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Alina Reh : Wie ein Talent von der Alb allen davonläuft

19 Sekunden schneller als die Titelverteidigerin: Alina Reh lief in 15:51,48 Minuten zum Titel über 5000 Meter Bild: dpa

Bei der deutschen Meisterschaft düpiert die erst 18 Jahre alte Alina Reh die Konkurrenz und gewinnt über 5000 Meter. Und all das ohne Trainingslager oder Leistungszentrum. Dafür hat sie ein anderes Erfolgsrezept.

          Fast schon wie Majestätsbeleidigung wirkte, wie Alina Reh ins Rennen ging: frech vorneweg, nach zweieinhalb Runden schon allein, unter dem Jubel des erstaunten Publikums mit wehendem Haar und strahlendem Gesicht dem Ziel entgegen. Nach 5000 Metern hatte nicht Sabrina Mockenhaupt ihren 41. Titel gewonnen, sondern Alina Reh ihren ersten. Erst 18 Jahre alt ist die Läuferin von der Schwäbischen Alb. Im März hat sie Abitur gemacht, seit Mai ist sie volljährig. Seit der U-20-Europameisterschaft im Juli in Eskilstuna (Schweden) ist sie Europameisterin über 3000 und 5000 Meter, und am Samstag hat sie die mehr als zehn Jahre andauernde Herrschaft von Sabrina Mockenhaupt beendet.

          Michael Reinsch

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          So gnadenlos sie lief, von Anfang an auf den Sieg aus, so großherzig war sie danach. Nachdem sie in 15:51,48 Minuten 19 Sekunden schneller als die Titelverteidigerin im Ziel gewesen ist, kam sie ihrer Konkurrentin hinter der Linie entgegen, öffnete die Arme, und dann fielen sich die beiden stärksten Langstreckenläuferinnen Deutschlands um den Hals. „Hut ab!“ sagte die 34 Jahre alte Sabrina Mockenhaupt. „In Alina haben wir eine Läuferin, die die nächsten zehn, zwanzig Jahre die Szene beherrschen wird.“ Die 16 Jahre Jüngere schwärmte: „Es war immer mein Traum, mal mit Mocki in einem Rennen zu laufen. Bisher bin ich immer in Jugendrennen gelaufen, da trifft man keine Erwachsenen.“

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          Mit erst 18 Jahren kann man laufen wie Alina Reh, da hat man nichts zu verlieren. Im vergangenen Jahr wurde sie Zweite der Weltjugendspiele, bei der U-20-Europameisterschaft lief sie an zwei Tagen hintereinander den Konkurrentinnen vom Startschuss weg davon und siegte mit Riesenvorsprung. „Ich dachte, dies würde ein Jahr, in dem ich ein bisschen weniger gewinne“, sagte sie nach dem Rennen, und man sah ihr die Freude darüber an, dass es anders gekommen ist. Nächster Termin: deutsche Jugend-Meisterschaft nächste Woche in Jena.

          Einzelhandels-Kauffrau im Rewe-Markt ihrer Mutter

          Für die Weltmeisterschaft in Peking hat sich Alina Reh nicht qualifiziert, aber die Olympischen Spiele in Rio sollten das Ziel im nächsten Jahr sein, oder? „Es wäre utopisch, dort hin zu wollen“, erwidert sie. „Rio kommt zu früh. Ich schau mir das ganz gern vom Sofa aus an.“ Auf den langen Strecken brauchen Athletinnen und Athleten Zeit zu reifen, und Alina Reh nimmt sie sich. Nicht einmal 10.000 Meter ist sie bisher im Rennen gelaufen. Straßenrennen reizen sie nicht.

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          „Ich weiß gar nicht“, sagt sie, „ob ich je Marathon laufen möchte.“ Nicht länger will sie laufen, sondern schneller. Deshalb wird die Läuferin zunächst die 1500 Meter angehen. „Ich mag das, an mein Limit zu gehen“, sagt sie. „Ich wache morgens auf und denke ans Laufen. Wenn ich einen Ruhetag habe, frage ich mich: Wie kriege ich den rum? Ich liebe das Laufen, ich brauche es.“

          So weit die Füße tragen, so sehr bleibt Alina Reh bei sich. Sie wohnt bei den Eltern in Laichingen auf der Schwäbischen Alb, ihre duale Karriere besteht in der Ausbildung zur Einzelhandels-Kauffrau im Rewe-Markt ihrer Mutter. „Da ich ein besonderes Verhältnis zu meiner Arbeitgeberin habe, stellt sie mich frei fürs Training“, scherzt die junge Frau. Weg will sie nicht. Weder ins Trainingslager und schon gar nicht in irgendein Leistungszentrum. „Da würde ich ganz schnell Heimweh kriegen“, vermutet Alina Reh.

          Bei der Deutschen Meisterschaft in Nürnberg läuft Alina Reh der Konkurrenz davon

          So lange sie ihre Leistung steigert, während sie auf der Alb trainiert, braucht sie kein Höhentraining, solange sie Spaß und Erfolg hat, bleibt sie zu Hause. „Da bin ich schön allein in meinem Wald“, sagt sie. „Ich kann mir nichts Schöneres vorstellen.“ Manchmal begleitet ihre Mutter sie auf dem Fahrrad, manchmal ihr Trainer. Einen Empfang hat ihr Heimatort der erfolgreichen Athletin nach der U-20-Europameisterschaft nicht bereitet. „Der Bürgermeister hat mir einen Brief geschrieben“, sagt Alina Reh. „Der war sehr nett.“ Da entwickelt sich, auf der Alb, ein Talent tatsächlich ungestört.

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