https://www.faz.net/-gtl-9yslr

Leichtathletik : Hoffen auf Tag X

Als die Motivation noch groß war: Dreispringerin Kristin Gierisch nach ihrem deutschen Rekord. Bild: Picture-Alliance

Mit der EM-Absage bröckelt der Leichtathletik-Kalender weiter. Die Motivation vieler Athleten lässt nach. Andere improvisieren. Doch es gibt auch einen „unmöglichen Wettkampf“, der Mut macht.

          3 Min.

          „Motivation?“ fragt Dreispringerin Kristin Gierisch via Instagram und postet ein Bild, bei dem die sonst so quirlige Sportlerin auf einer Treppe sitzt, das Kinn in die Hände stützt und traurig in die Kamera guckt: „Keine Ahnung was das ist.“ Die deutsche Rekordhalterin und EM-Zweite von Berlin 2018 bekennt, dass es ihr derzeit etwas schwerfalle, sich „für irgendetwas aufzurappeln.“

          Für was trainieren, fragt sich so manch ausgebremster Hochleistungssportler dieser Tage. Nachdem schon der unbestrittene Saisonhöhepunkt, die Olympischen Spiele von Tokio, um ein Jahr verschoben wurden, ist nun auch die Europameisterschaft für die europäischen Spitzen-Leichtathleten kein Ziel mehr. Wie am Donnerstagabend bekannt wurde, fällt die für Ende August in Paris geplante Europameisterschaft aus. Nach Abwägung aller potentiellen Risiken für Zuschauer, Sportler und Offizielle sei die Entscheidung alternativlos gewesen, teilten die EM-Organisatoren mit, die sich auch mit den Behörden absprachen. „Die aktuelle Situation ist weit davon entfernt, unter Kontrolle zu sein.“ Die Corona-Epidemie und ihre Folgen zwingt die Athleten zu Müßiggang: auch sieben Meetings der Diamond League sind bereits abgesagt worden.

          Doch noch wollen sich nicht alle kampflos geschlagen geben. Speerwurf-Olympiasieger Thomas Röhler meldet sich mit einem Plan C zu Wort, um wenigstens die „Late Season“ im Spätsommer noch zu retten. Röhlers Idee sieht vor, weltweit für alle Spitzenathleten ein Trainingsfenster von zwei Monaten zu öffnen, um anschließend zwei Monate lang komprimiert Wettkämpfe durchführen zu können. Die Vorbereitungszeit sei nötig, um verletzungsfrei zu bleiben. „Denn ohne regelmäßiges Training ist das Risiko, sich gleich beim ersten Wettkampf zu verletzen, enorm hoch.“

          Will kein Geister-Meister sein: Speerwurf-Olympiasieger Thomas Röhler.
          Will kein Geister-Meister sein: Speerwurf-Olympiasieger Thomas Röhler. : Bild: dpa

          Da in seiner Rechnung mit mehreren Unbekannten aber nicht klar sei, wann Tag X ist, müssen er und andere erst mal nur vage darauf hoffen, im Juni und Juli wieder Zugang zu Hallen und Sportplätzen zu bekommen. Dann könnten im August und September auch Meetings durchgeführt werden. 

          Dem Jenaer Röhler, der in der Athletenkommission von World Athletics mitarbeitet, sind wegen der EM-Absage beide Möglichkeiten genommen worden, in diesem Jahr seine Titel zu verteidigen. Andersrum könnte man aber auch sagen: er bleibt aktueller Olympiasieger und Europameister.

          Zumindest die nationalen Meisterschaften sind noch nicht abschließend gecancelt. Der Leichtathletik-Weltverband World Athletics hat den einzelnen Verbänden nahegelegt, ihre Titelkämpfe am 8. und 9. August auszutragen. Auch der Deutsche Leichtathletik Verband (DLV) denkt darüber nach - zur Not als „Geisterwettbewerb“. Davon hält Röhler freilich nichts: „Für mich ist Sport ohne Zuschauer kein Wettkampf!“, sagte er der dpa.

          Trainiert derzeit auf rheinhessischen Feldwegen und Äckern: Zehnkampf-Weltmeister Niklas Kaul
          Trainiert derzeit auf rheinhessischen Feldwegen und Äckern: Zehnkampf-Weltmeister Niklas Kaul : Bild: dpa

          Mit oder ohne Publikum: Zehnkampf-Weltmeister Niklas Kaul hat das aktuelle Jahr generell schon abgehakt. „Ich habe keine große Hoffnung, dass wir noch großartige Wettkämpfe haben werden diese Saison“, sagte der Mainzer im ZDF. Die traditionellen Mehrkampf-Meetings in Götzis und Ratingen fallen ebenso aus wie Olympia und EM. Für Einzel-Events sind die Zehnkämpfer nicht aufgestellt. Derzeit kann Kaul noch nicht mal richtig trainieren, da die Leichtathletik-Anlage in der Mainzer Universität trotz der Lockerung in Rheinland-Pfalz ihm noch nicht offen steht. Der Uni-Betrieb geht vor.

          Dass Not auch erfinderisch machen kann, zeigt der junge Mann freilich mit einem Video in der „Feldweg Edition“. Beim Techniktraining dreht er sich mit Diskus auf einem staubigen, rheinhessischen Feldweg und schmeißt das Sportgerät weit hinfort auf den Acker.

          Auch der Trainingsalltag von Hürdensprinterin Ricarda Lobe besteht aus „Wald- und Feldeinheiten“. Da sei es manchmal gar nicht so einfach, die Motivation nicht zu verlieren. Doch letztlich überwiegt der Spaß an der Bewegung und sie hat sich damit abgefunden, nicht wie gedacht im Trainingslager in Amerika üben zu können. „Treppen- und Bergläufe bei sonnigen 23 Grad in Deutschland sind auch ganz gut schweißtreibend“, schreibt sie unter dem Hashtag #einbisschenfloridafeeling.

          Ohne Hürden: Norwegens Leichtathletik-Star Karsten Warholm will Weltrekord laufen.
          Ohne Hürden: Norwegens Leichtathletik-Star Karsten Warholm will Weltrekord laufen. : Bild: AP

          Angesichts all der Absagen macht zumindest eine Ankündigung Mut. Die für den 11. Juni in Oslo geplanten „Bislett Games“ sollen weiter durchgeführt werden -  allerdings als „Impossible Games“. Dabei will Norwegens Laufstar Karsten Warholm, zweifacher Weltmeister über 400 Meter Hürden, sogar einen Weltrekordversuch starten - freilich nur über die kaum ernstzunehmende Distanz von 300 Meter. Aber immerhin.

          Zudem soll der lokale Stabhochspringer Sondre Guttormsen gegen den schwedischen Weltrekordler Armand Duplantis antreten - und beide wollen sich im Fernduell mit Olympiasieger Renaud Lavillenie messen. Der Franzose kann dafür sogar zu Hause bleiben, denn der Sprungstar hat eine eigene Anlage im eigenen Garten. Homeoffice funktioniert sogar für Stabhochspringer.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Wer hat wie viel zu sagen im VW-Reich?

          Volkswagen : Kampf um Wolfsburg

          Der Burgfrieden von VW bröckelt. Konzernchef und Betriebsratschef streiten über die Besetzung wichtiger Vorstandsposten – doch es geht um viel mehr.
          Lebt selbst bescheiden: Papst Franziskus am Fenster des Apostolischen Palasts, den er nur für offizielle Termine nutzt.

          Finanzen im Vatikan : „Die Kirche war immer eine Sünderin“

          Der Papst kritisiert den Kapitalismus und will eine ethische Wirtschaft. Doch der Vatikan schlittert von einem Finanzskandal in den nächsten. Jetzt sorgt die „Dame des Kardinals“ für Schlagzeilen.

          30 Gläubige pro Kirche : Katholiken zornig auf Macron

          Selbst in Frankreichs Kathedralen sollen in der Advents- und Weihnachtszeit nur 30 Personen Gottesdienste feiern dürfen. Die Katholiken sind empört. Sie halten die Obergrenze für unverhältnismäßig und „respektlos“.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.