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Leichtathletik : Mr. Track & Mr. Field

Mr. Track & Mr. Field: Rüdiger Harksen (links) und Herbert Czingon Bild: dpa

Zwei Mittfünfziger, Herbert Czingon und Rüdiger Harksen, sind die neuen Chefbundestrainer der deutschen Leichtathletik. Die beiden reifen Herren führen ein junges Team „mit Siegertypen“ bei der Hallen-EM.

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          Können reife Herren für einen Generationenwechsel stehen? Die neuen Chefbundestrainer der deutschen Leichtathletik jedenfalls, Herbert Czingon und Rüdiger Harksen, sind mit einer Mannschaft zur Hallen-Europameisterschaft nach Turin gereist, die im Durchschnitt ihrer 38 Mitglieder so jung ist wie seit Jahrzehnten kein Team: weniger als 25 Jahre. Die leicht erkältete Hochspringerin Ariane Friedrich (Frankfurt/25 Jahre alt), Stabhochspringerin Silke Spiegelburg (Leverkusen/22), Kugelstoßerin Denise Hinrichs (Wattenscheid/21) und Weitspringer Sebastian Bayer (Bremen/21) sollen, wie der 31 Jahre alte Danny Ecker (Leverkusen), der Titelverteidiger im Stabhochsprung, mit Medaillen belegen, dass die deutsche Leichtathletik nicht so schwachbrüstig ist, wie ihr Abschneiden bei den Olympischen Spielen in Peking mit einer einzigen Bronzemedaille sie erscheinen ließ (siehe: Leichtathletik-EM-Vorschau: Hochfliegende Hallenträume).

          Michael Reinsch
          Korrespondent für Sport in Berlin.

          „Wir haben endlich wieder Siegertypen“, schwärmte Czingon vor zwei Wochen bei der deutschen Hallenmeisterschaft in Leipzig und ließ sich zu der Prognose hinreißen, dass in Turin zehn Medaillen möglich seien. Dabei hat der Deutsche Leichtathletik-Verband (DLV) den 56-jährigen Czingon Ende vergangenen Jahres auf diesen Posten berufen, weil er Realist ist; so realistisch eben, wie ihn Jahrzehnte im Trainerberuf gemacht haben. Bei seinem ersten internationalen Einsatz in der neuen Verantwortung präsentierten er und sein Kollege Rüdiger Harksen, 54 Jahre alt, sich ihrem Team als neuer Kopf des Leistungssports. „Wir haben uns als rechte und linke Gehirnhälfte vorgestellt“, erzählte Czingon in Turin.

          Vermitteln zwischen Athleten und ihren Hochschulen und Arbeitgebern

          „Ihm fällt es vielleicht leichter, Emotionen zu schüren und Zwischentöne herauszubringen. Ich bin eher der, der auf die Zahlen und die harten Fakten schaut. Ich glaube, wir ergänzen uns sehr gut.“ Die beiden Mittfünfziger haben, so viel zum Thema Generationenwechsel, das Erbe des 63 Jahre alten Jürgen Mallow angetreten, der in seinem letzten Berufsjahr Sportdirektor geworden ist. Und selbst diese drei Gehirnhälften sind für die Kopfarbeit in der deutschen Leichtathletik fast zu wenig. „Ich habe mehr als einen Ganztagsjob“, sagt Czingon. „Was Rüdiger Harksen, Jürgen Mallow und ich zu dritt leisten, könnte man gut auf ein paar Schultern mehr verteilen.“

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          Ihre Aufgaben haben sich die beiden Cheftrainer nach der englischen Bezeichnung für ihre vielseitige Sportart aufgeteilt, track and field. Harksen ist dafür zuständig, dass es auf der Bahn (und der Straße) läuft; er war bei der MTG Mannheim der Mann hinter den Erfolgen der Hürdensprinterin Kirsten Bolm. Czingon, der einst die Trainerschule des Leichtathletikverbandes in Mainz gründete und leitete und dann als Stabhochsprungtrainer der Frauen arbeitete, ist zuständig für Würfe, Stöße, Sprünge.

          Eine Generation spitzensportlicher Talente ist verlorengegangen

          „Wir sind nicht die Task Force Berlin“, sagt Czingon im Hinblick auf die enorme Bedeutung der Weltmeisterschaft im August in Berlin. Gewiss muss das deutsche Team dort besser abschneiden als in Peking. Doch ihre zunächst bis London 2012 laufenden Arbeitsverträge wollen die beiden vor allem mit nachhaltiger Arbeit erfüllen. Und da sind sie wieder beim Generationenwechsel. „Wir hatten sechs Weltmeister bei der U-20-Weltmeisterschaft in Bydgoszcz“, sagt Czingon. „Danach beginnen die Probleme.“

          Täglich müssten er und seine Kollegen zwischen Athleten und ihren Hochschulen und Arbeitgebern vermitteln, um Trainingslager und Wettkampfreisen zu ermöglichen. Es gilt die Sportlerinnen und Sportler beim Sport zu halten und dazu Studium und Berufsausbildung mit Leistungssport zu integrieren. Dazu kommt, was Czingon die Abbröckelungsproblematik nennt: das Ende der Karriere verdienter Athleten, die jahrelang zuverlässig große Titel gewannen, wie etwa Lars Riedel und, voraussichtlich nach Berlin, Franka Dietzsch. In den Turbulenzen der deutschen Einheit sei eine Generation spitzensportlicher Talente verlorengegangen, sagt Czingon.

          Turin als Standortbestimmung und Muntermacher

          Diejenigen, die nun herangewachsen sind, stimmen die Cheftrainer optimistisch. „Das Leistungsbild begeistert uns“, schwärmt der eine. Die Athleten seien durchaus auf dem Weg nach Berlin. „Ich sehe einen Aufwärtstrend“, sagt der andere. Obwohl die Bilanz der Olympischen Spiele des vergangenen Jahres noch bitterer ausfiel als die auf dem vermeintlichen Tiefpunkt Athen 2004, will sich Czingon nicht allein auf seine Beobachtung und seine Hoffnung verlassen.

          Seit elf Jahren erstellt er komplexe Computerbilder der 47 leichtathletischen Disziplinen. Im internationalen Vergleich mit den Besten der Welt musste er dabei eine kontinuierliche Abwärtsbewegung konstatieren - bis 2006. Seitdem geht es, statistisch, aufwärts. Czingon und Harksen scheinen voller Hoffnung, dass ihre Insider-Informationen sich bald in Erfolgen auch der breiten Öffentlichkeit mitteilen. In dieser Hinsicht soll Turin als Standortbestimmung und Muntermacher dienen. „Wenn der Winter gut ist, wird meist auch der Sommer gut“, verspricht Harksen.

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