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Leichtathletik-Weltfinale : Das Ende der Zauberkraft

Letzter Aufruf für die Leichtathleten: nach Stuttgart 2008 wird hier nur noch Fußball gespielt Bild: AP

Mit dem Weltrekord von Speerwerferin Barbora Spotakova ist das Kapitel Leichtathletik in Stuttgart zu Ende. Die Funktionäre ließen sich von der Gegenwart überrollen.

          Barbora Spotakova wird Stuttgart, sein Leichtathletik-Stadion und sein begeisterungsfähiges Publikum vermissen: „Ich habe hier in den letzten drei Jahren jeweils meine Saisonbestleistung geworfen.“ Mit dem Unterschied, dass es den Speer der Olympiasiegerin von Peking im Stuttgarter Nieselregen diesmal gleich auf 72,28 Meter hinaustrug - Weltrekord. Das bescherte der 27 Jahre alten Tschechin einen veritablen Zahltag beim Weltfinale der Leichtathleten. 30.000 Dollar ist allein der Sieg vor der Olympiadritten Christina Obergföll wert, weitere 100.000 Dollar lässt sich der Internationale Leichtathletik-Verband (IAAF) einen Weltrekord kosten.

          Barbora Spotakova, die schon in Peking dem alten Weltrekord der Kubanerin Osleidys Menendez (71,70 Meter) bis auf 28 Zentimeter nahe gekommen war, setzte trotz herbstlicher Kühle ein letztes Ausrufezeichen in einem Stadion, für das am Sonntag in punkto Leichtathletik der finale Vorhang gefallen ist. „Schade, ich verbinde mit Stuttgart die besten Erinnerungen“, sagte die Tschechin. Nächstes Jahr fährt sie zum Weltfinale eben nach Thessaloniki. In Stuttgart sind dann schon die Bautrupps angerückt. Aus dem „schönsten Leichtathletik-Stadion der Welt“, wie es Professor Helmut Digel, deutsches Council-Mitglied und früher Vizepräsident des internationalen Leichtathletik-Verbandes (IAAF), nennt, wird für 60 Millionen Euro die Fußball-Arena, für die der VfB Stuttgart lange gekämpft hat.

          Jetzt ist der Leichtathletik-Standort Stuttgart Vergangenheit

          Für die grüne Laufbahn ist kein Platz mehr. Dabei gilt sie als schnell, was Jamaikas zweite Kraft im Sprint, Asafa Powell, eindrucksvoll demonstrierte. 9,87 Sekunden über 100 Meter sind bei 14 Grad schon erstaunlich. Kollege Usain Bolt feiert längst in Jamaika seine drei Olympiasiege und Weltrekorde von Peking. Die anderen Olympia-Größen haben sich, sofern sie nicht - wie Jelena Isinbajewa und Dayron Robles - unpässlich waren, am Ende einer langen Saison noch einmal ins Zeug gelegt. LaShawn Merritt (44,50 Sekunden) hatte im inneramerikanischen 400-Meter-Duell mit Jeremy Wariner (44,51) wieder einmal knapp die Nase vorn, Kenias Wunderläuferin Pamela Jelimo rannte die 800 Meter in 1:56,23 Minuten, die Frankfurter Hochspringerin Ariane Friedrich verabschiedete sich mit 1,97 und Platz vier in den Urlaub, die Kroatin Blanka Vlasic gewann mit 2,01 Meter.

          Pamela Jelimo: die letzten 800 Meter auf der grünen Bahn

          Ihr schwedischer Kollege Stefan Holm nutzte das finale Stuttgarter Weltfinale gar zum persönlichen Abschied: Der 32 Jahre alte Olympiasieger von 2004 musste sich mit 2,33 Metern nur seinem Peking-Nachfolger Andrej Silnow (2,35) geschlagen geben und sagte: „Im Moment fühlt es sich nur an, als sei die Saison zu Ende. Ich werde das erst im Oktober oder November realisieren“.

          Kein kollektiver Aufschrei, kaum organisierter Widerstand

          Was das Ende der Leichtathletik im Stuttgarter Stadion angeht, so ist ein großer Teil der Trauerarbeit längst geleistet. 2008 war nur noch ein Aufschub. „Der Abschied fällt trotzdem schwer“, sagt Clemens Prokop, der Präsident des Deutschen Leichtathletikverbandes (DLV). Allerdings bleibt die Frage, ob sich die Leichtathletik nicht allzu widerstandslos hat aus der Arena drängen lassen. Prokops Antwort: „Wir haben vor und hinter den Kulissen gearbeitet, um eine Entscheidung zugunsten der Leichtathletik zu erreichen, doch dann haben sich die Dinge pro Umbau so dynamisch entwickelt.“

          Der Dynamik des Fußballs, seiner wirtschaftlichen Potenz, seiner (sport-)politischen Macht und seiner beharrlichen Lobbyarbeit hatte die in ihren Strukturen amateurhafte Leichtathletik wenig entgegenzusetzen. Kein kollektiver Aufschrei, kaum organisierter Widerstand, keine überzeugenden Antworten auf die Fragen der Zukunft. Wer zu lange von seiner glorreichen Vergangenheit zehren will, wird von der Gegenwart überrollt. Selbst der Verweis auf die unvergleichliche WM 1993, mit der Stuttgart Maßstäbe gesetzt hat, verlor irgendwann an Zauberkraft. Der Satz eines Funktionärs im Württembergischen Leichtathletik-Verband spricht Bände: „Der Ist-Zustand ist unser Wunsch-Zustand. Warum sollen wir etwas ändern?“

          Berlin, Nürnberg und München sind die letzten Standbeine

          Dabei sprachen die Zahlen längst gegen die Leichtathletik. „Wir können nicht alle zwei Jahre eine WM oder EM garantieren“, sagt Prokop dazu. Aber nur mit solchen Großereignissen füllt man hierzulande noch große Stadien. Die Stuttgarter Arena blieb beim Weltfinale - trotz dessen Besetzung von nahezu olympischem Format - mit ihren 56.000 Plätzen mehr als halb leer. Das Defizit - in drei Jahren mehr als eine Million Euro - musste die Stadt ausgleichen.

          Jetzt ist der Leichtathletik-Standort Stuttgart Vergangenheit, und der DLV muss zusehen, dass ihm nicht auch noch seine letzten drei internationalen Standbeine wegknicken. „In Berlin war der Zuschuss der Regierung an den Erhalt der Laufbahn geknüpft, in Nürnberg bin ich mir auch ziemlich sicher, und für das Olympiastadion in München eröffnet sich mit der Olympiabewerbung für den Winter 2018 eine neue Dimension“, sagt Prokop.

          Erfolg wäre die beste Werbung

          Klar ist, dass die Weltmeisterschaften 2009 in Berlin über den künftigen Stellenwert des Leichtathletik-Standortes Deutschland entscheiden werden. Berlin ist auch das vorläufige Ende des Master-Plans, mit dem Prokop angetreten ist, um die Leichtathletik über allerlei Großereignisse von Europacup über EM bis WM in der öffentlichen Wahrnehmung zu halten. Natürlich weiß der DLV-Präsident auch, was die beste Werbung wäre: „Erfolgreiche Athleten.“

          In Peking blieb dieser Anspruch weitgehend unerfüllt. Was Folgen für Berlin haben wird. „Die Analyse von Peking verlangt strukturelle Veränderungen im Leistungssportfördersystem“, sagt Prokop. Es gilt zu retten, was noch zu retten ist.

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