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Probleme für Läufer Ringer : „Das Laufen auf der harten Straße musste ich lernen“

  • -Aktualisiert am

Auf der Tartanbahn: Richard Ringer bei der Leichtathletik-WM 2019 in Doha Bild: Picture-Alliance

Kreist Richard Ringer vorerst weiter auf der Bahn, oder wird er zum Marathon-Mann? Das könnte sich nun beim 42,195 Kilometer langen Lauf in Valencia entscheiden. Der 31-Jährige steht vor einer wegweisenden Entscheidung.

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          Für Richard Ringer geht es nicht mehr um die Frage, ob er ein Marathonläufer wird, sondern wann er ein Marathonläufer wird. Noch lotet er aus, ob ihn seine Beine eher auf der Straße oder im Stadion zu den Olympischen Spielen 2021 tragen können. Ob er ein Pendler zwischen den Laufwelten wird oder auf Asphalt seine neue sportliche Heimat gefunden hat.

          An diesem Sonntagvormittag könnte die Entscheidung fallen: Der 31-Jährige gibt sein Debüt über die 42,195-Kilometer-Distanz. Im exzellent besetzten Feld des Valencia-Marathons, der als reines Profirennen ausgetragen wird, hat Ringer einen Platz bekommen. Und nun viel Neuland vor den Füßen. Die Marathongeschichte ist voll von Debütanten, welche erst auf der Strecke ihres Erstlings erkannten, wie zehrend und komplex diese Distanz ist und wie viele Unwägbarkeiten im Training gar nicht zu simulieren sind.

          Der Andrang ist groß

          „Ich will es jetzt wissen, ich will die Herausforderung annehmen“, sagte Ringer am Telefon im heimischen Unteruhldingen am Bodensee. Bevor er sich unter das strenge Pandemieregiment in Spanien begibt. Nach der Anreise an diesem Freitag werden die Athleten in einer Hotel-Blase untergebracht. Einzelzimmer, niemanden sehen und sprechen, die drei Mahlzeiten täglich werden vor die Zimmertür gestellt. Auslauf gibt es nur zum lockeren Beinebewegen auf einem Fünfkilometer-Kurs. Treffpunkt ist kurz vor dem Startschuss am Sonntagmorgen (8.30 Uhr). Überhaupt findet in Valencia – nach dem Londoner Regenrennen im Oktober – der einzige Marathon von Rang auf dem Kontinent in diesem Jahr statt. Dementsprechend groß ist der Andrang, und entsprechend gieren die Topkräfte der Branche (darunter sieben Deutsche) auf die Chance, dieses Jahr noch irgendwie zu retten.

          In der Stadt: Richard Ringer beim Berliner Halbmarathon 2019
          In der Stadt: Richard Ringer beim Berliner Halbmarathon 2019 : Bild: dpa

          In den Tagen vor dem Start gibt es im Gespräch den defensiven und den offensiven Ringer. Der defensive sagt, dass er es in Valencia buchstäblich „einfach laufen lassen“ will. Dass „mein erster Marathon sicherlich nicht mein bester Marathon wird“. Der offensive sagt, dass er sich einreihen will bei den aktuell sechs deutschen Männern, die in der Lage sind, um 2:10 Stunden zu laufen. Schließlich liegt die Olympia-Norm bei 2:11:30 Stunden. Und weil sich nur ein deutsches Trio qualifizieren kann und die beiden Wattenscheider Hendrik Pfeiffer (2:10:18) und Amanal Petros (2:10:29) schon erfolgreich vorgelegt haben, braucht es für den Pfad nach Tokio wohl eine ähnlich starke Zeit.

          Auf längere Sicht spricht Ringer sogar von einer Zeit im Bereich 2:06 Stunden, die er erreichen könne. Sein auf den Langdistanzen überaus erfahrener Coach, der einstige Bundestrainer Wolfgang Heinig, der auch Ringers Freundin und österreichische Topläuferin Nada Ina Pauer betreut, sieht dieses Potential ebenso. „Ich habe Bock auf Marathon. Und ich möchte nicht durchs Leben gehen mit dem Ziel, einen Marathon in 2:10 oder 2:11 Stunden zu laufen“, sagt Ringer. „Ich will mir keine Grenzen setzen und in diesem Bereich denken.“

          Pulverisierung des deutschen Rekords

          Dies bedeutete nichts anderes als eine Pulverisierung des deutschen Rekordes (2:08:33), den Arne Gabius vor fünf Jahren in Frankfurt aufgestellt hat. Gabius war es, der Ringers Marathon-Ambitionen auf Touren brachte. Vor zwei Jahren engagierte er für seinen Lauf am Main Ringer als Tempomacher. Und der Langstreckler vom LC Rehlingen überraschte sich, Gabius und die Szene, als er ohne spezielle Vorbereitung lief und lief und lief – und erst bei Kilometer 31 ausstieg. Damit hatte Ringer im Rennbetrieb mal eben den längsten Lauf seines Lebens absolviert.

          Damals sei er „richtig auf den Geschmack gekommen“, erzählt er. Doch mental sei er zunächst noch nicht bereit für den Wechsel auf die Straße gewesen. Er konnte die Erfolge auf der Bahn noch nicht hinter sich lassen: Europameisterschaftsdritter in Amsterdam und Olympiateilnehmer in Rio 2016 über 5000 Meter; Europacup-Sieger in London 2018 über 10.000 Meter; dazu zig deutsche Meistertitel über jene Distanzen.

          Ursprünglich plante er, Tokio 2020 auf der Bahn in Angriff zu nehmen und anschließend sofort das Marathonprojekt anzugehen. Anschubhilfe für den früheren Wechsel auf die Straße gab eine 2019 erlittene Fersenverletzung und die Olympia-Verschiebung um ein Jahr. In der Reha und der Aufbauphase legte Ringer sich mit Schwimmen, Radfahren, Ski-Langlauf und Laufen eine gute Ausdauer-Grundlage zu. Und setzte schließlich für 2020 ganz auf Marathon-Training.

          Das Tempo während der Einheiten fühlt sich für ihn im Vergleich zu seinem einstigen Übungsprogramm stets ruhig und gemäßigt an. Aber die Härten eines 42,195-Kilometer-Programms sind Ringer durchaus bewusst geworden in den vergangenen 16 konkreten Vorbereitungswochen. Früher, erzählt der Langstreckler, habe er die Straße als Laufuntergrund immer gemieden und stattdessen Schotter- und Waldwege präferiert. „Das Laufen auf der harten Straße musste ich erstmal lernen. In den ersten vier Wochen hatte ich harte Oberschenkel. Aber dann hat sich der Körper umgestellt und angepasst und seitdem habe ich keine Probleme mehr“, sagt Ringer.

          Ein Anfang November aus dem Training heraus bestrittener Halbmarathon in Dresden in 62:26 Minuten (nur 16 Sekunden von seiner Bestzeit entfernt) war ebenfalls ein ermutigendes Signal für Ringer, der seit Jahren Hochleistungssport mit Berufsleben zu verknüpfen weiß. In Friedrichshafen hat der Blondschopf eine Teilzeitstelle als Controller bei einer Rolls-Royce-Tochter. Seit November indes und bis Olympia geht er seine Ziele als Laufprofi an. Am Sonntagvormittag wird sich wohl entscheiden, ob es eine Straße für ihn nach Tokio gibt oder ob er Tokio eher kreiselnd auf der Bahn erreichen kann. „Ich möchte jetzt“, sagt Ringer, „einen Marathon in Körper und Geist bekommen. Und danach so oder so angreifen.“

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