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Leichtathletik : Die Luft wird dünn für deutsche Läufer

  • -Aktualisiert am

Timo Benitz: Eigentlich müssen wir jetzt von der trialen Karriere sprechen. Bild: dpa

Sturz durchs Fördersieb: Der Abstand zur internationalen Spitze hat ernüchternde Folgen für den Mittelbau. Die deutschen Läufer stehen vor einem großes Dilemma.

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          Timo Benitz ist 1500-Meter-Läufer, war zweimal deutscher Meister, Siebter bei den Europameisterschaften 2014 in Zürich und hat mit 3:36,40 Minuten die Norm für die Olympischen Spiele in Rio lediglich um zwei Zehntel verpasst. Ende November erhielt er wie viele deutsche Spitzenathleten einen Brief von der Deutschen Sporthilfe (DSH), in dem stand, „dass man ihn auf dem Weg zu optimalen internationalen Erfolgen unterstützen will“. Damit wolle man ihn motivieren, „sein sportliches Talent voll zu entwickeln“.

          Inzwischen klingt der Inhalt eines solchen Briefes für einige Athleten wie leere Worthülsen. Benitz ist raus aus der finanziellen Förderung der Sporthilfe. Er erfüllt die Förderungsanforderungen nicht mehr. Platz eins bis acht bei Weltmeisterschaften oder Olympischen Spielen sind der Maßstab. Ein großes Dilemma für alle Läufer in Deutschland. Denn in keiner Sportart ist die internationale Leistungsdichte und damit die Konkurrenzsituation so hoch wie im Laufbereich. Allein der afrikanische Kontinent sorgt hier für ein Gefälle zwischen dem Weltmaßstab und Europa.

          Keine große Perspektive für deutsche Läufer

          Nimmt man den Ausnahmeläufer Mo Farah (Großbritannien, geboren in Somalia) aus, gilt nicht selten: Dort, wo die Weltbestenliste endet, beginnt die europäische Rangliste. Eine Tatsache, die durch mehr Training nicht zu kompensieren ist. Also haben die deutschen Läufer rein sportlich keine große Perspektive, folglich fallen sie auch aus der Förderung. „Als ich dies gelesen habe, war ich schockiert und enttäuscht“, sagt Benitz, der am Wochenende bei der Hallen-EM in Belgrad über 1500 Meter startet.

          Der Student der Raum- und Luftfahrttechnik war 2015 von seinem Wohnort am Bodensee und seinem Studienort München nach Berlin umgezogen, um dort die duale Karriere mit Studium und Leistungssport unter besten Bedingungen fortzusetzen. „Als Läufer bist du Einzelgänger, auch was die Finanzierung angeht“, sagt der 25-Jährige inzwischen, „eigentlich müssen wir jetzt von der trialen Karriere sprechen.“ Was Benitz meint: Zum Leistungssport und Studium kommt ein Job zur finanziellen Absicherung.

          Orth: Verzicht auf Hallen-EM

          Im Dezember wurde das neue Förderkonzept für den Leistungssport vom Deutschen Olympischen Sportbund beschlossen. Demnach sollen weniger Spitzenathleten mit mehr Geld gefördert werden. „Unsere Philosophie des Förderkonzepts heißt, die gleichen Mittel wie bislang zielgerichtet an aussichtsreiche Athleten zu verteilen“, sagt Florian Dubel, der bei der Sporthilfe für die Förderung zuständige Abteilungsleiter. Genauer gesagt: Ziel sind mehr Medaillen für Deutschland. Doch für den Unterbau der absoluten Weltspitze hierzulande könnte dies fatal werden. Die Frage dabei wird sein: Wie geht man mit Athleten um, die europäische Spitze sind, aber weltweit nicht unter den ersten acht rangieren? Allein eine projektorientierte Förderung soll die missliche Situation etwas entschärfen.

          Florian Orth: „Beim Wegfall der Förderung müsste man eigentlich sagen: Ich höre auf.“

          Florian Orth, sechzehnmaliger deutscher Meister über 1500 Meter, 3000 Meter und auf der Straße, ist ebenfalls aus der Förderung der Sporthilfe gefallen. Auch er ist im Rahmen des vierstufigen Fördermodells in die Basisförderung gerutscht. Dazu zählen Sachleistungen und eine Unfallversicherung. Im Top-Team gibt es 600 Euro monatlich. „Beim Wegfall der Förderung müsste man eigentlich sagen: Ich höre auf“, klingt Orth resignierend, „ich habe aber noch Ziele im Leistungssport und möchte weitermachen.“ Dennoch hat der Zahnarzt jetzt ein Signal gesetzt und seinen Verzicht auf die Hallen-EM in einem offenen Brief bekanntgegeben. Es wäre seine siebte Europameisterschaft gewesen. „Wer nicht fördert, kann auch nichts fordern“, ist Orths Botschaft an den Deutschen Leichtathletik-Verband (DLV).

          Flügel: „Ich lass mich nicht fördern“

          Richard Ringer vom VfB LC Friedrichshafen hat im vergangenen Jahr bei der EM in Amsterdam über 5000 Meter eine Bronzemedaille gewonnen - mit einer Hundertstelsekunde Vorsprung vor dem Vierten. „Diese eine Hundertstel und die Bronzemedaille hat mir wohl die Sporthilfe-Förderung gerettet“, sagt der siebenmalige deutsche Meister. Ringer erhält jetzt monatlich 300 Euro Sporthilfe und rund 4000 Euro Zuschüsse zu Trainingslagern vom DLV. „Ich kann mich nicht beschweren“, lautet seine Einschätzung.

          Im Marathon ist der Abstand zur Weltspitze und damit zu den Fördertöpfen noch viel größer. Julian Flügel (ART Düsseldorf) startete in Rio für Deutschland und wurde 71. Mit seiner Bestzeit von 2:13,57 Stunden sollte er im Vorjahr 200 Euro Sporthilfe monatlich erhalten. Doch Flügel verzichtete („Ich lass mich nicht fördern“). Weil er von seinen Sponsorengeldern fünf Prozent an die Sporthilfe hätte zurückzahlen müssen, lohnte sich dieses „Geschäft“ für ihn nicht.

          Göhler: 40.000 Dollar Unterstützung

          Was wird passieren, wenn immer mehr Athleten durch das Fördersieb fallen? Vielleicht gehen sie einen anderen, eigenen Weg - in die Vereinigten Staaten und das dort von den Universitäten finanzierte System der Leistungsförderung. Simon Stützel (Karlsruhe) hat seit 2010 mit seiner Agentur Scholarbook mehr als 1500 jungen Sportlern den Weg an amerikanische Universitäten vermittelt. „Die jungen Athleten merken, dass die duale Karriere dort bestens funktioniert“, sagt Stützel, der auf diesem Weg selbst als Läufer in die deutsche Spitze (Marathon-Bestzeit 2:17 Stunden) vordrang.

          Timo Göhler (27, ART Düsseldorf) war als Läufer der zweiten Reihe 2013 nach Portland (Oregon) gegangen. Er kehrte 2016 mit zwei Master-Abschlüssen (Business und Finanzen) nach Deutschland zurück und lag über 10.000 Meter mit 28:57,27 Minuten auf Platz eins der DLV-Bestenliste. „Ich war hier ohne Unterstützung und habe in den Vereinigten Staaten mit einem jährlichen Stipendium in Höhe von 40.000 Dollar die bestmögliche Unterstützung erfahren“, sagt Göhler - so groß ist die Diskrepanz in der Leistungsförderung.

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