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Leichtathletik-EM : Die sichere Goldbank bekommt den Silberblick

Silber statt Gold für Franka Dietzsch Bild: REUTERS

Diskus-Weltmeisterin Franka Dietzsch hat bei der Leichtathletik-EM in Göteborg hinter der Russin Pischtschalnikowa „nur“ die Silbermedaille gewonnen. „Ich komme wieder“, verspicht Dietzsch in Hinblick auf die WM 2007.

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          Am Donnerstag vormittag wurde Frank Hensel gefragt, wie er seine seine beste Diskuswerferin am Abend am liebsten im Ullevi-Stadion erleben würde. „Ich möchte Franka Dietzsch tanzen sehen“, hat der Generalsekretär des Deutschen Leichathletik-Verbandes (DLV) geantwortet.

          So wie vor einem Jahr bei den Weltmeisterschaften im verregneten und stürmischen Helsinki, als die Frau von der Ostsee-Insel Usedom die einzige deutsche Goldmedaille gewonnen hatte. Hensel bekam seine Tanz-Einlage nicht. Als Alternativprogramm wurden ihm ein spitzer Schrei und ein paar ungelenke Hüpfer der Russin Darija Pischtschalnikowa geboten - und eine ziemlich betreten dreinschauende Franka Dietzsch, die mit beiden Beinen fest auf dem Boden stand. Der sichersten deutschen Goldbank in Göteborg blieb nur ein trauriger Silberblick.

          „Das stinkt mir schon“

          Mit dem zweiten EM-Titel in der langen Karriere der unverwüstlichen Schleuderkraft aus Mecklenburg-Vorpommern nach 1998 wurde nichts. Was Franka Dietzsch aber am meisten zusetzte, war die Tatsache, daß ihrer jungen russischen Konkurrentin 65,55 Meter zum Titel reichten. Das wirft sie normalerweise kurz nach dem Wecken. „Das stinkt mir schon. Wenn ich wenigstens zwei, drei Meter weiter geworfen hätte, dann wäre ich auch mit Silber zufrieden gewesen.“ Sie hätte es aber fast noch peinlicher gefunden, wenn sie mit 64,35 Meter gewonnen hätte.

          Darja Pischtschalnikowa - die Siegerin

          Es war ein merkwürdiger Wettbewerb auf mäßigem Niveau, der nicht nur ein wenig unter Kühle - auch der Zuschauer - in der lückenhaft besetzten Göteborger Arena litt, sondern auch unter zahlreichen Unterbrechungen. Zudem fühlte sich Franka Dietzsch von einem schwedischen Kameramann verfolgt, der ihr keinen Raum zur Entspannung gelassen habe. „So was nervt schon.“ Sie legte mit der ersten Drehbewegung 63,88 Meter vor, eine für ihre Verhältnisse bescheidene Weite, „aber das war ein Sicherheitswurf, der mir schon das Finale gesichert hat“, sagte sie. „Und dann wollte ich richtig angreifen.“

          Bleischwere Beine

          Aber bis auf jene 64,35 Meter im fünften Versuch kam nichts. Man brauchte kein begnadeter Lippenleser sein, um das Wort zu entschlüsseln, das ihr über die Lippen kam: „Sch...“. Die Scheibe flog nicht richtig, die Athletin haderte mit sich, und der Fern-Dialog mit ihrem Trainer Dieter Kollark fiel wenig freundlich aus. „Ach, der sagt doch immer dasselbe.“ Trotzdem dauerte es bis zum vierten Versuch, bis Darija Pischtschalnikowa (65,55 Meter) vorbeizog. Die freute sich hinterher so drollig und so aufgeregt, daß auch Franka Dietzsch bald wieder bessere Laune bekam. Obwohl sie immer noch rätselte, was ihr eigentlich widerfahren war. „Ich hatte eine richtige Pfanne drauf. Beim Einwerfen ist der Diskus so weit geflogen, daß ich zu meinem Trainer gesagt habe: Sag mir lieber nicht die Weite.“

          Aber als sie dann ins diesmal ziemlich leblose Stadion kam, war alles wie weggeblasen. Die Beine bleischwer, das Gefühl für den Diskus weg. Vielleicht am eigenen Anspruch gescheitert? Den hatte sie ja vorher so formuliert: „Ich kann eigentlich nur Gold.“ Aber nicht immer gehen alle Rechnungen auf. Wenngleich die Voraussetzungen bestens waren. Ihre vermeintlich schärfste Widersacherin, Olympiasiegerin Natalja Sadowa aus Rußland, ist im Juli wegen Dopings für zwei Jahre aus dem Wurfkäfig verbannt worden. Und außerdem nimmt die Neubrandenburgerin mit 68,51 Meter souverän Platz eins in der europäischen Rangliste ein - mit exakt zweieinhalb Metern Abstand zu ihrer vermeintlich schärfsten Konkurrentin in Göteborg, Wioletta Potepa. Doch von der Polin ging diesmal keine Gefahr aus.

          Dietzsch hofft auf Revanche in Osaka

          Dafür wurde die Russin zur Spielverderberin - mit der Verbesserung ihrer persönlichen Bestweite um mehr als einen Meter. Aber trotzdem ist die keine Unbekannte: „Ich habe sie schon beim Europacup gesehen.“ Da war sie noch ein gutes Stück hinter ihr. Franka Dietzsch hat sich intensiv vorbereitet auf Göteborg. Seit dem Europacup in Malaga ist sie von ihrem Job bei der Sparkasse freigestellt. „Das war eine Riesenerleichterung.“ Sie hat das genutzt und war in diesem Jahr zweimal für zehn Tage im Trainingslager in Portugal.

          Man glaubt es kaum, daß der DLV seine beste Kraft im Ring vor zwei Jahren schon mal aus dem Elitekader verbannt hatte - mangels Perspektiven. Damals hat sie der heilige Zorn gepackt. Und sie hat weitergemacht, auch aus finanziellen Gründen. „Mit dem Sport verdiene ich hauptsächlich mein Geld, da müssen wir uns nichts vormachen.“ So gesehen, sind Europameisterschaften ohnehin ein Verlustgeschäft, denn der europäische Verband zahlt keine Prämien. Aber dafür läßt sich hinterher bei den Meetings wieder um so mehr reinholen. Auch mit Silber.

          Vielleicht nicht mehr allzu lange, aber Franka Dietzsch hat auch mit 38 Jahren noch Träume. Die nächste WM kommt bestimmt - und für die ist sie als Titelverteidigerin ohnehin qualifiziert. „Ich komme wieder“, hat sie in Göteborg mit Blick auf ihre Bezwingerin gesagt, „und in Osaka 2007 werde ich sie toppen.“ Vielleicht legt sie in Japan wieder ein kleines Tänzchen hin.

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