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Leichtathletik : Wer ist Homiyu Tesfaye?

Neuer deutscher Olympiakandidat? Homiyu Tesfaye bei seinem Vorlaufsieg bei der Leichttathletik-Meisterschaft in Ulm Bild: IMAGO

Ein aus Äthiopien stammender Mittelstreckenläufer startet seit vergangener Woche für Deutschland - und steht im Mittelpunkt einer Kontroverse.

          Der Endspurt im Rennen über 800 Meter war brutal. Er begann zwei Runden vor dem Ziel, mit dem Startschuss. Homiyu Tesfaye rannte los, als säße ihm der Teufel im Nacken, und Robin Schembera jagte ihm nach. Die ersten 200 Meter absolvierten sie in 24,17 Sekunden. Hätten sie dieses Wahnsinnstempo beibehalten, wäre bei der deutschen Meisterschaft in Ulm der Weltrekord von David Rudisha, unfassbare 1:40,91 Minuten, um Sekunden unterboten worden.

          Michael Reinsch

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Aber niemand hält solch eine Gangart durch. Aus der letzten Kurve schob sich Schembera an seinem Gegner vorbei auf die Zielgerade, die letzten hundert Meter. Tesfaye stampfte ihm nach. Vom Anfangstempo war nichts geblieben. Es begann, wie Schembera scherzte, ein „Wett-Stehen“. Doch erst hinter der Linie, nach 1:47,05 Minuten, gingen beide zu Boden; erst sank der Sieger in die Knie, dann legte sich der Geschlagene auf die Bahn, die linke Hand fasste an den Oberschenkel.

          Während Tesfaye sich wälzte, um Hilfe zu rufen schien und schließlich auf einer Trage von der Bahn gehoben wurde, gab Schembera den Journalisten Antworten. Antworten, die hintergründig wirkten, fast doppelbödig: Ja, erwiderte er auf die Frage, ob es um mehr gegangen sei als um die Meisterschaft. „Das war eine Frage der Ehre.“ Was er damit meine? „Die 800 Meter sind meine Disziplin, nicht die eines 1500-Meter-Läufers.“

          Er habe mit Homiyu darüber gesprochen, fügte er an, dass dieser die Liegestütze weglasse - eine Anspielung auf die Triumphe seines Gegners, über die noch zu reden sein wird. „Ich habe gezeigt, dass er schlagbar ist. Ich muss sagen“, fügte Schembera noch an, „er ist ein netter Junge.“

          Identisch mit mit Henok Tesfaye Hey?

          Das erwähnt man nur, wenn andere es bestreiten. Homiyu Tesfaye ist seit Monaten Gegenstand einer bitteren Debatte, die nicht wirklich öffentlich stattfindet; nicht in Zeitungen, Rundfunk oder Fernsehen, sondern in privaten Gesprächen von Läufern und Trainern, in Internet-Foren und in juristischen Schreiben, Anzeige und Abmahnung.

          Im Kern geht es um die Frage, ob Homiyu Tesfaye Heyi, geboren am 23. Juni 1993 und seit Freitag vergangener Woche deutscher Staatsbürger, identisch ist mit Henok Tesfaye Hey, drei Jahre und vier Monate älter, und bei den Jugend-Weltmeisterschaften 2007 in Ostrava sowie bei der Junioren-WM 2008 in Bydgoszcz für Äthiopien am Start. Nicht nur die Namen klingen erstaunlich ähnlich, auch die Fotos, die von Henok Tesfaye im Internet zu sehen sind, zeigen eine verblüffende Ähnlichkeit mit Homiyu.

          Homiyu Tesfaye startet für Eintracht Frankfurt

          Es gibt keine Zeugnisse von der Existenz oder von Wettkämpfen Henoks seit April 2010 im Netz, als er einen 15-Kilometer-Straßenlauf in Istanbul gewann. Und es gibt verstörende Details wie die blaue Hose mit gelbem Streifen, die Homiyu bei seinem ersten Rennen in Deutschland trug, den 1500 Metern bei der Mannheimer Junioren-Gala im Juli 2011. Genau so eine Hose hatte Henok Tesfaye bei seinem letzten Lauf an, dem in der Türkei. Dazwischen liegt das Asylgesuch von Homiyu Tesfaye im Juli 2010 in Frankfurt am Main.

          Nimmt er Startplätze weg?

          Homiyu Tesfaye und seine Förderer führen die Debatte auf die Verbitterung des Frankfurter Trainers zurück, dem der talentierte Läufer damals wie ein Geschenk des Himmels zufiel. Nach einem Jahr wechselte der Athlet zu Landes- und Bundestrainer Wolfgang Heinig. Es folgten eine Anzeige wegen Sozialbetrugs und Hinweise in Internet-Foren. Sportler, Verband und Verein verstehen dies als Racheakte. Der Trainer ist abgemahnt; er darf über den Läufer nicht sprechen.

          Mit den Liegestützen eskalierten Verdächtigungen und Ärger. Der körperlich deutlich überlegene Tesfaye machte sie im Ziel, als er bei den deutschen U-23-Meisterschaften über 1500 Meter vor drei Wochen in Göttingen mit Riesenvorsprung siegte - bis der Letzte durch war. Athleten und Trainer empfanden das als Verhöhnung. Bundestrainer Heinig sagt: „Das hat man in Deutschland nicht verstanden, weil wir ein unterkühltes Volk sind.“

          Ein anderer Insider erzählt, dass Tesfaye rassistisch beleidigt worden sei und zeigen wollte, dass er nicht klein beigebe. Doch immer schwang der Verdacht mit, dass Tesfaye jüngeren Läufern Titel und Startplätze wegschnappe. „Wenn seine Angaben der Realität entsprechen, hat Tesfaye ein Recht darauf, dass wir ihn einbürgern“, sagt Schembera. „Aber das mit den Liegestützen geht gar nicht.“

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