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Weltmeister mit Depressionen : „Jetzt kann ich ohne dunkle Wellen denken“

Laufen als Flucht? Sprinter Noah Lyles Bild: AFP

Sprint-Weltmeister Noah Lyles ist nur vordergründig ein Strahlemann. Depressionen belasten seine Seele. Durch Corona und Black Lives Matter wurde alles noch schlimmer. Dann traf er eine „der besten Entscheidungen“.

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          Mit einer Bestzeit von 19,50 Sekunden ist er der schnellste aktive Sprinter auf der 200-Meter-Strecke und auch sein Talent als Musiker hat er bereits eindrucksvoll vor großer Kulisse gezeigt, wie beim Diamond-League-Finale 2019 im Duett mit Stabhochspringerin Sandi Morris. Doch der amerikanische Leichtathlet Noah Lyles kämpft mit anderen Dämonen als der Stoppuhr oder Lampenfieber: Er leidet an Depressionen.

          „Es war noch nie so schwierig“, bekannte der Weltmeister von 2019 vor seinem Start beim Leichtathletik-Meeting an diesem Freitag in Monaco. Dort wird er um 21.32 Uhr auf Bahn 7 starten – als Favorit in einem starken Teilnehmerfeld, bei dem auch der neue deutsche Meister Deniz Almas erstmals auf großer Bühne sprinten darf. Zu beachten wird der wild tätowierte Türke Ramil Guliyev sein, Bestzeit 19,76 Sekunden, aktueller Europameister und Lyles' Vorgänger als Weltmeister, sowie der Brite Adam Gemili, Europas Champion von 2014. Noah Lyles zur Seite wird sein jüngerer Bruder Josephus laufen, zur moralischen Unterstützung gewissermaßen.

          Rein sportlich braucht der 23 Jahre alte Doppel-Weltmeister von Doha sicherlich keinen Flankenschutz. Doch der vermeintliche Strahlemann aus Florida, in dessen Inneren es oft düster aussieht, hat eine schwierige Zeit hinter sich. Seit seinem achten Lebensjahr, so bekannte er, leide er schon unter Depressionen. Die Krankheit äußerte sich in unterschiedlichen Formen, zu unterschiedlichen Phasen in seinem Leben. Doch erst im April diesen Jahres sei es richtig schlimm geworden.

          Es sei einfach zu viel über ihn hineingebrochen, erklärte Lyles nun in Monaco. Corona und die damit verbundene Absage aller Wettkämpfe bis hin zur Verschiebung der Olympischen Spiele bremsten seinen Bewegungsdrang aus. Die rassistische Gewalt in Amerika und die Black-Lives-Matter-Bewegung belasteten den sensiblen Sportler und Musiker zudem mental massiv. „Es war der perfekte Sturm aus all diesen Dingen.“ Er habe nicht mehr gewusst: „Worauf soll ich meine Aufmerksamkeit jetzt richten?“ Vor allem der gewaltsame Tod von George Floyd und die Kämpfe der Bürgerrechtsbewegung um Anerkennung in Amerika machten ihm schwer zu schaffen: „Das war der letzte Nagel im Sarg“, sagte er plakativ.

          Lyles sei an einem Punkt angekommen, bei der er weder weiterwusste, noch -konnte. Anfang August machte der begabte Rapper seine Erkrankung öffentlich. Auch, weil seine Mutter ihn zu einer Veränderung bewegt habe: Es sei Zeit, Medikamente zu nehmen, habe sie ihm gesagt. Und er stimmte zu.

          Die Einnahme von Antidepressiva bezeichnet Lyles als eine „der besten Entscheidungen, die ich seit einer Weile getroffen habe", wie er auf Twitter postete. „Seitdem kann ich ohne dunkle Wellen denken“. Sein Bekenntnis brachte ihm knapp 8000 Likes und etwa 160 zumeist zustimmende Reaktionen ein. Die amerikanische Turn-Olympiasiegerin Laurie Hernandez schrieb: „Ich bin so stolz auf dich.“

          Für den hochtalentierten Sportler, nach den beiden Jamaikanern Usain Bolt (19,19) und Yohan Blake (19,26), sowie seinem großen Landsmann Michael Johnson (19,32) der schnellste Mann auf der halben Stadionrunde, Ansporn, endlich er selbst zu sein. Er könne nun wieder leben „ohne den dunklen Unterton, dass alles egal ist.“ Damit dies so bleibt, wird der junge Mann sportlich und persönlich von zwei Therapeuten betreut.

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