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Leichtathletik-EM : Der alte Mann und der Speer

Das Speerwerfen wird ihm fehlen, und er dem Speerwerfen Bild: AP

„Ich fühle mich gar nicht wie vierzig“, scherzte Jan Zelezny, als die Bronzemedaille auf seiner Brust baumelte. „Ich fühle mich viel älter.“ Diesmal will der dreimalige Olympiasieger wirklich aufhören. Er wird dem Speerwerfen fehlen.

          3 Min.

          Üblicherweise, stellt man sich vor, kommen Mitglieder des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) zu einer Meisterschaft, um bei Empfängen mit anderen Sportfunktionären zu plaudern und Siegerehrungen vorzunehmen. Jan Zelezny, Mitglied des IOC seit 1999, nahm bei der Leichtathletik-Europameisterschaft von Göteborg am Mittwoch abend an der Siegerehrung der Speerwerfer teil: auf dem Podest.

          Michael Reinsch

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          „Ich fühle mich gar nicht wie vierzig“, scherzte er, als die Bronzemedaille auf seiner Brust baumelte. „Ich fühle mich viel älter.“ Vielleicht wollte der Tscheche ein wenig den Abschiedsschmerz überspielen, der ihn befallen haben dürfte, als die 40.000 Zuschauer im Ullevi-Stadion ihm zu Ehren von den Sitzen aufstanden, als die - allesamt jüngeren - Speerwerfer ihm gratulierten und sich zugleich von ihm verabschiedeten.

          Sohn einer Speerwerferin und eines Speerwerfers

          Sosehr Zelezny das Speerwerfen fehlen wird, da er sich nun entschieden hat, wirklich Schluß mit dem Leistungssport zu machen, so sehr wird auch er dem Speerwerfen fehlen, seinen Aktiven und seinem Publikum. „Ich bin froh, daß er es geschafft hat“, sagte der Norweger Andreas Thorkildsen, der den Wettbewerb mit 88,78 Meter gewann, über Zeleznys Medaillengewinn. „Ich hatte gehofft, daß er eine holt.“

          Abschied mit Bronze: der eiserne Jan

          Er habe immer eine Medaille gewinnen und dann gehen wollen, behauptete Zelezny: „Das versuche ich seit zwanzig Jahren.“ Von diesem Satz stimmt nur der erste Teil: Nach der Silbermedaille von Seoul 1988 mit 22 Jahren schwang sich der Automechaniker-Geselle aus Mlada Boleslav, Sohn einer Speerwerferin und eines Speerwerfers, zu schier unglaublicher Meisterschaft auf.

          Dreimal Olympiasieger, dreimal Weltmeister

          Dreimal hintereinander wurde er Olympiasieger: 1992 in Barcelona, 1996 in Atlanta und 2000 in Sydney. Dreimal wurde er Weltmeister: 1993 in Stuttgart, 1995 in Göteborg und 2001 in Edmonton. Öfter als fünfmal Weltrekord zu werfen und die Marke von hundert Metern zu übertreffen, daran hinderte ihn der Verband, indem er zweimal neue Regeln und neue Speere einführte.

          Den Abschiedsschmerz übertraf die körperliche Pein. Zeit seiner Karriere litt der Körper von Zelezny unter der ungesunden Drehbewegung des Speerwerfens und dem kraftvollen Abwurf, von der Schulter bis zur Achillessehne. Seit Monaten sind es insbesondere der Rücken und die Wade, die ihn quälen. „Man findet früh heraus, was Glück ist, Erfolg und Schmerz“, sagte er. „Das bereitet einen auf das Leben vor.“

          „Der eiserne Jan“

          Deshalb will er künftig, wenn er nicht für das IOC auf Reisen ist, Schulen in ganz Tschechien besuchen und von seinen Erfolgen und Erfahrungen berichten - auch davon, wie er mit 21 Jahren so schwer verletzt war, daß er seine Karriere schon am Ende sah, bevor sie überhaupt begonnen hatte. „Deshalb habe ich so lange weitergemacht“, verriet er Donnerstag nacht in Göteborg. Deshalb auch überwand er immer wieder den frischen Schmerz. Nach einer Pause will der eiserne Jan - so die Übersetzung seines Namens - Trainer werden in Tschechien.

          „Als ich jung war, hatte ich den Traum, Olympiasieger zu werden“, sagte er. „Davon will ich der jungen Generation erzählen: Wenn du einen Traum hast, glaube daran und folge ihm. Selbst wenn du nicht erfolgreich bist, kannst du sagen: Ich habe alles versucht. Deshalb war ich auch glücklich bei Niederlagen.“

          Diesmal scheint es Ernst zu sein mit dem Abschied

          Für die Leichtathletik seien die Zeiten schwerer geworden, hat Zelezny erfahren: „Fußball ist viel leichter und bringt viel mehr Geld.“ Auch im internationalen Sport will er zurück zu den Ursprüngen. „Wofür ich mich als IOC-Mitglied einsetzen will?“ sagte er. „Dafür, daß man weniger von Doping und vom Geld spricht und wieder mehr vom Sport.“ „Jeder hat es als Ehre empfunden, seine letzte große Meisterschaft mit ihm bestreiten zu dürfen“, schwärmte der Kornwestheimer Speerwerfer Peter Esenwein, ein Jahr jünger als Zelezny. „Diesmal scheint es ihm Ernst zu sein mit dem Abschied.“

          Praktisch einen einzigen guten Wurf brachte Zelezny in Göteborg zustande, und der war - im ersten Durchgang - 85,92 Meter weit. Die fünf weiteren Würfe waren ungültig. „Ich fühlte mich nicht schlecht“, behauptete Zelezny. „Ich habe nur sehr viel riskiert.“ Die Konkurrenten hatten noch miterlebt, wie der große alte Mann des Speerwurfs vor dem Wettkampf mit Salbe seine Schmerzen und Zipperlein hatte beruhigen wollen. Am Ende sagte er lediglich: „Ich bin sehr müde.“

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