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Leichtathletik : Unger besiegt auch einen 20 Jahre alten Rekord

  • -Aktualisiert am

Siegertyp: Tobias Unger Bild: Horstmueller

Der Deutsche Leichtathletik-Verband hat eigentlich nur einen Star: den Sprinter Tobias Unger. In 20,20 Sekunden verbesserte er den deutschen Rekord von Frank Emmelmann um drei Hundertstelsekunden.

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          Die Suche nach neuen Stars hat längst begonnen. Das gewünschte Anforderungsprofil: kompatibel für die Mediengesellschaft, sportlich erfolgreich und aktiv in einer prominenten Disziplin. Doch zehn Monate nach den ernüchternden Ergebnissen bei den Olympischen Spielen in Athen ist der Deutsche Leichtathletik-Verband (DLV) nicht wesentlich weiter gekommen in dieser Sachfrage. Denn eigentlich trägt nur eine Person die Außendarstellung: Sprinter Tobias Unger, 25 Jahre alt, Student des Fachgebiets Sportmanagement. Das war vor den deutschen Meisterschaften in Wattenscheid so, und daran hat sich auch nach den Wettkämpfen im Stadion Lohrheide nichts geändert. Einzig Unger transportiert das Produkt nationale Spitzenleichtathletik, dahinter kommt erst einmal lange nichts.

          Unger, Unger, Unger. Als Foto auf dem offiziellen DLV-Jahrbuch 2004, auf dem Wattenscheider Programmheft und den Plakaten. Der Aufsteiger des Jahres 2004 wurde Siebter in Athen über 200 Meter (20,64 Sekunden), lief im Februar deutschen Rekord bei den Hallenmeisterschaften und wenig später zum Sieg bei der Hallen-EM. Am Samstag verbesserte er sich zunächst über 100 Meter auf 10,16 Sekunden. ""Es sieht so aus, als würden wir mit Diesel fahren und er bei 60 Meter den Nachbrenner anschalten. Seine Zeit ist riesig", sagte sein zweitplazierter Konkurrent Marc Blume (10,29). Unger macht sein Job momentan "unglaublich viel Spaß". Doch der erste DM-Tag sollte erst den Prolog bieten.

          Unger hebt sich enorm ab

          Sein Meisterstück lieferte der Schwabe Unger dann am früheren Sonntag abend über seine "Hausstrecke", die 200 Meter. In 20,20 Sekunden verbesserte er den deutschen Rekord von Frank Emmelmann (Magdeburg) um drei Hundertstelsekunden. Der DDR-Sprinter hatte 1985 in Moskau 20,23 Sekunden erreicht. "Das war nicht einfach heute, es haben doch viele Menschen auf mich geschaut", sagte Unger nach seinem famosen Rennen. An die abermalige Steigerung seiner Popularität wird er sich gewöhnen müssen. Aber noch nimmt er Pressetermine "gerne wahr". Obwohl die Szenerie unweit der Mixed-Zone für Journalisten bei der improvisierten Pressekonferenz den Auftritten von Popstars schon sehr nahe kam. Dutzende junge Mädchen verlangten Autogramme und kreischten: "Tobi, Tobi, Tobi." So umschwärmt war ein deutscher Leichtathlet noch selten in den vergangenen Jahren. Doch Unger hebt sich eben enorm ab von dem zumeist gehobenen Mittelmaß, das die deutsche Leichtathletik auch in Wattenscheid abbildete. Auch deshalb ist die eigene Vermarktung längst zum Selbstläufer geworden: Unger ist sympathisch, eloquent, er paßt ins Medienprofil.

          Das tut eigentlich auch Betty Heidler aus Frankfurt. Olympiavierte in Athen, nun erstmals deutsche Meisterin, auch sie sympathisch und eloquent. Ständig rufen Journalisten bei ihr an und verabreden sich zu Interviews. Wer sich nicht meldet, ist irgendein Sponsor. Vor kurzem hat sie bei Werner Köster, der bereits Franziska van Almsick vermarktete, unterschrieben. Und hofft auf eine Steigerung des Marktwerts. "Ich denke, daß es zum Teil an meiner Disziplin liegt." Hammerwerfen ist trotz aller internationalen Erfolge der deutschen Damen bei Sponsoren schwer zu vermitteln. Ähnliches gilt für das Kugelstoßen um Meisterin Nadine Kleinert (Magdeburg/18,68 Meter). Die deutsche Jahresbeste Petra Lammert (Stuttgart/19,81) fehlte wegen einer Fingerverletzung. Auch viele Stars vergangener Tage sind verletzt: So fehlten Grit Breuer, Lars Riedel und Ingo Schultz in Wattenscheid; Langstreckenläufern Irina Mikitenko ist schwanger, 800-Meter-Olympiasieger Nils Schumann sucht derzeit bei Volksläufen Anschluß.

          „Hoher Anspruch an die Athleten“

          Eine Karriere mit Höhen und Tiefen und dem Glanzpunkt als Hammerwurf-Weltmeister im Jahr 1999 hat auch Karsten Kobs hinter sich. Seinen achten Meistertitel feierte der starke Mann im Trikot von Teutonia Lanstrop mit 78,13 Meter; auch Holger Klose (Saarbücken/77,39) und Markus Esser (Leverkusen/76,66) dürften bei der WM dabei sein. Klose hat die Norm - wie übrigens auch Ecker - in diesem Sommer nur einmal statt der geforderten zweimal erfüllt. Der Leitende Bundestrainer Jürgen Mallow kündigte aber bereits an, in diesen Grenzfällen individuell zwischen "Chancen und Risiken" abzuwägen. Insgesamt, so Mallow, habe der DLV in den Nominierungskriterien "einen hohen Anspruch an die Athleten formuliert". Sicher sei aber schon vor der Nominierungsrunde am späten Sonntag abend: "Es wird die eine oder andere Diskussion geben."

          Die Mannschaftsstärke in Helsinki soll laut dem DLV-Vizepräsidenten Leistungssport, Eike Emrich, zwischen 60 und 65 Athleten betragen. Streng nach festgeschriebenem Schema dürfte demnach nicht nominiert werden. "Wir werden ein gewisses Maß an Flexibilität einbringen", so Emrich. Das klingt nach reichlich Hoffnung für Athleten wie Ecker, Klose, Speerwurfmeister Christian Nicolay (81,73 Meter), Filmon Ghirmai aus Tübingen, den Titelträger über 3000 Meter Hindernis (8:34,10 Minuten) sowie den besten Weitspringer Nils Winter (Leverkusen/8,03 Meter). Nicht vergessen sollte in der diesbezüglichen Diskussion, daß auch die drei besten deutschen Diskuswerfer (Michael Möllenbeck, Robert Harting, Riedel) die Scheibe jeweils nur einmal weiter als das Limit geschleudert haben. Möglichen Diskussionen über seine Nominierung entzog sich Rene Herms (Pirna) mit einem beeindruckenden Solo über 800 Meter in 1:45,39 Minuten. WM-Norm auf den Punkt zum zweiten Mal erfüllt, auch so kann man's machen.

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