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Leichtathletik : Die Party ist noch nicht ganz vorbei

  • -Aktualisiert am

„Unabhängigkeit ist mir wichtig”: Heike Drechsler Bild: dpa/dpaweb

Heike Drechsler ist auf dem Absprung: Die erfolgreichste Weitspringerin der Welt denkt nicht mehr an Athen - aber sie tritt weiter an, und ihr Landepunkt ist unbekannt.

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          Heike Drechsler ist wie die Partybesucherin, die zwar schon "Tschüß" gesagt hat, aber immer noch in der Tür steht. Geht sie schon, bleibt sie doch noch?

          Die 39 Jahre Leichtathletin hat die Qualifikation für die Olympischen Spiele in Athen abgehakt. Jedenfalls behauptet das die Wahl-Karlsruherin. Von der geforderten Leistung, 6,70 Metern, ist die Weitspringerin in ihrem bislang besten Versuch im Mai bei Wind in Jena 29 Zentimeter entfernt geblieben. Das soll eine unüberwindliche Distanz sein für eine zweimalige Weltmeisterin (1983 und 1993) und Olympiasiegerin (1992 und 2000), für eine viermalige Europameisterin?

          Ist das (olympische) Feuer in Heike Drechsler erloschen

          Als Heike Drechsler am 17. Mai in Düsseldorf auf den Laufsteg trat, um die deutsche Teamkleidung für die Spiele 2004 zu präsentieren, empfanden einige das als ganz schön mutig - denn schon damals durfte man zweifeln an ihrer abermaligen Olympiatauglichkeit. Wenn die deutschen Athleten am 13. August ins Stadion von Athen einmarschieren, tragen sie das olympische Feuer am Leib. "Flame" wird die Schattierung von Apricot genannt, in der die Kleidung gehalten ist.

          Die Paßform stimmt, die sportliche nicht: Heike Drechsler (mit Schwimmer Keller) bei der Einkleidung für Athen

          Ist das (olympische) Feuer in Heike Drechsler erloschen, die in der Vergangenheit doch immer die überzeugte Optimistin gegeben hat und ihre Kritiker, die den Rücktritt anmahnten, ein ums andere Mal widerlegen konnte? Seit dem zweiten, für viele überraschenden olympischen Erfolg vor vier Jahren in Sydney - mit 6,99 Metern - hatte sie mehr mit sich und ihrem Körper zu tun als mit Wettkampfsituationen. Die Weltmeisterschaft 2003 zum Beispiel verpaßte sie wegen einer Achillessehnenoperation.

          Diese Saison stand von vornherein unter dem Titel: Auf dem Sprung nach Athen - oder auf dem Absprung? Eine ehrgeizige Spitzensportlerin Mitte zwanzig kann Rückschläge wegstecken; für eine erfahrene Athleten Anfang dreißig mag es eine Frage der Zeit sein, bis sie ihre Form findet und die Norm erfüllt. Aber mit fast vierzig? Nicht einmal mit 6,70 Metern dürfte sie sich nach dem aktuellen Stand der Weltrangliste in Athen Hoffnungen auf die Finalteilnahme mit dem besten Dutzend machen.

          Weiß sie wirklich, was sie will?

          Drei Tage vor den deutschen Meisterschaften in Braunschweig hat sie nun den Versuch, die Uhr zurückzudrehen, verbal beendet. Ein Abgesang auf ihre internationale Laufbahn sollte aber nicht vor Sonntag abend beginnen. Denn die gebürtige Thüringerin, die trotz ihrer typischen DDR-Sportlerbiographie auch im vereinten Deutschland ein Star geblieben ist, startet bei den Titelkämpfen. Und wenn sie in Braunschweig wider Erwarten und gegen alle objektiven Zahlen - die Schnelligkeitswerte deuten auf ein Leistungsvermögen von allenfalls sechseinhalb Metern hin - doch als "Normerfüllerin" dastehen sollte? Dann hat sie allein das letzte Wort, denn der Deutsche Leichtathletik-Verband würde sie dem Nationalen Olympischen Komitee den Nominierungskriterien entsprechend für Athen vorschlagen.

          Weiß sie wirklich, was sie will? Ist der vorgebliche Olympiaverzicht am Ende nur ein Schutzschirm, hinter dem sie doch noch das Unmögliche möglich machen will? Man erinnert sich an Jürgen Klopp, der einige Spieltage vor dem Ende der Fußballsaison das Projekt Aufstieg für den FSV Mainz 05 für gescheitert erklärte - und der nun eine Bundesliga-Mannschaft trainiert. Nachdem er den Druck genommen hatte, stimmte die Leistung plötzlich wieder. Leichtathletik funktioniert anders als Fußball, aber Kopf und Körper müssen hier wie dort mitspielen. Hat Heike Drechsler nicht bis zuletzt bekräftigt sie fühle "Power" in sich, habe "ein gutes Gefühl" und könne nur die Leistung nicht abrufen? Öffnet neue mentale Stärke noch einen Weg nach Griechenland?

          "Unabhängigkeit ist mir wichtig“

          In Braunschweig wird sie nun nicht mehr an Normen oder Weiten gemessen werden. Doch das Publikum wird ihr einerseits einen unvergeßlichen Abschied bereiten wollen und andererseits sein Vergnügen daran haben, sie mit Applaus und Anfeuerung Zentimeter für Zentimeter nach vorne zu bringen. Wer weiß, was aus diesem Klima entstehen kann für die erfolgreichste Weitspringerin der Welt (Bestleistung 7,48 Meter von 1992).

          Häufig ist ihr seit Sydney vorgehalten worden, den richtigen Zeitpunkt für den Rücktritt verpaßt zu haben. Aber wer außer ihr selbst soll darüber zu befinden haben? Ihre Krankenkasse, die in der zurückliegenden Olympiade viele Rechnungen zu bezahlen hatte? Oder der Verband, ihr Lebensgefährte und sportlicher Ratgeber Alain Blondel, Manager, Sponsoren gar? Soll sie doch springen, in Braunschweig und anderswo. Nichts kann die Bilanz ihrer großartigen Karriere mehr trüben. Ihr Lebenstraum, wenn die Zeit im Stadion endgültig vorbei ist? "Unabhängigkeit ist mir wichtig, und daß ich mein letztes Lebensdrittel irgendwo in wärmeren Gefilden verbringen werde." Der Kurzzeit-Wetterbericht ist nicht sehr vielversprechend, aber die Fans werden ihr so oder so einen heißen Sonntag bereiten.

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