https://www.faz.net/-gtl-99sps

Leichtathleten starten neu : Warten auf den großen Wurf

Olympiasieger Thomas Röhler: im vergangenen Jahr gewann er in Doha mit 93,90 Metern Bild: dpa

Sie sind die Speerspitzen der deutschen Leichtathletik: Vor dem Auftakt der Diamond League kündigen Olympiasieger Röhler und Weltmeister Vetter große Taten an. Doch sie hadern mit der fehlenden TV-Präsenz.

          3 Min.

          Der eine eher schlank und schnell, der andere kräftig und mit Wucht: Thomas Röhler und Johannes Vetter sind von Statur und Technik unterschiedliche Typen, doch beide sind schon in jungen Jahren sehr erfolgreich und gemeinsam bilden sie das beste Duo der deutschen Leichtathletik: Röhler, gerade mal 26 Jahre alt, gewann 2016 in Rio Olympiagold. Vetter, sogar erst 25, wurde 2017 in London Weltmeister. In der ewigen Weltbestenliste liegen die beiden unterschiedlichen Typen mit ihren persönlichen Bestweiten über 94,44 Meter (Vetter) und 93,90 Meter (Röhler) auf den Plätzen zwei und drei. Nur Tschechiens Speer-Ikone Jan Zelezny warf mit dem neuen Speer jemals weiter, allerdings mit 98,48 Metern schon im Jahr 1996 auch in eine ungeahnte und bislang nicht reproduzierte Dimension.

          Achim Dreis
          Sportredakteur.

          Thomas Röhler sagte im vergangenen Jahr im Gespräch mit dieser Zeitung, im Kopf seien keine Grenzen gesetzt, er halte einen Wurf auf hundert Meter für möglich. Johannes Vetter, der seinem Mitstreiter den deutschen Rekord weggeschnappt hatte, wollte seinerzeit keine utopischen Weiten ankündigen. Doch für diese Saison liebäugelt der Werfer der LG Offenburg mit einem Hieb auf 95 Meter, wenn bei einem Wurf mal alles passe. Schon bei seinem Saisoneinstieg Mitte März in Leira (Portugal) hat er der Konkurrenz ein ziemliches Pfund vor die Nase gesetzt: 92,70 Meter. „Das reicht locker für das EM-Ticket“, meinte er ebenso locker, anspielend auf den Saisonhöhepunkt, die Heim-Europameisterschaft Anfang August in Berlin.

          Mehr zu verdienen gibt es freilich bei der Diamond-League, die an diesem Freitag (Start 17.10 Uhr MESZ) mit dem ersten Meeting in Doha startet. Zwar funkeln die Diamanten der Leichtathletik nicht mehr so glänzend wie einst, zumal im Jahr eins nach dem Rücktritt von Usain Bolt. Aber immerhin gibt es noch mal höhere Preisgelder zu gewinnen. Jeder einzelne Erfolg bei den zwölf Meeting zwischen Doha und Birmingham (18. August) wird mit 10.000 Dollar belohnt, jeder Sieger der insgesamt 32 Disziplinen bei einem der beiden Finals in Zürich (30. August) und Brüssel (31. August) erhält 50.000 Dollar. Insgesamt schüttet der Leichtathletik-Weltverband IAAF gut acht Millionen Dollar Preisgeld an seine erfolgreichen Sportler aus. 

          Weltmeister Johannes Vetter: 95 Meter sind möglich
          Weltmeister Johannes Vetter: 95 Meter sind möglich : Bild: dpa

          „Ich freue mich tierisch auf die Saison“, sagte Vetter beim Anflug auf Doha gegenüber der deutschen Presse Agentur. Bevor die Speerwerfer ihren Wettkampf um 18.50 MESZ beginnen, kann durchaus auf einen deutschen Sieg gewettet werden. Neben Weltmeister Vetter und Olympiasieger Röhler ist noch Andreas Hofmann am Start, der sich mit 91,07 Meter ebenfalls 2017 auf Rang 14 der ewigen Bestenliste und als Nummer sechs der derzeit noch aktiven Speerwerfer eintrug. Weiten über 90 Meter seien bei den deutschen Speerwerfern ja schon zur Normalität geworden, meinte Vetter.

          Thomas Röhler, der im vergangenen Jahr in Doha den bislang weitesten Wurf seiner Karriere bewerkstelligte, hat sich an der Algarve und am Speerwurfzentrum des LC Jena auf die Saison vorbereitet. Jüngste Trainingsschwerpunkte seien spezielle Übungen zur Verbesserung der Explosivkraft gewesen, teilte Röhler mit. Der Athletensprecher des IAAF tüftelt auch gerne theoretisch am Speerwerfen herum. Deshalb kündigte er schon mal im Hinblick auf die Olympiasaison 2020 an, er wolle „die für mich beste Strategie im Wettkampf finden“.

          Röhler durchdringt das Speerwerfen von allen möglichen Seiten. In seiner Heimatstadt ist er auch als Organisator eines Speerwurfevents aktiv – mit sich selbst als Zugpferd. Zudem bemüht er sich als Athletensprecher um Austausch und gegenseitiges Lernen. Zuletzt gab er ein Seminar für britische Talente. „Ich schätze die Diskussion in solchen Veranstaltungen und lerne auch als Lehrender viel“ sagte er und baut damit dem Gedanken vor, er könne sich seine Konkurrenz selbst heranziehen.

          Nur an einem Punkt erscheint auch ein Multitalent wie Thomas Röhler macht und ratlos: wie man die Leichtathleten zurück ins frei empfangbare Fernsehen bringt. Von den 14 Diamond-League-Meetings auf vier Kontinenten werden nur sechs in Deutschland zu sehen sein, und die auch nur auf verschlüsselten Wegen: Eurosport 2 HD Xtra, online mit dem Eurosport Player (Monatspreis 6,99 Euro/Jahrespass 49,99 Euro) oder im TV via Satellit über HD+ zu empfangen, überträgt jeweils zwei Stunden live. Im öffentlich-rechtlichen Bereich bleibt der Bildschirm dagegen schwarz. „Das ist ein Thema, das stört uns alle, das ist wenig nachvollziehbar“, meinte Röhler. „Aber das haben wir Athleten nicht in der Hand. Und der sonst so eloquente Thüringer legte fast ein wenig hilflos nach: „Wir wollen auch ins Fernsehen.“

          Weitere Themen

          Ende der deutschen Gold-Serie

          Diskuswerfen bei Olympia : Ende der deutschen Gold-Serie

          Zum ersten Mal seit 2008 kommt der Diskus-Olympiasieger nicht aus aus Deutschland und heißt nicht Harting. Daniel Stahl und Simon Pettersson gelingt in Tokio ein schwedischer Doppelsieg.

          Topmeldungen

          Turn-Verzicht bei Olympia : Simone Biles’ Mündigkeit

          Die weltbeste Kunstturnerin verzichtet auch auf die Teilnahme an den ersten Finalentscheidungen bei den Sommerspielen in Tokio. Das ist die einzig richtige Entscheidung.
          Rain Man: Robert Habeck gibt im Wahlkampf alles

          Fraktur : Und ewig währt das Kämpfen

          Das Leben ist ein ewiger Kampf, ob um Olympiagold gekämpft wird oder gegen den inneren Schweinehund. Robert Habeck kämpft sogar im durchnässten Outfit.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.