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Leichtathletik : Schnell laufen, lang sitzen

Tim Montgomery: knapp neun Jahre Knast Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Der Startschuss zum 100-Meter-Finale heißt nicht direkt: „Gehe in das Gefängnis.“ Doch die Anzeichen häufen sich, dass die Laufbahn eine schiefe Bahn ist. Tim Montgomery ist da nur der vorläufige Schlussläufer einer unheimlichen Staffel.

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          Sportliches Talent ist für viele Berufswege hilfreich. Auch für die als Gauner. Das war zumindest früher so, in den guten alten Zeiten, als man noch irgendwo einbrechen und nicht nur Finanzprodukte verkaufen musste, um die Leute um ihr Geld zu bringen. Wenn da einer Lunte roch, halfen nur noch schnelle Beine. Heute ist es eher umgekehrt: Je schneller einer läuft, desto schneller sitzt er.

          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

          Das ist natürlich etwas übertrieben, und immer noch ist der Startschuss zum olympischen 100-Meter-Finale nicht gleichbedeutend mit der Aufforderung: „Gehe in das Gefängnis. Begib dich direkt dorthin.“ Doch allmählich häufen sich die Anzeichen, dass die Laufbahn eine schiefe Bahn ist. Schon Armin Hary, der einzige deutsche Sprint-Olympiasieger, bekam später als Immobilienmakler zwei Jahre Haft wegen Beihilfe zur Untreue. In zweiter Instanz ließ man ihn auf Bewährung laufen.

          Kokainhandel, Meineid, Drogenhandel, Geldwäsche, Scheckbetrug

          Seinem Nachfolger Bob Hayes erging es schlechter, er musste wegen Kokainhandels für fünf Jahre hinter Gitter. Ben Johnson kam für sein Doping noch ohne Vorstrafe davon, nur mit einer lebenslänglichen Sperre. Doch in Zeiten einer Doping-Realität, die den Strukturen des Drogengeschäfts gehorcht, sind Sprinter immer öfter auch Sträflinge. Marion Jones, einst dreifache Olympiasiegerin, verbrachte die Hälfte dieses Jahres im Gefängnis (Meineid). Ihr früherer Lebensgefährte Tim Montgomery, einst Weltrekordhalter, wird es für die kommenden knapp neun Jahre tun (Drogenhandel, Geldwäsche, Scheckbetrug).

          Marion Jones: die Hälfte des Jahres im Gefängnis

          Ihr Trainer Trevor Graham hat ein Jahr Hausarrest. Und ihre zurückgegebene 100-Meter-Goldmedaille von 2000 wird wohl keinen neuen Besitzer finden. Ekaterini Thanou, damals Zweite, steht in Athen unter Anklage wegen Meineids nach der Flucht vor Doping-Testern - ebenso wie der frühere 200-Meter-Olympiasieger Konstantinos Kenteris.

          Sozialprognose auch beim Fußball nicht immer günstig

          Welchen Sport kann man sündigen Sprintern zur Resozialisierung empfehlen? Fußball? Leider ist auch hier die Sozialprognose nicht immer günstig. Der frühere belgische Nationaltorhüter Gilbert Bodart: in U-Haft, weil er am Raub der Kasse einer Tropfsteinhöhle in den Ardennen beteiligt war. Der frühere polnische Nationaltrainer Janus Wojcik: wegen Korruption verhaftet. Wieder auf freiem Fuß ist immerhin der englische Nationalspieler Joey Barton, der 74 Tage hinter Gittern verbrachte, weil er nach Verzehr von fünfzehn Bieren einem 16-Jährigen die Zähne einschlug. Sein Bruder Michael sitzt wegen Mordes.

          Nicht nur Sprintern also droht die schiefe Bahn. Wenn sie schlau sind, zeigen sie Weitsicht bei der begleitenden Berufswahl. So wie der erste 100-Meter-Olympiasieger, Thomas Burke 1896. Er wurde Rechtsanwalt.

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