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Sprinterin Veronica Campbell-Brown : Der gar nicht so saubere Fall

Darf wieder laufen, weil bei der Doping-Kontrolle geschlampt wurde: Veronica Campbell-Brown aus Jamaika Bild: AP

Die Chance, wieder zu laufen, verdankt Sprinterin Veronica Campbell-Brown der Fähigkeit ihres Rechtsbeistands, der Freundlichkeit des Welt-Leichtathletikverbandes und der Inkompetenz der Kontrolleure.

          3 Min.

          Veronica Campbell-Brown ist wieder da, die 31 Jahre alte Sprinterin aus Jamaika. Dreimal wurde sie Olympiasiegerin, zweimal Weltmeisterin, und wenn sie am Sonntag (18.45 Uhr/ Eurosport) in Zoppot das Finale über 60 Meter gewinnen sollte, ist sie zum dritten Mal nacheinander Hallen-Weltmeisterin. Das ist nicht nur unwahrscheinlich – schließlich gibt Shelly-Ann Fraser-Pryce ihr Debüt in der Halle, die Olympiasiegerin und Weltmeisterin über 100 Meter. Das ist auch unglaublich. Veronica Campbell-Brown ist haarscharf einer Doping-Sperre entgangen. Wohl auch deshalb strahlt sie, wie sie sich im gelben Trikot mit grünem Ärmel und schwarzem Schulterstück in der Arena zeigt. Die Chance, wieder zu laufen, hat sie der Fähigkeit ihres Rechtsbeistands zu verdanken, der Freundlichkeit des Welt-Leichtathletikverbandes (IAAF) und einem Maß an Inkompetenz, das man nicht einmal der zweifelhaftesten Anti-Doping-Agentur zutrauen würde – und das erwarten lässt, dass auch in den seit Monaten anhängigen Doping-Fällen Asafa Powell und Sherone Simpson die Analyseergebnisse nicht anerkannt werden. Die Athletin interpretierte ihren Freispruch mangels Beweisen so: „Die letzte uns Athleten zugängliche Instanz hat gesprochen, und in aller Bescheidenheit sage ich, dass sie meine Unschuld bestätigt hat.“

          Michael Reinsch
          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Tatsächlich war es so, dass jamaikanische Doping-Kontrolleure am 4. Mai vergangenen Jahres in Kingston die Probe nahmen und Analytiker darin das Medikament Lasix fanden. Die Verteidigung wies nach, dass die Behälter nicht oder falsch verschlossen waren und die Proben auf dem Transport hätten verderben oder manipuliert werden können. Damit waren die Analysen von A- und B-Probe nichtig, bei denen sich das Diuretikum Furosemid fand, das im Sport deshalb verboten ist, weil es die Existenz von Doping-Mitteln kaschieren kann. Das Oberste Schiedsgericht des Sports (Cas) hatte es mit dem Freispruch von Veronica Campbell-Brown am 25. Februar so eilig, dass eine Urteilsbegründung nicht möglich war. Sie soll nachgereicht werden. IAAF und Veronica Campbell-Browns Rechtsanwalt Howard Jacobs hatten sich still darauf geeinigt, den Cas anzurufen, nachdem der jamaikanische Verband die Athletin lediglich gerügt und ermahnt hatte.

          So wie Lamine Diack, der greise Präsident der IAAF, es nun darstellt, habe der Weltverband eine zweijährige Sperre verhängt, sei damit aber gescheitert. Man darf bezweifeln, dass der Verband wirklich eine Sperre anstrebte; er machte schließlich nicht einmal bekannt, dass er sie verhängte. Wie der Fall VCB intern beurteilt wird, machte Nick Davies deutlich, stellvertretender Generalsekretär und Stimme der IAAF, als er mahnte, den Maßstab nicht zu verlieren; es handele sich nicht um einen gravierenden Doping-Fall. Für die Doping-Bekämpfer, die auf das Verfahren drängten, ist ihr Scheitern ein schwerer Rückschlag.

          Doping-Agentur in Jamaika wirkungslos

          „Lobet den Herrn, den Schöpfer von Himmel und Erde“, schreibt VCB auf Twitter. Mehr ist von ihr nicht zu erfahren. Ihr Anwalt und die IAAF haben vereinbart, den Fall nicht zu kommentieren und keine Details bekanntzumachen. Die Kosten des Verfahrens teilen sich die Parteien. „Wir haben nichts geheim gehalten“, behauptet Diack. „Wir haben uns ans Prozedere gehalten.“ So dürr seine Worte, so deutlich der Eindruck, dass in der IAAF Erleichterung darüber herrscht, dass ein Superstar einer Sperre entgangen ist. „Wir sind gespannt, wie die anderen Fälle ausgehen“, sagt Diack. Es wäre ein Wunder, würden nicht auch Powell und Sherone Simpson den Nachweis des Aufputschmittels Oxilofren mit denselben Verfahrensfehlern bestreiten. Jamaikanischen Sprintern wird nachgesehen, was bei den Olympischen Spielen der Biathletin Evi Sachenbacher-Stehle einen positiven DopingBefund einbrachte: der Gebrauch von Nahrungsergänzungsmitteln zweifelhafter Herkunft.

          Die jamaikanische Anti-Doping-Agentur (Jadco) untergräbt mit diesem Skandal nicht nur die kargen Reste ihrer Reputation. Man kann die Unfähigkeit, korrekt Proben zu nehmen, auch als Sabotage betrachten. Im November trat der Aufsichtsrat der Anti-Doping-Agentur zurück, weil dessen Vorsitzender Herb Elliot offenbar seinen akademischen Titel in Medizin zu Unrecht führte. Zuvor hatte die frühere Geschäftsführerin öffentlich gemacht, dass die Agentur vor den Olympischen Spielen 2012 ihre Aktivitäten praktisch für mehr als ein halbes Jahr eingestellt hatte. Im Licht des jüngsten Falls kann man der Agentur ihre Auszeit nicht einmal vorwerfen. Auch aktiv ist sie wirkungslos.

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