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Leichtathletik : Der Unbeugsame mit dem Diskus

Robert Harting ist der beste deutsche Diskuswerfer Bild: dpa

Sein Sportgerät ist rund, er hat Ecken und Kanten: Diskuswerfer Robert Harting ist eine der schillernden Figuren der deutschen Leichtathletik. An diesem Sonntag startet der WM-Zweite beim Golden-League-Meeting in Berlin.

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          Was wird er diesmal tun, der Unberechenbare? Sich das Trikot auf der breiten Brust zerreißen? Gegner beleidigen? Robert Harting aus Berlin, der 23 Jahre alte Diskuswerfer mit 128 Kilogramm Kampfgewicht bei 2,03 Metern vom Kopf bis zu den Füßen in Größe fünfzig, neigt zu spontanen, besser: unüberlegten Aktionen. Früher ging es in der Disko öfter mal handfest zur Sache.

          Michael Reinsch

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Heute muss schlimmstenfalls das Nationaltrikot daran glauben wie im Oktober in Osaka, als Harting bei der Weltmeisterschaft Silber gewonnen hatte. Kaum war der Stoff zerrissen, kaum die Startnummer zerbissen, verlangte der Riese mit Nachdruck zweieinhalbtausend Euro von seinem Verband. Nicht um Prämien ging es ihm, sondern um die Reisekosten für seinen Trainer Werner Goldmann. Der Verband zahlte.

          Endlich im Olympiastadion

          Nun hat Harting es ins Berliner Olympiastadion geschafft. Im vergangenen Jahr noch war er wütend, weil er aus gerechnet beim Istaf in seiner Heimatstadt lediglich zu einer Ehrenrunde im Auto eingeladen war, da die deutsche Paradedisziplin Diskuswerfen nicht im Wettkampf-Programm stand. „Als Grüßaugust in einem Zirkus bin ich mir zu schade“, schimpfte Harting und blieb weg. „Ich habe meinen Stolz.“ An diesem Sonntag darf er die Scheibe, um die sich sein Leben dreht, vor voraussichtlich 65.000 Zuschauern beim größten Leichtathletik-Meeting auf deutschem Boden auf den Rasen schleudern.

          2007 gewann Harting WM-Silber, in Peking will er wieder Edelmetall

          Ein bisschen beeindruckt sei er von der Vorstellung schon, verriet Harting. Mehr als 40.000 Zuschauer haben ihm noch nie zugesehen. Zudem darf er sich beim ersten Golden-League-Meeting des Leichtathletik-Jahres mit zwei Männern messen, die er als Meister seines Metiers anerkennt: Doppel-Olympiasieger Virgilijus Alekna aus Litauen und Weltmeister Gerd Kanter aus Estland. Beide haben den Diskus in diesem Jahr schon 71 Meter weit geworfen, während Harting seine persönliche Bestleistung gerade auf 67,63 Meter steigerte. Das ging allerdings ein wenig unter, weil er sich fast zeitgleich dafür entschuldigen musste, dass er seinen Konkurrenten Michael Möllenbeck in einer Zeitung einen Säufer genannt hatte.

          Der Diskuswerfer drückt sich künstlerisch aus

          Das Bild, das Robert Harting abgibt, ist nicht immer schmeichelhaft. Aber es ist immer überraschend. Auf seiner Homepage www.derharting.de posiert der Hüne mit nacktem Oberkörper, mit seiner Freundin im Bikini und einer schweren Eisenkette. Da ist er ganz der harte Mann, der Macho, der Unbeugsame. Er wolle zeigen, wie hart der Leistungssport sei, dass er keinen Schmerz kenne.

          Und da sind die Bilder, die die andere Seite des Robert Harting zeigen. Der Diskuswerfer, Abbild des Athleten seit der Antike, drückt sich künstlerisch aus. Deshalb malt Robert Harting auch selbst. „Sicher“, sagt er, „zu meinem äußeren Erscheinungsbild passt das nicht. Aber ich habe ja noch ein inneres.“ Die Bilder sind wilde Statements. „STÄRKE“ hat Harting in Blockbuchstaben auf eine Leinwand gepinselt, die er mit Papier beklebt und mit gelber Farbe grob überstrichen hat. „FREE“ ist wie mit Fingerfarben auf den Rand eines Werkes geschmiert, über das Farben und Wellen rauschen.

          Auf Bildern führt Hartings Weg geradeaus zum Horizont

          Öl, Acryl, Sprayfarbe gehen schon mal durcheinander. Auf der Leinwand bricht Harting aus. „Bitte mal nicht weiter!“, fordert jemand im Gästebuch auf Hartings Homepage. „Wirf lieber den Pinsel weg, aber hör auf, ihn zu vergewaltigen!“ Harting antwortet: „Na ja, habe ich doch . . . Ich habe ihn an die Leinwand geworfen. So was kann man doch auch gar nicht malen . . . Ein Bild wird gemalt . . . Kunst wird gemacht.“

          Vor zwei Jahren hat Harting mit dem Malen angefangen. Das wichtigste seiner Bilder ist schwarzweiß und zeigt eine riesenhafte Figur mit ausgebreiteten Armen und entschlossen ausgestellten Beinen. Keine Frage, wer das ist. „My Way“ und „Own Way“ steht mehrmals an dem Weg, der zwischen einem Dutzend flatterhafter Gestalten hindurch geradeaus zum Horizont führt. „Das sind Mitmenschen, die mir helfen wollten und mir zugleich nicht geholfen haben, weil man in jungen Jahren ja nicht weiß, was richtig ist“, sagt Harting. „Es ist schon hammerhart. Was ich mit diesem Bild ausgedrückt habe, das sieht man da.“ Harting spricht heute in Bildern, weil er mit Worten und Taten schon viel zu oft angeeckt ist.

          Ist ein Wurf Kunst?

          Die Bilder stehen nicht zum Verkauf. Bis zu anderthalb Tage arbeitet der Athlet an einem Werk. Sie hängen in der ersten Etage seiner Wohnung und sind nirgendwo anders öffentlich zu sehen als im Internet. „Wer eins haben will“, sagt Harting, „soll mir ein gutes Argument nennen, warum ich es ihm geben soll. An Freunde habe ich schon viele verteilt.“

          Das Wichtigste aber bleibt für Robert Harting der Wurf. „Wenn ich weit werfe, geht es mir gut, dann geht alles wie von selbst. Wenn nicht, bricht das Fundament weg, dann verändert sich alles“, sagt er. „Dann kriege ich gar keinen Bezug und weiß nicht, woran es liegt. Dann sehen auch die Bilder anders aus.“ Ist der Wurf Kunst? „Schnelligkeit, Kraft, Bewegungsgefühl, Instinkt, Kontrolle gehören zusammen, aber das eine ist der Feind des anderen“, sagt Harting. „Definieren kann man das nicht, weil jeder anders wirft. Wenn es nicht besser geht, wenn ich sage, das geht nicht besser, ich habe das Optimum rausgeholt, dann ist das original Robert Harting.“ Schade, dass man einen Wurf nicht signieren kann.

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