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Läufer bei Leichtathletik-EM : Die unglaubliche Aktion des Nahuel Carabaña

  • -Aktualisiert am

„Jeder, der hier ist, ist ein Held“: Nahuel Carabaña Bild: AP

Nahuel Carabaña beendet seinen Vorlauf über 3000 Meter Hindernis bei der Leichtathletik-EM abgeschlagen. Doch steht der Läufer im Mittelpunkt. Das Publikum ist gerührt ob seiner besonderen Geste.

          2 Min.

          Die letzten tausend Meter sind ein einsames Rennen für Nahuel Carabaña im ersten Vorlauf über 3000 Meter Hindernis bei der Leichtathletik-EM in München. Doch auch ein stolzes. Alleine läuft der Andorraner dem enteilten Pulk hinterher. Doch nicht etwa, weil er chancenlos gewesen wäre, sondern weil er sich als Helfer der Rennbahn erwiesen hatte. Und der Applaus des gerührten Publikums trägt ihn ins Ziel.

          Achim Dreis
          Sportredakteur.

          Viereinhalb Runden lang bewegen sich die 17 Läufer im dichten Pulk. Es gibt Gedränge, eingesetzte Ellbogen, Spikes treffen auf Schienbeine. Vorneweg läuft der Däne Axel Vang Christensen. 5:15,13 Minuten zeigt die Uhr nach 1800 Metern für ihn, 5:32,38 nach 1900. Alle anderen sind eng beisammen.

          Auch der Andorraner Carabaña ist mittendrin, folgt nur eineinhalb Sekunden zurück, auf Rang 15. Und dann geschieht ein Missgeschick am nächsten Hindernis. Christensen und der Spanier Sebastián Martos gehen Schulter an Schulter über die schwarz-weiße Bake, doch der Däne bleibt hängen, strauchelt, kommt zu Fall – und die Meute hetzt über ihn hinweg, an ihm vorbei, lässt den Gestrauchelten am Boden zurück.

          Auch Carabaña rennt zunächst weiter, doch im Augenwinkel wird ihm gewahr, was da eben passierte – und dann geschieht das Unglaubliche: Er stoppt ab, dreht sich um und geht ein paar Schritte zurück, um dem gestürzten Kollegen zu versorgen.

          Der erst 18 Jahre alte Däne hadert, schlägt mit der Faust auf die Bahn, hat offenbar auch Schmerzen zusätzlich zu seinem Frust. Es gelingt ihm nicht aufzustehen. Carabaña reicht ihm die Hand, will ihm aufhelfen, doch er schafft es nicht. Also greift er dem Gestürzten unter die Arme, zieht ihn wenigstens von Bahn eins hinweg, damit er nicht im Weg liegt, wenn die „Stompede“ der trommelnden Läuferbeine ein weiteres Mal vorüberzieht. Und macht sich dann, als Christensen aus der Gefahrenzone gezogen ist, mit einer Minute Rückstand auf, seinen Lauf doch noch zu Ende zu bringen.

          „Er hätte sich schwerer verletzt haben können“, sagte der Samariter aus Andorra später über den Grund seiner Hilfsaktion. Die Ovationen des Publikums auf seiner Schlussrunde begeisterten ihn: „Das hat mich sehr glücklich gemacht“. Der Applaus gab ihm die Gewissheit, dass er „etwas sehr Gutes gemacht habe“.

          Dass er seine eigenen Chancen weggeworfen hatte, davon wollte er nichts wissen. 8:35,22 hätten zum Einzug ins Finale gereicht, bei 8:32,03 steht seine Bestzeit – das wäre also durchaus machbar gewesen. Doch er habe sich nicht gut gefühlt und dachte: „Vielleicht kann ich ja etwas Gutes tun heute.“ Er kam nach 9:37,74 im Ziel – doch die Zeit war geschenkt angesichts der Geste. Als Held des Tages wollte er sich nicht bezeichnen lassen. „Jeder, der hier ist, ist ein Held“, sagte Carabaña: „Jeder von uns kann sowas machen. Wir können uns gegenseitig helfen.“

          Geher Christopher Linke gewinnt Silber

          Der Rundkurs zwischen Odeonsplatz und Siegestor in der Münchner Innenstadt hat dem deutschen Geher Christopher Linke die lang ersehnte Medaille gebracht. „Jetzt habe ich endlich was, was ich meinen Enkeln zeigen kann“, sagte der 33-jährige Potsdamer nach seinem langen Gang zu Silber bei der Leichtathletik-EM, den er mit der Deutschlandfahne über den tätowierten Schultern zelebrierte. „Mit Glück allein holt man über 35 Kilometer keine Medaille, dafür ist es einfach zu lang.“

          Hinter dem Spanier Miguel Ángel López, der sein einsames Rennen überlegen in 2:26:49 Stunden gewann, folgte Linke mit gehörigem Abstand in 2:29:30 auf Platz zwei. Acht Kilometer vor dem Ziel hatte er sich von der Verfolgergruppe abgesetzt und seinen Vorsprung kontinuierlich ausgebaut. Dritter wurde der Italiener Matteo Giupponi (2:30:34).

          Linke hatte seit 2014 bei insgesamt fünf Großereignissen wie EM, WM und Olympischen Spielen stets vierte oder fünfte Plätze über 20 Kilometer erreicht. „Vom Druck, eine Medaille zu gewinnen, habe ich mich gelöst“, sagte er, nachdem er sich bei der WM in Eugene mit Corona infiziert hatte. Das neue Denken half ihm auf dem Weg zum Erfolg in München, nachdem er am Morgen beim Eingehen noch Schmerzen im Schienbein verspürt hatte. Doch auch das steckte er weg. (ad.)

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