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Deutsche Speerwerfer : „So allmählich müssen wir über Ausbürgerung nachdenken“

„Irgendwann fallen die 90 Meter“: Bernhard Seifert bei den Werfertagen in Halle Bild: Imago

Goldene Zeiten für die deutschen Speerwerfer: Auch Bernhard Seifert kämpft um einen Platz im WM-Kader, die Konkurrenz ist so groß wie nie. Weitspringerin Malaika Mihambo glänzt abermals.

          „So allmählich müssen wir über Ausbürgerung nachdenken“, scherzte Thomas Röhler. In Deutschland wird es eng für Speerwerfer: Schon bislang kämpfen mehr Weltklasse-Athleten um ihren Platz in der Nationalmannschaft als es Startplätze bei internationalen Großereignissen gibt. Als Olympiasieger und Europameister Röhler am Freitag aus Oslo in Dessau eintraf, hatte er den jüngsten Senkrechtstarter seiner Disziplin dabei, den Potsdamer Bernhard Seifert. Seit drei Wochen steht dieser Newcomer von 26 Jahren mit einem Wurf von 89,04 Meter auf Platz drei der Jahres-Bestenliste, weniger als einen Meter von den neunzig Meter entfernt, nur sechzig Zentimeter hinter der Nummer eins, dem Mannheimer Andreas Hofmann, der im vergangenen Jahr die Diamond League gewann.

          Michael Reinsch

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Neben Hofmann und Röhler zählt auch Julian Weber mit einer Bestleistung von 88,29 Meter zu den Top-Speerwerfern Deutschlands und selbstverständlich Weltmeister Johannes Vetter. Dank einer Wild Card muss der Titelverteidiger nicht um seine Qualifikation für die Weltmeisterschaft in Doha kämpfen. Aber, dank Seifert, ist immer noch ein Speerwerfer zu viel.

          Röhler gewann in Dessau mit 86,99 Meter, seinem weitesten Wurf der Saison, den dritten Wettkampf des Jahres und bemühte sich, Glück und Leistung einzuordnen. Durch die erst im Oktober ausgetragene Weltmeisterschaft habe er seinen Saisonaufbau verschoben und die Wettkämpfe bisher als Training genommen. „Jetzt, Mitte Juni, beginnt ein normaler Mai für mich“, beschrieb er die Verschiebungen in dieser langen Saison, „und im Oktober haben wir einen gesunden August.“

          Weit gesprungen: Wie schon hier bei der Diamond League in Rom zeigte Malaika Mihambo auch in Dessau eine gute Leistung.

          Auch Weitsprung-Europameisterin Malaika Mihambo will sich nicht von ihren guten Ergebnissen wegreißen lassen. Eine Woche nach dem ersten Sieben-Meter-Sprung ihres Lebens, 7,07 Meter in Rom, flog sie in Dessau 7,05 Meter weit – und riss, als die Weite angezeigt wurde, die Arme in die Luft, als wäre es das erste Mal. „Beim zweiten Mal konnte ich mich mehr freuen als beim ersten Mal“, sagte sie fröhlich. „Die Atmosphäre war lockerer.“ Es sei leichter, sieben Meter zu springen, wenn man wisse, dass man es kann: „Ich weiß nicht, warum das die Jahre zuvor so schwer war.“

          Doch selbstverständlich ist die Entwicklung der endlich verletzungsfreien Athletin nicht Kopfsache allein. Ihr Anlauf ist schneller geworden, dadurch kann ihr Sprung höher hinaus gehen, weshalb die Flugkurve weiter trägt. Wenn es nach ihr geht, könnte sie jetzt in jedem Wettkampf sieben Meter und weiter fliegen. Auch sie weiß, dass sie, auch im Hinblick auf die WM von Doha, Zeit hat. „Es fühlt sich an, als ob ich am Anfang stehe“, sagte sie in Dessau. Ihrem Trainer Ralf Weber ließ Malaika Mihambo daheim in Oftersheim bei Heidelberg Handy-Aufzeichnungen ihrer Sprünge per WhatsApp zukommen; Weber antwortete mit einem Anruf beim Ko-Trainer, der mit der Springerin sprach – Coaching in Zeiten digitaler Kommunikation. Die Wirkung war offensichtlich. Malaika Mihambo steigerte sich von Sprung zu Sprung; ihr Sieben-Meter-Flug gelang im sechsten Versuch.

          Termine, Sportarten, Medaillen: Olympia-Zeitplan 2020 in Tokio

          Speerwerfer Seifert dagegen hielt sich zurück. Das Anhalt-Meeting in Dessau sei sein zehnter Wettkampf in vier Wochen gewesen, sagte er, sein vierter in einer Woche: „Bei mir ist der Akku einfach alle.“ Nach drei Versuchen, dessen bester auf 81,48 Meter ging und für Platz zwei reichte, machte er Schluss.

          Für die Öffentlichkeit mag der Potsdamer ein Newcomer sein. In Wirklichkeit ist er ein alter Hase. In seiner Jugend trainierte er gemeinsam mit Röhler in Jena, dann folgte er seinem Trainer nach Potsdam. Gemeinsam mit Röhler nahm er vor sechs Jahren an der U23-Europameisterschaft und an der Weltmeisterschaft in Moskau teil. Während Röhlers Höhenflug begann, warfen ihn in jeder Saison Verletzungen aus der Bahn. „Die Vorbereitung lief normal, dann habe ich bei den ersten Wettkämpfen gemerkt: Da zwickt’s und dort zwickt’s“, erinnerte er sich in Dessau. „Es war jedes Mal etwas anderes. Ich konnte nie eine Saison ohne Verletzungen durchkommen.“ 2015 immerhin hielt er bis zur U23-Europameisterschaft durch und wurde Dritter, sein größter sportlicher Erfolg bisher.

          „Ich will zeigen, was ich kann“, sagte Seifert nun. „Ich bin mit meinen 89 Meter immer noch nicht bei dem, was ich eigentlich könnte.“ Die Schallmauer des Speerwurfs, nur 94 Zentimeter oder 1,05 Prozent seiner Bestleistung entfernt, ist nicht sein unmittelbares Ziel. „Irgendwann fallen die neunzig Meter“, ist er sich sicher. „Das muss aber nicht unbedingt in diesem Jahr sein.“

          Über den Gedanken, er könnte wegen der heftigen Konkurrenz die Disziplin wechseln, vielleicht zum Diskus oder zum Mehrkampf, lacht Seifert herzlich. Die Idee, für ein Land zu starten, in dem er der einzige Weltklasse-Speerwerfer wäre, lehnt er ab. Wie also ist seine Perspektive auf Olympia 2020 in Tokio mit drei Startplätzen für fünf Weltklasse-Speerwerfer aus Deutschland? „Ich setze mir das Ziel, immer unter den ersten drei zu sein“, sagt Seifert. „Dann ist das kein Problem.“

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