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Leichtathletik : Niklaus erfüllt die Moskauer Mission voll und ganz

Andre Niklaus gewinnt das einzige Gold für Deutschland Bild: dpa/dpaweb

Andre Niklaus hat bei der Hallen-WM der Leichathleten in Moskau den einzigen Titel für das deutsche Team gewonnen. Im Siebenkampf siegte er vor Zehnkampf-Weltmeister Bryan Clay und Weltrekordhalter Roman Sebrle.

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          Mit zwei Zielen war Andre Niklaus zur Hallen-Weltmeisterschaft nach Moskau gekommen: "Bestleistung und ein Foto vom Roten Platz." Nun ist der junge Mehrkämpfer und Fotograf Weltmeister geworden. Am Sonntagabend stand er in der Moskauer Olympiahalle auf dem Siegerpodest, neben sich Weltmeister Bryan Clay aus Amerika und Weltrekordhalter Roman Sebrle aus Tschechien und strahlte.

          Michael Reinsch

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          "Ich mußte ganz schön kämpfen, um nicht zu weinen", behauptete er. "Ich weiß nicht, ob mir das beim nächsten Mal auch noch gelingt." Vielleicht schon bei der Europameisterschaft in Göteborg wird der pfiffige Berliner seine Standfestigkeit beweisen können, denn mit dem Sieg im Hallen-Siebenkampf ist er nun auch in der Weltspitze des Zehnkampfs angekommen. Kaum im Ziel, pfiff er Clay und Sebrle auf den Fingern zu sich, um sie zu einer Ehrenrunde zu überreden. "In der Halle ist das immer ein Test", sagte er in Moskau. "Der Siebenkampf ist das kleine Kind vom Zehnkampf." Der Junioren-Europameister im Zehnkampf von 2001 gibt nun offenbar auch bei den Großen den Ton an.

          Fast hätte Niklaus Gold verjubelt

          Bei der nächsten Begegnung mit den Konkurrenten, das weiß der 24 Jahre alte Berliner, darf er sich nicht wieder so früh freuen. Im 1000-Meter-Lauf zum Schluß des Wettbewerbes am Sonntag hatte er eingangs der letzten 200 Meter langen Runde angegriffen, um seinen Rückstand von 28 Punkten auf Clay, das entspricht 3,6 Sekunden, wettzumachen. Er ließ den Amerikaner und auch Sebrle so weit hinter sich, daß er schon ausgangs der Zielkurve, sich selbst auf der Videowand vor Augen, die Arme in die Luft riß. "Ich bin beim Jubeln richtig langsam geworden", staunte er anschließend. Mit lediglich fünf Punkten Vorsprung, 6192 zu 6187, gewann er den einzigen Titel der deutschen Mannschaft in Moskau; das entspricht in etwa 0,6 Sekunden. Fast hätte der neue Vorzeige-Leichtathlet der Mehrkampfnation Deutschland die WM verjubelt, bevor er Goldmedaille und 40.000 Dollar Prämie überhaupt gewonnen hatte.

          "Eine sensationelle Leistung", sagte Bundestrainer Jürgen Mallow, und er konnte sich um so mehr freuen, als Kugelstoßerin Nadine Kleinert mit Silber und Stabhochspringer Tim Lobinger mit Bronze den Medaillensatz komplettierten. Der Aufwärtstrend von der Freiluft-WM Helsinki - wo Niklaus überraschend Vierter geworden war - habe sich fortgesetzt, konstatierte er. Träger des Aufschwungs ist spätestens seit Sonntagabend Niklaus. Er versteht es, große Erwartungen zu wecken, ohne sich unter Druck zu setzen.

          „Bei der Berliner Meisterschaft ist mehr los“

          Mit seinem ansteckenden Optimismus riß er sogar das stoische Publikum von Moskau mit, das am Samstagabend selbst Jelena Isinbajewa die kalte Schulter gezeigt hatte. Mit ausholenden Gesten forderte Niklaus am Sonntagmorgen, beim Stabhochsprung angefeuert zu werden. Die Zuschauer ließen sich mitreißen und freuten sich mit ihm, als er sich über 5,30 Meter schwang. Das war, weil Clay nur 4,60 Meter überwand und Sebrle nur 4,80, buchstäblich ein Sprung von Platz sechs auf zwei. Umgekehrt fand Niklaus die Performance auf den Rängen allerdings nicht eindrucksvoll. "Bei der Berliner Meisterschaft ist mehr los", behauptete er.

          Erst im vergangenen Jahr hatte der junge Mann, betreut von dem ehemaligen Zehnkämpfer Rainer Pottel, in Helsinki angeklopft an der Weltelite. Wie schon in Finnland verbesserte er sich auch bei den Titelkämpfen in Rußland am laufenden Band. Am ersten Tag sorgte er in allen vier Disziplinen für persönliche Bestleistungen. 7,06 Sekunden erreichte er im Sprint über 60 Meter und freute sich: "Schön, mal nicht hinterher gewatschelt zu sein." 7,64 Meter gelangen ihm im ersten Versuch des Weitsprungs, dann machter Schluß. 14,41 Meter im Kugelstoßen sind zwar aller Ehren Wert, doch reichlich zwei Meter weniger, als der massige Russe Alexej Drosdow schaffte - doch ein halber mehr, als Clay gelang. Der Amerikaner verwirrte sich mit der Umstellung von Angleit- zu Drehtechnik selbst und legte mit 13,89 Metern einen klassischen Ausrutscher hin. Im Hochsprung kam Niklaus auf 2,07 Meter. Im Gegensatz zur Konkurrenz war er nicht nur beim Jubeln schnell, sondern auch beim Aufstehen. Am Samstagmorgen hatte er vor dem Wettkampf Besichtigungs- und Fototermin am Kreml - Mission erfüllt.

          Am Sonntag gelang im Niklaus die nicht ganz überzeugende Zeit von 8,14 Sekunden über die 60 Meter Hürden, als er nach einem Fehlstart besonders vorsichtig aus dem Block kam. Dann folgte der Höhenflug mit 5,30 Metern im Stabhochsprung - genau der Höhe, die ihm auch in Helsinki glückte. 2:47,80 Minuten 1000 Meter brachten ihm den Titel. Den Wunsch, ein wenig muskulöser werden zu wollen, hatte Niklaus mit in sein Wintertraining genommen. Doch dann legte er im Kraftraum nur ein bis zwei Kilogramm Muskelmasse zu und realisierte im Januar, daß er sich mit seinem sommerlichen Erfolg gar nicht für sein Reiseziel Moskau qualifiziert hatte. Den Impuls, enttäuscht in die Ferien zu fahren, unterdrückte er und meldete stattdessen für einen Siebenkampf in Tallin. Er empfahl sich dort mit 6067 Punkten für die WM. Nun hat er 125 Punkte draufgelegt. Für Siebenkampf-Weltmeister Andre Niklaus dürfte das, auch im Zehnkampf, mehr Gewicht haben als ein paar Kilo auf den Schultern.

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