https://www.faz.net/-gtl-p938

Leichtathletik : Eine halbe Stunde Ehrenrunde vor den "besten" Fans

  • -Aktualisiert am

„Höre ich Applaus?” Felix Sanchez fordert seine Belohnung. Bild: REUTERS

Das Züricher Leichtathletik-Publikum hält sich für das beste überhaupt. Beim Golden-League-Meeting haben ihm die Stars den Gefallen getan und sich von ihrer besten Seite gezeigt. Allen voran Hürdenläufer Felix Sanchez.

          3 Min.

          Wenn Lars Riedel seinen Trainingsanzug auszieht, kommt Bewegung in die östliche Ecke der Nordkurve. Es sind die billigen Plätze. Stehplätze natürlich. Was sich auf der Zielgeraden oder gar bei der Ziellinie abspielt, ist von dort kaum zu erkennen. Und doch kommen sie immer wieder hierher. Mit rhythmischem Klatschen wird jede Bewegung des sächsischen Herkules begleitet. Der Zweimetermann genießt es. Diese Ecke des Letzigrund-Stadions ist sein Wohnzimmer, hier hat er zwischen 1991 und 1997 siebenmal gewonnen, hier ist er der Liebling aller.

          Entsprechend nimmt er sich Zeit, wenn er erst mal im Ring steht. Ein paar Bewegungen, die den Wurf andeuten, ein langer konzentrierter Blick ins Publikum, das Klatschen wird schneller, als wollten die Fans die Scheibe noch einmal über die 70-Meter-Marke treiben. Es hilft nichts. Nur der erste Wurf, der bei 67,90 Metern landet und mit dem er die Führung übernimmt, gelingt. Danach segelt der Diskus stets viel zu flach. Riedel wird nur Vierter. Ein Hauch von Melancholie breitet sich in der Nordostkurve aus. Daß auch Virgilius Alekna an diesem Abend nicht glücklich ist, weil er von Europameister Robert Fazekas geschlagen wird und damit seine goldene Nummer abgeben muß, merkt dabei niemand.

          Der Litauer ist der einzige der fünf Anwärter auf den Jackpot, die in der Golden League bisher alle Wettkämpfe gewonnen haben, der in Zürich geschlagen wird. Die vier andern zeigen keine Schwäche und untermauern damit ihre Favoritenposition für die Olympischen Spiele in Athen.

          „Applaus, Applaus“ fordert Sanchez


          Besonders schön tut dies Felix Sanchez, der muntere Mann aus der Dominikanischen Republik, der über 400 Meter Hürden seit drei Jahren unbesiegt ist. Er weiß, was er dem Publikum schuldig ist, das sich so gerne als das beste der Welt feiern läßt. Er geht das Rennen sehr verhalten an, als er in die Zielgerade einbiegt, liegt er nur an dritter Stelle. Doch keine Bange. Zehn Meter vor dem Ziel überspurtet er den Amerikaner Bershawn Jackson. Da reicht die Zeit gerade noch aus, um mit der rechten Hand sein Ohr zu vergrößern. "Applaus, Applaus!" hätten die beiden Alten in der Muppet-Show gefordert. Sanchez tut es auf seine Weise. Hinter dem Ziel läuft er weiter und setzt sich auf die Balustrade der Südkurve, um sich feiern zu lassen. Seine Ehrenrunde dauert eine halbe Stunde. Auch in der Diskuswerferkurve haben sie noch das Anrecht auf eine "Ola".

          Wie Sanchez verteidigen auch Hochsprung-Weltmeisterin Hestrie Cloete mit der Jahresbesthöhe von 2,04 Meter, Dreisprung-Weltmeister Christian Olsson mit 17,46 Meter und die 400-Meter-Läuferin Tonique Williams-Darling mit ihrem vierten Lauf bei einem Golden-League-Meeting unter 50 Sekunden ihren Verbleib im Jackpot. Sie werden Zürich in Athen würdig vertreten. Von andern läßt sich das nicht behaupten. Denn sie gingen der Olympia-Hauptprobe aus dem Weg: die Äthiopier, viele Kenianer und Russen, aber auch die Griechen und die beiden schnellen Türkinnen Elvan Abeylegesse und Süreyya Ayhan. Bei der 1500-Meter-Europameisterin wurde der Argwohn am Tag nach dem Rennen bestätigt. Sie war nicht wie gemeldet verletzt, sondern wurde beim Manipulieren ertappt. Sie hatte zur Dopingkontrolle fremden Urin abgeliefert.

          Zürich wird auch stolz sein, zwei der spektakulärsten Duelle, die in Athen alle begeistern werden, vorweggenommen zu haben: den Showdown der Sprinter und jenen der 1500-Meter-Läufer. Bei der Hauptprobe siegten die Außenseiter. Wie schon in London schlug der 21jährige Jamaikaner Asafa Powell über 100 Meter den dreifachen Weltmeister und Olympiasieger Maurice Greene. Und über 1500 Meter rang der Kenianer Bernard Lagat den Marokkaner Hicham El Guerrouj nieder, der in Zürich zuvor achtmal hintereinander gewonnen hatte.

          Überglückliche Sieger, glückliche Besiegte

          Das Erstaunliche dabei: Es waren scheinbar glückliche Besiegte. Greene umarmte seinen jungen Bezwinger am Ziel, El Guerrouj applaudierte. Greene tröstete sich damit, daß er - wie angekündigt - zum fünfzigsten Mal unter zehn Sekunden geblieben war (bei einem Gegenwind von 0,5 Metern pro Sekunde) und die endgültige Bestätigung hatte, daß er zweieinhalb Jahre nach seinem schweren Motorradunfall (Beinbruch) wieder zurück ist. Etwas müßte ihm allerdings zu denken geben. Im Gegensatz zu London, wo er schon auf den ersten Metern geschlagen wurde, wurde er in Zürich auf seinem bevorzugten Streckenabschnitt bezwungen, den letzten zehn Metern. Greene steckte es locker weg: "Das Rennen in Athen wird ein anderes sein, ich werde Gold gewinnen."

          Hicham El Guerrouj sieht das anders. "Wenigstens bin ich diesmal nicht Favorit", sagt der Marokkaner, der in Sydney vom Kenianer Noah Ngeny geschlagen worden war. El Gerrouj hatte bis vor wenigen Wochen Probleme mit Asthma. Während dreier Wochen hinderte ihn die Atemnot gar am Training. Der Besuch bei einem Allergie-Spezialisten in Toulouse brachte Linderung. Mit dem Segen des Internationalen Leichtathletik-Verbandes durfte er sich mit Kortison behandeln lassen. "Alle wissen, daß ich krank war", sagte er in Zürich, "jetzt habe ich das Asthma im Griff. Ich bin sehr gut gelaufen und freue mich darüber. Ich freue mich für Bernard, aber in Athen will ich ihn schlagen und Gold gewinnen - so Gott will."

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Der türkische Präsident mit seiner Ehefrau Emine in der Hagia Sophia

          Zukunft der Türkei : Kommt jetzt das Kalifat?

          Versperrte Wege: Wofür die Türkei dem Westen nicht mehr zur Verfügung steht und wohin sie unter dem „neuen Sultan“ treibt. Ein Gastbeitrag.
          Der Hauptangeklagte Stephan E. mit seinem Verteidiger.

          Geständnis von Stephan E. : „Es war falsch, feige und grausam“

          Eine schwere Kindheit, Jähzorn und Ausländerhass, der vom Vater übernommen sein soll. Nach dem Geständnis von Stephan E., Walter Lübcke erschossen zu haben, ist dessen Familie empört.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.