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Leichtathletik : Der Geist von Doha

  • -Aktualisiert am

Zwei Siegertypen mit dem Speer: Der Norweger Andreas Thorkildsen und Matthias De Zordo (l.) Bild: REUTERS

Nach einem Jahr voller Rückschläge geht Speerwerfer Matthias de Zordo mit einem neuen Trainer in die WM-Saison. In Doha lässt sich das Comeback schon mal gut an.

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          Matthias de Zordo ist ein Brocken von Mann, gut 1,90 Meter groß, rund 90 Kilogramm schwer. Er schafft es aber dennoch, unsichtbar zu sein. „Ich bin der Geist des Hotels“, witzelte der Speerwurf-Weltmeister in Doha, wo er sich dem Treiben in der Lobby des Fünf-Sterne-Treffpunkts zum Auftakt der Diamond League über Tage entzog. Die Geschäftigkeit der Manager und Berater, Vermarkter und Journalisten, die auf Einladung des Internationalen Leichtathletik-Verbands nach Qatar gekommen waren, sowie sonstiger Antreiber der Szene ist nicht sein Ding.

          Achim Dreis
          Sportredakteur.

          Der 25 Jahre alte Gemütsmensch schläft lieber länger, als sich am Frühstücksbuffet anzustellen. Und guckt sich nach einer Einheit Krafttraining lieber allein die Stadt an, als mit den anderen rumzuhängen und beim Kaffee über die Leichtathletik und das Leben zu räsonieren. Wobei ihm Doha aus touristischen Gründen nicht unbedingt zusagte. Zu viele Hochhäuser, zu wenig echtes Leben. Und die beiden Shopping-Malls, die er durchstreifte, waren „jenseits von Gut und Böse“, wie er schnell erkannte. „Da kann ich noch mal hinkommen, wenn ich viermal Olympiasieger war, vorher kann ich mir das nicht leisten.“

          2012 von Rückschlägen geprägt

          Einmal Olympiasieger hätte er nach seinem durchaus ambitionierten Karriereplan eigentlich schon sein sollen. Doch die Spiele von London entpuppten sich als Fehlschlag. Wie das gesamte Jahr 2012 von Rückschlägen geprägt war. Eine langwierige Ellenbogenverletzung nach einem Sturz beim Anlauf behinderte erst den Saisonaufbau und beendete schließlich seine Siegchancen bei den Höhepunkten.

          Die Europameisterschaft in Helsinki musste der EM-Zweite 2010 sicherheitshalber ausfallen lassen. Und in London schaffte er einen einzigen sauberen Wurf beim Aufwärmen. „Dann haben sie wieder reingehauen“, die Schmerzen im Ellenbogen. Es folgte das Aus nach einer Quälerei in der Qualifikation statt eines siegreichen Sprungs aufs Treppchen.

          Trennung im Guten

          Neues Jahr, neues Glück und das Leben neu sortiert. De Zordo und sein langjähriger Trainer Boris Henry haben sich getrennt. „Im Guten“, wie der Athlet sagt. Bundestrainer Henry zog es von Saarbrücken zu seiner Lebensgefährtin, der Speerwerferin Christina Obergföll, ins Badische. Also dachte de Zordo ebenfalls über die Verbindung von Sport und Privatem nach und wechselte zum SC Magdeburg, um seiner Freundin Isabell näher zu sein.

          „Das klappt gut“, hat er festgestellt, und auch das Training bei seinem neuen Trainer Ralf Wolbrück sagt ihm zu, vielleicht weil der nicht alles anders machen will. „Die Inhalte sind die gleichen“, sagt de Zordo. Einziger Unterschied: „Ich trainiere jetzt zweimal täglich.“ Früher hatte es der nicht zum Übereifer neigende Meisterwerfer meist bei einer Einheit am Tag belassen.

          In Ruhe Form aufbauen

          Der ganz große Wurf gelang ihm zum Auftakt der Saison in Doha noch nicht, aber „mit knapp 82 kann ich zufrieden sein“. Genaugenommen waren es 81,49 Meter, und damit schien der Linkshänder im Weltklassefeld zunächst sogar auf Siegkurs. Doch dann überholten ihn noch drei Konkurrenten: Der Norweger Andreas Thorkildsen, Weltmeister 2009 und Doppelolympiasieger von Athen und Peking, wuchtete den 800-Gramm-Speer im letzten Versuch auf 81,51 Meter. Der Finne Tero Pitkamäki, Champion von 2007, schaffte immerhin 82,18 Meter. Und der Tscheche Vitezslav Vesely kam sogar auf herausragende 85,09 Meter. Doch über den macht sich de Zordo die wenigsten Sorgen. „Der beginnt die Saison immer so stark und lässt dann nach.“

          Alle anderen spürten noch die Mühen ihrer Trainingslager in den Knochen und kämpften mit technischen Problemen, so auch de Zordo. „Bei mir war es wie immer am Anfang: Der Speer steigt zu steil an und fällt dann zu früh ab.“ Angst, dass diese Flugkurve auch seinem Karriereverlauf entsprechen könnte, schließlich war er mit 23 Jahren schon Weltmeister, hat de Zordo nicht.

          In Ruhe Form aufbauen, so sein Credo, dann stimmt irgendwann die Flugkurve, und dann kommen auch die großen Weiten. Zum Einschleifen der Technik zieht er nun erst mal über die Dörfer: Halle, Dessau, Schönebeck sind seine nächsten Wettkampf-Stationen. Kein Vergleich mit Doha, aber letztlich ist ein Speerwurf nur ein Speerwurf. Danach will der Sportsoldat zumindest in Deutschland wieder die Nummer eins sein, um sein Land bei der Team-EM Ende Juni in Gateshead zu vertreten. Und spätestens bei der WM im August im Moskau kann und will er sich dann nicht mehr verstecken.

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