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Leichtathletik : Deutscher Verband trennt sich von Doping-Trainer

  • -Aktualisiert am

Beim Deutschen Leichtathletik-Verband nicht mehr erwünscht: Diskus-Trainer Werner Goldmann Bild: picture-alliance/ dpa

Der deutsche Leichtathletik-Trainer Werner Goldmann war offenbar schwerwiegend in das Doping-System der DDR verstrickt. Zu dieser Einschätzung kommt jetzt die Doping-Kommission des DOSB - mit weitreichenden Folgen für den Diskus-Coach.

          Der deutsche Leichtathletik-Trainer Werner Goldmann war offenbar schwerwiegend in das Doping-System der DDR verstrickt. Zu diesem Urteil ist nun auch die Doping-Kommission des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) gekommen. Das Gremium unter Leitung des pensionierten Richters am Bundesverfassungsgericht, Udo Steiner, wollte sich zum Inhalt seiner Empfehlung an den Deutschen Leichtathletik-Verband (DLV) zwar nicht äußern. Der DLV hat aber bereits Konsequenzen gezogen: Nobert Brenner, der stellvertretende Generalsekretär des DLV, erklärte im „Deutschlandfunk“, dass „der Arbeitsvertrag mit dem Diskus-Trainer Werner Goldmann am 31. Dezember auslaufen“ wird.

          Ein neues Vertragsangebot habe Goldmann nicht erhalten. Dem 58 Jahre alten Coach, der bei den Sommerspielen in Peking unter anderem den Diskuswerfer Robert Harting betreut hatte, drohen nun weitere arbeitsrechtliche Konsequenzen. Das Bundesinnenministerium verlangt eine Rückerstattung der für die Olympischen Spiele in China gezahlten Reise- und Aufenthaltskosten. In der Folge mindern sich die Bundeszuwendungen um diese Beträge auch für den Fachverband, in diesem Fall für den DLV. Dies ist laut Bundesinnenministerium ausdrücklich so geregelt.

          „Da gibt es sicherlich Dinge, die nicht in Ordnung waren“

          Der Fall Goldmann hatte schon vor den Spielen zu Turbulenzen geführt. Im Sommer hatte der frühere Kugelstoßer Gerd Jacobs vom Sportclub TSC Berlin schwere Doping-Vorwürfe gegen seinen früheren Trainer erhoben. Der inzwischen 48 Jahre alte Jacobs, ein vom Bundesverwaltungsamt Köln anerkanntes DDR-Doping-Opfer, hatte im Juli erklärt, Goldmann habe ihm Anfang der achtziger Jahre das Anabolikum Oral-Turinabol verabreicht. Im TSC Berlin war Jacobs, der heute unter erheblichen gesundheitlichen Beeinträchtigungen leidet und dem 2004 ein Spenderherz eingesetzt worden war, einst Trainingspartner des späteren Kugelstoß-Weltrekordhalters und Olympiasiegers Ulf Timmermann.

          Zudem betreute Trainer Goldmann damals auch die Diskus-Weltrekordhalterin Irina Meszynski. Goldmann bestritt die Vorwürfe im Sommer mehrfach. Bei den deutschen Leichtathletik-Meisterschaften 2008 in Nürnberg hatte er, auf seine DDR-Doping-Vergangenheit angesprochen, holprig geantwortet: „Da gibt es sicherlich Dinge, die nicht in Ordnung waren. Damit muss man leben und damit haben wir ...wir haben unsere, wenn man so will, Strafen oder unsere, sagen wir mal so, Verfahren gehabt. Ich denke mal, das Ding ist erledigt.“ Er habe niemanden geschädigt. Auf die Frage, ob er meine, dass seine Athleten gesund rausgekommen sind, sagte er: „Na selbstverständlich.“

          „In die Hand gedrückt und gesagt, ich soll sie nehmen“

          So selbstverständlich ging die Doping-Kommission des DOSB mit Udo Steiner, der Leichtathletik-Olympiasiegerin von 1972, Heide-Ecker Rosendahl, sowie dem Theologen und SPD-Bundestagspolitiker Steffen Reiche nicht zur Tagesordnung über. Obwohl der DOSB zunächst eine zügige Behandlung des Falles angekündigt hatte, dauerte es noch fünf Monate bis zu einer Entscheidung. Im Zuge der Untersuchung waren Goldmann und Jacobs am 21. November in der Frankfurter DOSB-Zentrale von der Steiner-Kommission angehört worden. Sie stellten offensichtlich fest, dass Goldmann vor den Spielen in einer vom DOSB geforderten Ehrenerklärung falsche Angaben gemacht hatte. Zumindest behauptete Goldmann, dass er „zu keinem Zeitpunkt Sportlern Substanzen weitergegeben...hat, die gegen die jeweils gültigen nationalen oder internationalen Anti-Doping-Bestimmungen verstoßen haben“.

          Die Affäre wäre früher zu klären gewesen. Denn bereits in den neunziger Jahren hatten mehrere ehemalige TSC-Leichtathletinnen gegenüber der Zentralen Ermittlungsstelle für Regierungs- und Vereinigungskriminalität (ZERV) im Auftrag der Berliner Staatsanwaltschaft über ihren Trainer Goldmann und dessen Doping-Praktiken in der DDR ausgesagt. Die ehemalige Sportlerin Annette Wolf hatte 1998 vor der Polizei ausgesagt: „Er hat mir die Tabletten (Oral-Turinabol) in einem Glasröhrchen in die Hand gedrückt und gesagt, ich soll sie nehmen.“ Über die gesundheitlichen Riskiken sei sie von Goldmann nicht aufgeklärt worden. Die Sportlerin stellte Strafantrag gegen Goldmann.

          DOSB will „negativen Empfehlung“ nicht bestätigen

          Genau wie bereits 1997 die einstige Diskuswerferin und Kugelstoßerin Simone Kischnick vom TSC Berlin, auch ein anerkanntes DDR-Doping-Opfer, die bereits als Minderjährige von Goldmann vermännlichende Sexualhormone verabreicht bekommen hatte. Beide Frauen waren als Opfer schon in der Anklageschrift gegen DDR-Sportchef Manfred Ewald und den Chefmediziner Manfred Höppner genannt worden. Goldmann wird in dem im Jahr 2000 ergangenen Urteil des Landgerichts Berlin gegen Ewald und Höppner sogar als Doping-Täter aufgeführt. Zudem sind die gesundheitlichen Schäden der Opfer ausdrücklich auch in dem rechtsmedizinischen Fachgutachten zu diesem Prozess benannt worden. Das Strafverfahren gegen Goldmann war damals gegen eine Zahlung von 4000 DM eingestellt worden. Eine Untersuchung durch den Sport hatte es nicht gegeben.

          Der DOSB wollte den Eingang der sogenannten „negativen Empfehlung“ der Steiner-Kommission zu Goldmann bisher nicht bestätigen. Es wird, fast zwei Jahrzehnte nach Auflösung der DDR, wohl nicht die letzte Untersuchung gewesen. Die Prüfung der Verstrickungen in das DDR-Doping-System der Trainer Norbert Warnatzsch (Schwimmen) sowie Klaus Baarck und Klaus Schneider (Leichtathletik), die ebenfalls vor den Sommerspielen in Peking die DOSB-Ehrenerklärung unterschrieben hatten, dauern laut Dachverband noch an.

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