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Leichtathletik-WM : Der Gold-Auftrag des Rockers Trey Hardee

  • -Aktualisiert am

Der Top-Mann: Trey Hardee beim Sieg in Götzis Bild: ap

Zehnkämpfer Trey Hardee hat eine Schwäche: Sein Schleichtempo im finalen 1500-Meter-Lauf. Deshalb sollte er den in der Nacht zum Samstag beginnenden Mehrkampf bei der Leichtathletik-WM in Daegu bereits vorher für sich entscheiden.

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          Mit acht Titelverteidigern reist die Leichtathletik-Großmacht Vereinigte Staaten nach Daegu. Doch weil die Liste der Ausfälle zuletzt immer länger geworden ist, sind die Erfolgsaussichten in Südkorea nicht so strahlend wie in der Vergangenheit. Dass die Amerikaner wie bei der WM 2009 in Berlin zehnmal Gold und jeweils sechsmal Silber und Bronze holen können, erscheint fraglich. Bislang gab es bei den zwölf Weltmeisterschaften seit der Premiere 1983 in Helsinki 121 Mal Gold, und seit den Titelkämpfen 1991 in Tokio haben die Amerikaner jeweils die Medaillenstatistik angeführt.

          Trey Hardee hat den Auftrag, an diesem Wochenende für eine der ersten Goldmedaillen zu sorgen. Wenn er anläuft, rockt normalerweise das Stadion: Der Zehnkampf-Weltmeister von 2009 ist Hard-Rock-Fan und bringt sich am besten in Stimmung, wenn AC/DC aus den Lautsprechern dröhnt. Die Veranstalter in Daegu werden ihm kaum diesen Gefallen tun. Doch dann wird der 27 Jahre alte Texaner eben selbst für Atmosphäre sorgen - so wie beim wichtigen Zehnkampf-Meeting im beschaulichen Götzis in Vorarlberg in diesem Frühjahr, wo er das Publikum zu Beifallsstürmen und Fußgetrampel animierte, ganz im Stile eines amerikanischen Showmasters. Die Zuschauer dort unterstützten ihn frenetisch, als wäre er ein österreichischer Skirennläufer.

          „Ich will immer mein Bestes geben und Spaß dabei haben“, sagt James Edward Hardee III, wie er mit vollem Namen heißt, über seine uramerikanische Lebenseinstellung. „Wenn ich Spaß habe, dann bringe ich auch gute Leistungen.“ Bei den Weltmeisterschaften von Berlin 2009 hat er dies bewiesen, als er mit 8790 Punkten souverän zum „König der Athleten“ gekürt wurde.

          Herr des Rings: Trey Hardee beim Diskuswurf
          Herr des Rings: Trey Hardee beim Diskuswurf : Bild: AP

          Hardee, der ursprünglich eine Karriere im Basketball anstrebte, aber aus seinem Highschool-Team gestrichen wurde, ist mit seiner persönlichen Bestleistung von Berlin der drittbeste Amerikaner der Zehnkampf-Geschichte. Nur die beiden Olympiasieger Dan O'Brien (8891) und Bryan Clay (8832) haben jemals höhere Punktzahlen erzielt. Dabei kam der flapsige Bursche nur deshalb zur Leichtathletik, weil ihn der Stabhochsprung interessierte und er einst für die Teilnahme an Landesmeisterschaften schulfreie Tage bekommen konnte. Im aktuellen amerikanischen Zehnkampf-Team ist er nicht der einzige große Name.

          Die Leistungsdichte muss für die anderen Nationen nahezu beängstigend sein: Die Troika für Daegu bestand ursprünglich aus Olympiasieger Clay, Weltmeister Hardee und dem Weltjahresbesten Ashton Eaton. Das Trio hatte einen gemeinsamen Traum: drei Amerikaner auf dem Podium. Sogar der Slogan war schon kreiert: „Clay, Trey and A.“ Dieser Traum ist kurz vor den Weltmeisterschaften geplatzt: Clay musste seinen WM-Start wegen einer Knieverletzung absagen.

          Nun müssen „Trey & A.“ die Zehnkampf-Mission alleine erfüllen. Am Anspruch ändert das nichts: „Wir sind immer noch das beste Team der Welt“, sagt Hardee, der weiterhin davon überzeugt ist, dass die Medaillenvergabe nur über ihn und seinen vier Jahre jüngeren Mitstreiter Eaton gehen wird: „Wir pushen uns gegenseitig zu immer höheren Leistungen.“

          Schwacher Mittelstreckler

          Nicht ausgeschlossen ist, dass der Jüngere der beiden Favoriten den Älteren auf der Zielgeraden abfängt. Eaton hat die amerikanischen Trials mit einem Spitzenergebnis von 8729 Punkten gewonnen und dabei auch auf der von Zehnkämpfern ungeliebten 1500-Meter-Strecke eine herausragende Zeit erzielt (4:21,10 Minuten). Hardee, der auf die Trials verzichten durfte, weil er als Titelverteidiger für Daegu gesetzt ist, hat dagegen eine schlechte Angewohnheit von O'Brien und Clay übernommen: Er läuft die Mittelstrecke zum Abschluss des Zehnkampfs meist nur mit dem Ziel, anzukommen, im Schleichtempo geradezu. Seine Bestzeit ist mehr als zwanzig Sekunden schlechter als die von Eaton.

          Dieser Schlendrian hatte Hardee beim Meeting in Götzis 2009 schon einen sicher geglaubten Sieg gekostet, als er seinen über neun Disziplinen gehaltenen Vorsprung zum Finale noch an den damaligen deutschen Senkrechtstarter Michael Schrader einbüßte.

          Hardee ist ein „Showman“

          Diesmal wurde er in Götzis Meeting-Sieger, aber wegen eines nicht ganz geglückten Stabhochsprungs und des daraus resultierenden Spannungsabfalls verpasste er den angepeilten amerikanischen Landesrekord. 8689 Punkte standen schließlich zu Buche. Das verdarb dem 1,95 Meter großen Athleten aber nicht die Stimmung. Denn ihm war auch so ein eindrucksvolles Zeichen an die Konkurrenz gelungen, dass in Daegu mit ihm zu rechnen sei, nachdem er seit seinem WM-Sieg vor zwei Jahren keinen vollständigen Wettkampf mehr absolviert hatte.

          Hardee ist ein „Showman“, aber er hat gelernt, sich im richtigen Moment auf das Wesentliche zu konzentrieren. Beweis dafür war schon die WM in Berlin. Dort setzte er sich gleich im 100-Meter-Lauf an die Spitze und avancierte während der zwei Tage zum Publikumsliebling. Er genoss diese Rolle, vermied es aber zu überdrehen, wie bei den Olympischen Spielen von Peking, wo er auf Medaillenkurs liegend in seiner Paradedisziplin Stabhochsprung ohne gültigen Versuch geblieben war. Nach seinem WM-Triumph erinnerte er deshalb sich und andere an sein Scheitern vom Jahr zuvor: „Man sieht, was der Glaube an sich selbst bewirken kann.“ Ohne den Fauxpas von Peking, so seine Analyse, wäre er in Berlin nicht Weltmeister geworden.

          Dass er alles daransetzen wird, den diesmal verhinderten amerikanischen Traum vom Zehnkampf-Triple, „Clay, Trey and A.“, bei den Olympischen Spielen von London zu verwirklichen, steht jetzt schon fest.

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