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Leichtathletik ohne Rassismus : „Man sollte froh sein, dass es so schön bunt ist“

Viel Spaß in Leipzig: Lisa-Marie Kwayie (links) und die Konkurrentinnen beim Zieleinlauf über 60 Meter. Bild: dpa

Anders als in mancher Sportart scheint Rassismus in der Leichtathletik kein Thema. Die Fans bejubeln bei der deutschen Hallen-Meisterschaft die Sportler – egal, wo auf der Welt sie ihre Wurzeln haben.

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          Die Wirklichkeit Deutschlands ist anders, als Rassisten und Gewalttäter sie sich wünschen. Drei Tage nach den Morden von Hanau sind am Samstag in Leipzig Lisa-Marie Kwayie und Deniz Almas, sie waschechte Berlinerin und er unverkennbar Schwabe, deutsche Meister im Sprint geworden. Erstaunlich ist nicht, dass die beiden Kinder von Einwanderern die schnellsten Deutschen sind. Beeindruckend ist die Normalität, mit der sie längst international ihre Heimat repräsentieren und zu Hause sind in ihrem Sport und durch ihren Sport.

          Michael Reinsch

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Anders als Fußballspieler, die nicht selten von Anhängern der gegnerischen Mannschaft, manchmal auch von denen der eigenen, beleidigt und diffamiert werden, scheint Rassismus in der Leichtathletik-Arena kein Thema. „Man sollte froh sein, dass es so schön bunt ist“, sagt Lisa-Marie Kwayie, Kind der Großstadt. „Ich hoffe, dass das irgendwann in die Köpfe kommt und wir alle glücklich damit sind.“ Die 23 Jahre alte Studentin gewann, diesmal in 7,21 Sekunden, zum zweiten Mal den Titel in der Halle und war eine Hundertstelsekunde vor Malaika Mihambo im Ziel, der Weltmeisterin im Weitsprung. Diese, Kurpfälzerin mit Vater aus Tansania und Deutschlands Sportlerin des Jahres, wurde ihrer herausragenden Rolle gerecht, indem sie am Sonntag den Weitsprung mit 6,77 Meter gewann. Den Schrecken, der sich vier Tage zuvor in Hanau gezeigt hat, kommentierte sie mit den Worten: „Klar, dass es viele Menschen mit solcher Gesinnung gibt, das gab es auch früher. Dass es jetzt mehr ausbricht, ist erschreckend.“ Und forderte: „Wir müssen alle mehr an uns selbst arbeiten, glücklichere Menschen zu sein, dann kann man auch andere in Ruhe lassen.“

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          Deniz Almas, 22 Jahre alt, ist zum Training und zum Studium nach Leipzig gezogen. „Ich komme vom Dorf. Da kennt man sich“, sagt er. Rassismus komme dort nicht vor. Und auch in seiner neuen Heimat Sachsen habe er keine schlechten Erfahrungen gemacht: „Alles cool.“ In 6,60 Sekunden gewann der 22 Jahre alte Sportstudent am Samstag unter standesgemäßem Jubel den Titel. An diesem Montag erwartet er bei der Bundeswehr, die ihm eine Förderstelle bereitgestellt hat, die Beförderung zum Obergefreiten. Rassismus? „Ich habe Gott sei Dank mit so einer Scheiße nichts zu tun.“

          „Ich bin in Neukölln aufgewachsen, da ist es kunterbunt“

          Auch Lisa-Marie Kwayie, längst eine Stütze der deutschen Staffel, hat keine Erfahrung mit Rassismus. „Ich bin in Neukölln aufgewachsen, da ist es kunterbunt“, sagt sie, die kurz nach ihrer Geburt in Ghana mit ihren Eltern nach Berlin kam. In Schule, Studium und Sport werden ihr Talent und ihre Leistungen anerkannt. Über 100 und 200 Meter will sie sich für Olympia qualifizieren. Hanau hat sie erschreckt. „Ich verstehe gar nicht, dass so etwas heutzutage noch existiert“, sagt sie über den Terror. „Ich finde das ganz, ganz schlimm. Ich wünschte mir, dass so etwas 2020 gar kein Thema wäre.“

          Vor zwanzig Jahren, als er erst in der Halle und dann im Stadion Weltmeister im Dreisprung wurde, beklagte der Leverkusener Charles Friedek, dass er für einen Asylbewerber gehalten werde, wenn er im Trainingsanzug durch die Stadt laufe, und dass er an den Eingangstüren der Discos von Köln wegen seiner Hautfarbe abgewiesen werde. Doch schon damals war es bei Wettkämpfen längst nicht wie im Fußball, wo rassistische Ausfälle gegenüber Spielern Normalität waren und sind. Erst jüngst wehrte sich in Münster und in Frankfurt am Main die Mehrheit des Publikums gegen rassistische Krakeeler. Und Nationalspieler Leon Goretzka machte bekannt, dass er übel beschimpft wurde für seine Feststellung: „Ich bin ein Kind des Ruhrgebiets. Da antwortet man auf die Frage nach der Nationalität mit Schalke, Dortmund oder Bochum.“

          „Leichtathletik unterscheidet sich gewaltig von anderen Sportarten, insbesondere Mannschaftssportarten“, sagt Jürgen Kessing, der Präsident des Deutschen Leichtathletikverbandes (DLV). „Bei uns gibt es keine Hooligans und keine Pyrotechnik, wir sind eine Familiensportart.“ In der ausverkauften Arena von Leipzig bejubelten die Zuschauer die wenigen Stars, die ihre Sportart hat und die gekommen waren, sie teilten die Freude der Athleten an ihren Leistungen, einerlei, wo auf der Welt sie ihre Wurzeln haben – eine globalisierte Sportart mit globalisierter Nationalmannschaft. „Bei uns gibt es keine Feindbilder“, sagt Kessing, Oberbürgermeister von Bietigheim-Bissingen in Baden-Württemberg. „Leichtathletik ist ein Beispiel für eine faire Welt.“ Das gilt, immerhin, in den Klubs und für die Dauer des Wettbewerbs in Stadion und Sporthalle.

          Lisa-Marie Kwayie ist eine waschechte Berlinerin und wurde Meisterin im Sprint.

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