mecklenburg-Vorpommern ist das schönste Reiseland der Welt“, sagt Franka Dietzsch.

          „Siebzig Meter, das ist mein Ziel“

          Niemals würde Franka Dietzsch eingestehen, dass sie unbedingt Weltmeisterin werden will. Eine Medaille, behauptet sie, würde es auch tun. Doch sie verrät, dass sie im vergangenen Jahr fünf Minuten lang enttäuscht gewesen sei, als sie, die Weltmeisterin von Sevilla 1999 und Helsinki 2005, bei den Europameisterschaften in Göteborg lediglich die Silbermedaille gewann. Doch von einem Ziel spricht sie: die siebzig Meter. Bis auf 49 Zentimeter ist sie mit ihrer Bestleistung von 1999 an diese Grenze herangekommen. „Siebzig Meter, das ist mein Ziel“, sagt Franka Dietzsch. „Und wenn es erst mit vierzig ist.“

          Sich von ihren 69,51 Metern auf die Weltrekordweite zu steigern, wie sie Gabriele Reinsch zu einer anderen Zeit in Neubrandenburg vorlegte, dafür reicht die fliegende Untertasse in ihrer Hand nicht aus: „76,80 Meter, das ist von einem anderen Stern“, sagt sie. „Zehn Meter weniger reichen, um Weltmeisterin zu werden.“ Den Wert ihrer Leistung weiß sie gut einzuschätzen. „Ich werfe 68 Meter“, sagt sie. „Ich wäre doch verrückt, wenn ich aufhören würde.“

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