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Leichtathletik : Die Scheinwelt der Spitzenathleten und die Angst vor dem Alltag

Applaus für die Altmeisterin: Heike Drechsler Bild: AP

Kein Zweifel, die Senioren der deutschen Leichtathletik sind, was ihre Leistungen anbelangt, oft noch das Maß der Dinge. Dennoch muß die Frage erlaubt sein: Wann ist der richtige Zeitpunkt gekommen, sich zu verabschieden?

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          „Manchmal", gesteht Heike Drechsler, "bin ich noch wie ein kleines Kind." Nicht empfänglich für Argumente oder Signale. Da passiert es selbst im fortgeschrittenen Leichtathletik-Alter von 38 Jahren noch, daß man einfach nicht wahrhaben will, was der Körper längst meldet. Die Achillessehnenschmerzen lassen sich eine Weile ignorieren, aber irgendwann bekommt man die Quittung. Für die Weitsprung-Olympiasiegerin von Sydney heißt das: kein Start bei den deutschen Meisterschaften an diesem Wochenende. Frühestens am 9. Juli in Rom will sie in die Saison einsteigen, denn die Weltmeisterschaften Mitte August in Paris sind ihr erklärtes Ziel. Aber ab und zu hat sich Heike Drechsler schon bei dem Gedanken erwischt, daß es nun wirklich an der Zeit sei, einen Schlußstrich zu ziehen. Womöglich nach der WM, vielleicht auch erst nach Athen 2004. "Ich bin ja schon seit 25 Jahren dabei." Aber das Hintertürchen bleibt offen. Denn der Absprung ins ganz normale Leben nach einer glanzvollen Karriere bedeutet ungleich mehr, als den Balken zu optimal zu treffen.

          Wie Heike Drechsler geht es vielen. Dieter Baumann. Jahrgang 65, dreht unbeirrt weiter seine Runden, obwohl die Gegner fast seine Söhne sein könnten, Lars Riedel, der am Samstag 36 Jahre alt wird, läßt Rücken- und Schulterproblemen zum Trotz den Diskus auf Klasseweiten segeln - wenngleich sich die ein oder andere Niederlage einschleicht. Astrid Kumbernuss wuchtet mit 33 die Kugel immer noch weiter als die jüngeren Kolleginnen, wenngleich sie nach der Babypause eigentlich schon die Lust verloren hatte. Kein Zweifel, die Senioren der deutschen Leichtathletik sind, was ihre Leistungen anbelangt, oft noch das Maß der Dinge. Dennoch muß die Frage erlaubt sein: Wann ist der richtige Zeitpunkt gekommen, sich zu verabschieden? "Den idealen Zeitpunkt gibt es nicht", sagt Heike Drechsler, "aber man spürt irgendwann den Punkt, wenn man satt ist."

          Tatsache ist, daß dieser Sättigungsgrad heutzutage wesentlich später erreicht wird als noch zu Zeiten von Heide Rosendahl oder Ulrike Meyfarth. Die Verweildauer hat sich in der Leichtathletik um wenigstens fünf, sechs Jahre bis in die späten Dreißiger ausgedehnt - ein weltweites Phänomen: Dreispringer Jonathan Edwards, längst ergraut, gibt sich auch mit 37 Jahren noch wie ein junger Hüpfer, und Merlene Ottey rennt mit 43 noch die 100 Meter in 11,22 Sekunden. Die Marathon-Karriere auf der Laufbahn ist sicher ein Verdienst der modernen Trainingslehre und der Sportmedizin. Aber nicht der entscheidende Grund. Um den zu nennen, genügt Frank Hensel, dem Generalsekretär des Deutschen Leichtathletik-Verbandes, ein einziges Wort: "Geld." Das ist keineswegs despektierlich gemeint, es beschreibt nur die Entwicklung von einer Sportart mit Amateurstatus hin zum einträglichen Beruf. Einem Beruf auf Zeit, versteht sich. Aber wer in Größenordnungen von einer Viertelmillion Euro pro Jahr aufgestiegen ist, hält an diesen Einnahmequellen fest, solange der Körper halbwegs mitspielt. "Natürlich spielt das Geld eine Rolle", räumt Heike Drechsler ein, "aber es ist wie bei einem Künstler: Solange der an seinem Werk arbeitet, ist es Spaß und Leidenschaft. Erst wenn er fertig ist, denkt er vielleicht ans Geschäft." Ans Aufhören denkt man nur ungern.

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