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Leichtathletik-EM : Deutsche Staffel disqualifiziert

  • -Aktualisiert am

Voreiliger Jubel: Bastian Swillims Bild: REUTERS

Trotz ihrer Unschuldsbekundungen und eines Gegenprotestes verlor die deutsche 4 x 400-Meter-Staffel ihre schon sicher geglaubte Goldmedaille bei der Leichtathletik-EM wieder. Bastian Swillims soll sich unfair verhalten haben.

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          „Ich bin unschuldig“, stieß Bastian Swillims atemlos hervor, als er aus der Halle auf schnellstem Wege in die Katakomben lief, und er hob, alle etwaigen Vorwürfe abwehrend, beide Hände in die Höhe. Der 24-jährige Wattenscheider, Schlussläufer der deutschen 400-Meter-Staffel, wollte mit der Macht seiner Gesten und Worte einen gerade erst gewonnenen Titel verteidigen, den das deutsche Quartett bei den Halleneuropameisterschaften in Birmingham nicht völlig überraschend gewonnen zu haben schien. Doch noch während der imponierend starke Blondschopf hastige Interviews gab, verkündete der Hallensprecher, die vermeintlichen Sieger seien disqualifiziert worden. Danach wurde das zunächst auf Rang zwei eingekommene britische Team zum Gewinner erklärt. Die Russen rückten von Position drei auf Platz zwei vor, die Polen standen plötzlich als Dritte da.

          Am Vortag noch gefeierter Zweiter im Einzel über 400 Meter, hatte der schnellste deutsche Langsprinter die entscheidende Szene im abschließenden Mannschaftsrennen ganz anders gesehen als die meisten Zuschauer in der Halle und viele am Fernseher. Seine Beobachter sahen, wie Swillims von der vierten Position aus kraftvoll nach vorn gestürmt war und eine Position nach der anderen gutgemacht hatte. Dann, in der letzten Kurve, geriet er mit dem führenden Russen Artem Sergejenkow aneinander, und der kurze Zweikampf ging erst mal zugunsten des Deutschen aus. Der enorm antrittsstarke Schlussläufer rannte nach dem Überholmanöver mit großem Vorsprung einem Sieg entgegen, dessen Berechtigung nicht die russische Mannschaftsleitung mit einem Protest anzweifelte, sondern das Kampfgericht aus Eigeniniative verwarf. Swillims soll Sergejenkow an der Schulter gepackt und zurückgezogen haben, so dass dieser gestrauchelt und völlig aus dem Rhythmus gekommen sei. Die Russen kamen als Dritte ins Ziel.

          Gegenprotest nach einer Stunde abgelehnt

          Swillims hielt dieser Darstellung zumindest seine Version der entscheidenden Szene entgegen: „Der Russe hat mich, als ich überholen wollte, nach außen gedrückt.“ Er habe einen Ellenbogen in der Seite gespürt und gedacht: „Was passiert denn hier?“ Danach habe sich der Russe „wohl entschlossen, ins Straucheln zu geraten“. Was dann in seinem Rücken passierte, das habe er selbstverständlich nicht mehr mitbekommen. Aber Startläufer Ingo Schultz, der an Florian Seitz und Simon Kirch übergeben hatte. Der WM-Zweite von Edmonton 2001 sah zunächst mit Freude, wie ihr letzter Mann die Ziellinie als vermeintlich souveräner Sieger überquerte. Gold wurde begrüßt, allerdings schon ein wenig verhalten. Die deutsche Fahne flatterte nicht in ihren Händen, sie hing flau herab, als wäre sie selbst unsicher. „Wir wussten nach dem, was wir gehört hatten, ja nicht, ob es tatsächlich der erste Platz bleiben würde.“ Rang eins versuchte die deutsche Mannschaftsleistung natürlich zurück zu erkämpfen. Doch der Gegenprotest wurde nach einer guten Stunde abgelehnt.

          Bastian Swillims soll seinen russischen Kontrahenten angerempelt haben

          Swillims hatte am Vortag als Solist das, was man im Training zur Steigerung des Stehvermögens übt, im Wettkampf getan. Nach den 46,08 Sekunden im Vorlauf schaffte er es im Halbfinale mit persönlicher Bestzeit von 45,92 Sekunden in den Endlauf. Dort steigerte er sich wiederum auf einen persönlichen Rekord von 45,62 Sekunden. Der Wattenscheider 400-Meter-Mann muss mit seiner Beschleunigung in diesem Winter hochzufrieden sein. Doch statt sich - nach seinem Einzelrennen bei den Halleneuropameisterschaften in Birmingham noch ziemlich außer Puste - selbstgefällig aufzuplustern, atmete der Zeitsoldat leicht enttäuscht durch: „Ja, besser hätte ich hier nicht laufen können. Aber ich habe nicht gewonnen.“ Der Sieg war dem irischen Titelverteidiger David Gillick geglückt, der sich auf den letzten Metern noch an Bastian Swillims vorbeikämpfte und in 45,52 Sekunden einen Landesrekord aufstellte. Swillims, dem unzufriedenen Zweiten, war im bisher besten Hallenrennen eines westdeutschen Läufers zwar noch eine dritte Bestleistung gelungen, als bei Halbzeit der beiden Hallenrunden 21,17 Sekunden für ihn gestoppt wurden.

          Thanou ausgebuht

          Weitere Spitzenresultate schafften der Brite Jason Gardener, der in 6,51 Sekunden zum vierten Mal nacheinander Halleneuropameister über 60 Meter wurde, sein Landsmann, der Dreispringer Philipps Idowu, mit 17,56 Metern sowie deren Landsfrau Nicola Sanders mit 50,02 Sekunden über 400 Meter. Die belgische Hochspringerin Tia Hellebaut meisterte 2,05 Meter im Hochsprung. Die spektakulärste Entscheidung der Titelkämpfe jedoch fiel über 60 Meter der Frauen: Die Belgierin Kim Gevaerts gewann ihren dritten EM-Titel nacheinander in 7,12 Sekunden, die nach einer Zweijahressperre wegen Dopingverstoßes zurückgekehrte und vom Publikum mit Buhrufen begrüßte Griechin Ekaterini Thanou wurde in 7,26 Sekunden Sechste. Sina Schielke, mit großem Ehrgeiz in den Sprintwettbewerb gestartet, war schon im Vorlauf ausgeschieden.

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