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Leichtathletik-WM : Der Meister der fliegenden Scheibe

Immer wieder gerne gesehen: Robert Hartings Siegerpose Bild: AFP

Diskuswerfer Robert Harting trotzt seinen Rückenschmerzen und wird zum dritten Mal in Serie Weltmeister. Bei der Leichtathletik-WM gewinnt der Olympiasieger mit dem „Arm der Vergeltung“.

          Das Bild kennt man ja nun zur Genüge: Robert Harting baut sich vor den Fotografen auf, reißt sein Trikot mit gewaltigen Kräften in zwei Teile, schnappt sich eine schwarz-rot-goldene Fahne und trabt auf die Ehrenrunde. Aber so weit wie vor einem Jahr bei den Olympischen Spielen in London, als er die Kampfrichter mit einer kleinen Einlage über die niedrigen Frauen-Hürden geärgert hat, kommt er diesmal nicht. Die Moskauer Kampfrichter sind strenger und bremsen den deutschen Diskus-Riesen, weil gerade das 800-Meter-Finale der Siebenkämpferinnen ansteht. Und Harting wird dezent auf den Grünstreifen hinter der Bande abgedrängt. Aber da läuft er dann doch unverdrossen weiter.

          Das Adrenalin muss raus, die Freude und die Erleichterung auch. „Es ist schon was anderes als Titelverteidiger anzutreten, zumal wenn man nicht das gewünschte technische Niveau hat. Die letzten Stunden im Hotel vor dem Wettkampf waren ziemlich furchtbar.“

          Er hat es also wieder geschafft, der 28 Jahre Berliner. Aber mal ehrlich: Wer hatte schon daran gezweifelt? Trotz zweier Niederlagen in diesem Jahr. Im Ernstfall ist auf die sieben PS in seinem Schleuderarm eben Verlass. Diesen Wert haben Biomechaniker beim IAT in Leipzig herausgefunden.

          Küsschen von der Diskus-Kollegin: Robert Hartings Freundin Julia Fischer Bilderstrecke

          Am Dienstagabend, im Luschniki-Stadion, beförderten diese sieben Pferdestärken inklusive der 126 Kilogramm Harting die zwei Kilo schwere Flugscheibe auf 69,11 Meter. Da konnten weder der Pole Pjotr Malachowski (68,36 Meter) noch der Este Gerd Kanter (65,19) mithalten. Viel hätte nicht gefehlt, und Harting hätte einen Teamkollegen mit aufs Podium nehmen können, aber seinem Magdeburger Kollegen Martin Wierig fehlten 18 Zentimeter zur Bronzemedaille.

          Trikot-Fetzer als Markenzeichen

          Für Harting war es der dritte Weltmeistertitel in Folge. Angefangen von der Heim-WM 2009 in Berlin, wo der Trikot-Fetzer zu seinem Markenzeichen geworden war, über Daegu zwei Jahre später. Neben dem Olympiagold von London und dem EM-Titel 2012. Besonders gut angefangen hatte es nicht im Luschniki-Stadion. Bei den 62,16 Metern im ersten Versuch schüttelte Werner Goldmann im Trainerblock noch missbilligend mit dem Kopf, aber Harting besitzt die Fähigkeit, kleine Fehler sofort zu korrigieren. 68,13 Meter im zweiten, das war schon die Führung.

          Aber beim dritten, der ins Fangnetz des Wurfkäfigs klatschte und wie ein Bumerang fast zurück kam, zuckte Harting doch erschrocken zurück. Es war der Moment, als dem Berliner kurzzeitig der Schmerz in den Rücken fuhr. „Es war wie ein kleiner Schlag auf die Bandscheibe, dann ging der Muskel zu, und ich konnte nicht mehr drehen“, schildert Harting sein Dilemma. „Ich habe kurz überlegt, ein Medical Timeout zu nehmen, aber da war nur ein russischer Arzt, und wer weiß, was der mit mir macht?“ Da blieb nur noch eins: Warmmachen, so gut es geht. Und noch einmal die ganze Kraft zusammennehmen, bevor sie einen womöglich ganz verlässt, „Kopf ausschalten und volles Risiko gehen.“ Also legte er alle Reserven in den vierten Wurf: 69,11 Meter. „Das war der Arm der Vergeltung“, sagte Harting. Spätestens da wusste er, dass nichts mehr anbrennen würde.

          Dabei hatte er noch beim schon traditionellen Vorbereitungs-Trainingslager in Kienbaum an seiner Technik herum gemäkelt. Die Niederlage gegen Malachowski im Frühsommer in Hengelo nach einer Serie von 35 Siegen in Folge hat ihn dazu bewogen, noch mal das Timing beim Andrehen zu optimieren. Er hat buchstäblich bis zum letzten Tag in Kienbaum getüftelt, ist erst einen Tag vor der Qualifikation angereist, aber zufrieden ist er auch in Moskau nicht. Wegen des „Lochs“, das sich in den Bewegungsfluss eingeschlichen habe. Eine Mini-Phase, in der der Wurfarm Geschwindigkeit verliert, weil die Koordination von Oberkörper und Beinen nicht synchron läuft. Und quasi nur aus dem Oberkörper heraus zu werfen, das hat ihn genervt. Mit dieser Technik, hat er vor ein paar Tagen noch behauptet, seien die 70 Meter außer Reichweite. Dass ihm beim Test dann immerhin 68,85 Meter rausgerutscht sind, hat er als relativ belanglos abgetan. Anders als sein Trainer Werner Goldmann. Der weiß: Ein mäkelnder Harting ist ein guter Harting, ein bis in die Haarspitzen motivierter. Der immer noch was draufpacken kann.

          Harting ist ein Wettkampf-Typ, der den Druck und die Konkurrenz braucht, um an seine Leistungsgrenze zu kommen. Aber er ist eben auch selbstkritisch. „Man hat auch heute gesehen, dass einfach die Stabilität nicht da ist. Der erste flattert, der dritte geht ins Netz. Da fühlt man sich nie sicher.“ Den fünften hat er vorsichtshalber ausgelassen. Er hätte sich auch den letzten ersparen können, aber da hat ihn eben noch mal der Ehrgeiz gepackt: „Der war noch mal mit Happiness und Adrenalin.“ 69,08 Meter waren der würdige Schlusspunkt unter eine Konkurrenz, in der sich mal wieder der Meister der fliegenden Scheibe durchgesetzt hatte. Ein bisschen was fehlte Harting dennoch im Finale. Er hätte schon gerne seinen „kleinen“ Bruder dabei gehabt. Aber Christoph, der übrigens vier Zentimeter größer ist als sein knapp sechs Jahre älterer Bruder, war leider in der Qualifikation gescheitert, als Dreizehnter von zwölf Final-Teilnehmern. „Diese nächsten ein, zwei Jahre“, sagt Harting, „werden wir von ihm keine 13. Plätze mehr von ihm sehen.“

          Leichtathletik-WM

          Männer, Diskuswurf:
          Gold: Robert Harting (Berlin) 69,11 m;
          Silber: Piotr Malachowski (Polen) 68,36;
          Bronze: Gerd Kanter (Estland) 65,19;
          4. Martin Wierig (Magdeburg) 65,02; 5. Victor Hogan (Südafrika) 64,35; 6. Robert Urbanek (Polen) 64,32; 7. Vikas Gowda (Indien) 64,03; 8. Victor Butenko (Russland) 63,38; ...13. Christoph Harting (Berlin) 62,28 (Qualifikation)

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