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Leichtathletik : Mit Berliner Schnauze den Zehnkampf auf Trab bringen

  • -Aktualisiert am

Vor nicht zwei Wochen, beim Meeting in Ratingen, lag der deutsche Mehrkampf am Boden. Jetzt gibt es wenigstens einen kleinen Lichtblick: Andre Niklaus von der LG Nike Berlin, den Junioren-Europameister.

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          Vor nicht zwei Wochen, beim Meeting in Ratingen, lag der deutsche Mehrkampf am Boden. Jetzt gibt es wenigstens einen kleinen Lichtblick. Bei der Europameisterschaft der Junioren "U23" in der polnischen Stadt Bydgoszcz verteidigte Andre Niklaus von der LG Nike Berlin im Zehnkampf seinen Titel mit 7983 Punkten. Ein Ergebnis, das nach den Zahlen "ja nicht so prickelnd" ist, wie der Berliner selbst sagt. Daß er damit die beste Punktzahl eines deutschen Zehnkämpfers in diesem Jahr erreicht hat, nahm er gelassen zur Kenntnis. Er renne "nicht den ganzen Tag mit einem breiten Grinsen im Gesicht herum". Doch der Deutsche Leichtathletik-Verband (DLV) nahm Niklaus' Leistung zum Anlaß, den 22 Jahre alten Athleten für die Weltmeisterschaften in Paris zu nominieren. Damit ersparte sich der Verband das Erlebnis, erstmals seit dem Zweiten Weltkrieg bei einem internationalen Großereignis ohne Zehnkämpfer anzutreten. Obgleich Niklaus die interne Norm von 8000 Punkten nicht geschafft hatte, habe man ihn berufen, "weil er in souveräner Art und Weise U23-Europameister geworden ist", sagte Rüdiger Nickel, der DLV-Vizepräsident für den Spitzensport.

          "Ich bin einer, der eher den schweren Weg geht", sagt Niklaus über sich selbst. Siebzig Prozent seiner Haut verbrannten, als er sich im Kleinkindalter heißes Wasser über den Körper schüttete. Die Narben sind deutlich zu sehen. "Ich habe keine Erinnerung mehr daran, aber vielleicht hat mich das Erlebnis doch irgendwie geprägt", sagt er. Aufgeben ist kein Thema für ihn. Wenn er etwas angefangen hat, zieht er es durch. Das fing schon in der Schule an. "Da war ich nicht die Leuchte, aber es wäre mir nie in den Sinn gekommen, daß ich sie abbreche. Von irgend etwas muß ich später ja leben." Er wohnt bei seinen Eltern im Osten Berlins, die ihn sehr unterstützen in seinen Plänen. Noch bis Monatsende leistet er seinen Zivildienst am Olympiastützpunkt in Berlin ab, danach will er versuchen, in die Sportfördergruppe zu kommen. "Erst Zivildienst, dann Bundeswehr, das hört sich seltsam an, aber für den Sport ist es das Beste", sagt Niklaus. Er wollte eine kaufmännische Lehre machen, hat die Idee aber inzwischen verworfen. "Wie soll ich bei zweimal Training am Tag noch acht Stunden Arbeit dazwischenschieben?" fragt der sportbegeisterte Amerika-Fan.

          In Bydgoszcz beeindruckte der Berliner vor allem im Hochsprung mit 2,03 Meter, im Speerwerfen mit 59,13 Meter und im Stabhochsprung, seiner besten Disziplin, mit fünf Metern. Auch die 1500 Meter liegen ihm. "Das hat man im Blut oder nicht", sagt er. Immerhin ist er dafür im Winter häufig um 6.30 Uhr aufgestanden, um eine halbe Stunde zu laufen. "Da habe ich die Basis gelegt." Seit vier Jahren trainiert er bei Rainer Pottel, der ihn behutsam aufbauen will. Für das Speerwerfen fuhr Niklaus zusätzlich nach Magdeburg zu Ralf Wollbrück, zwei Stunden hin, zwei zurück. Dieser Aufwand hat sich ebenfalls gelohnt. In Niklaus sehen die DLV-Verantwortlichen offenbar auch einen Typ, der den Mehrkampf wieder ein wenig auf Trab bringen könnte. 1,90 Meter groß, optimistisch, frech - und dazu eine vernünftige Einstellung. Aus medizinischer Sicht, so sagte er nach seinem Sieg, wäre es sicher besser, nicht nach Paris zu fahren. Im Mai war er bei einem Stabhochsprung-Wettkampf in Rhede neben der Matte gelandet und hatte sich gleich mehrere Haarrisse an Fußknochen zugezogen. Das bedeutete Aquajogging anstatt Hochsprung, Joggen anstatt Sprinten. Nicht gerade die optimale Vorbereitung für eine EM. Weil die Haarrisse immer noch nicht völlig ausgeheilt schienen, wollte er sich eigentlich ein wenig Urlaubsruhe gönnen, um dann das Ziel Olympia 2004 anzugehen. "Ich will nach Athen", sagt er. Nicht "vielleicht" oder "mal sehen, wie es läuft" - sondern "Ich will". Auch das unterscheidet ihn von manchen anderen deutschen Leichtathleten.

          Niklaus ist sich des Risikos bewußt, das er mit dem WM-Start eingeht. Eigentlich brauche er Zeit und einen kontinuierlichen Aufbau, "damit der Körper das verkraftet", sagt er. Selbst für den Fall, daß eine Bestleistung in Paris herausspringe, "hätte ich nicht viel davon - mit 8100 Punkten wird man nicht weit kommen". Ein wenig schreckt Niklaus auch vor einer zusätzlichen Last zurück: Bei drei deutschen Startern, so sagt er, "hätte ich mich mehr im Schatten entwickeln können". Aber so steht er als Einzelkämpfer sofort im Mittelpunkt. Dennoch behauptet Niklaus: "Ich bin heiß auf Paris." Diese Einstellung paßt zu ihm.

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