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Leichtathletik : Der Erfolgstrainer, die Lügen und die Ost-Nostalgie

  • -Aktualisiert am

Vergangenheit bei der Stasi: Trainer Dieter Kollark Bild: picture-alliance / dpa

Bei der Leichtathletik-WM in Helsinki präsentierte sich Dieter Kollark als verkannter Erfolgstrainer. Doch vom deutschen Verband bekommt er keine Anerkennung, denn Kollark war für den Staatssicherheitsdienst der DDR aktiv.

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          „Karl-Heinz Steinmetz und ich haben seit 1992 bei Weltmeisterschaften über fünfzig Prozent der Titel für den Deutschen Leichtathletik-Verband geholt.“ Diese markigen Worte sprach Dieter Kollark, als Franka Dietzsch bei der Leichtathletik-Weltmeisterschaft in Helsinki die Goldmedaille gewonnen hatte. Kollark ist ihr Trainer.

          In Helsinki nutzte er eine Pressekonferenz des deutschen Verbandes, sich als verkannten Erfolgstrainer zu präsentieren. Die Krise der deutschen Leichtathletik sei wohl eine Krise seiner Athletinnen, sagte er da und machte bekannt, daß er nicht mehr bei seiner einstigen Lebensgefährtin und Athletin Astrid Kumbernuss angestellt, sondern arbeitslos sei und Übergangsgeld erhalte.

          „Dieter Kröger“ und „Alexander“

          Frank Hensel, Generalsekretär des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV), reagierte nicht darauf, daß Kollark die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf sich zog. Auch der Informationskanal des DLV im Internet, „leichtathletik.de“, schwieg über die Thesen des sechzig Jahre alten Trainers vom Schlage: „Im DDR-Sport hatten wir Marktwirtschaft. Heute haben wir Planwirtschaft.“

          Frank Hensel, Generalsekretär des Deutschen Leichtathletik-Verbandes

          Die Funkstille hatte einen Grund. Beim DLV ist in Erinnerung geblieben, was die Tagespresse offenbar vergessen hatte: Kollark war unter den Decknamen „Dieter Kröger“ und als IM „Alexander“ für den Staatssicherheitsdienst der DDR aktiv gewesen. Bekannt wurde das 1994, just während der Leichtathletik-Europameisterschaft in Helsinki. Katrin Krabbe, die gefallene und gesperrte Sprinterin war es seinerzeit gewesen, die in einem Brief an den „Spiegel“ öffentlich darauf hingewiesen hatte, daß einer der Trainer im Team eine Stasi-Vergangenheit hatte.

          Letzte Gespräch am 8. November 1989

          Während die Führung des Verbandes die Veröffentlichung als Angriff auf die Favoritin Astrid Kumbernuss einordnete und kritisierte, räumte Kollark seine Tätigkeit ein. In seiner Funktion als stellvertretender SED-Parteisekretär beim Sportclub Neubrandenburg sei er damit beauftragt gewesen, alle zwei Jahre bei den sogenannten Reisekadern über Unbedenklichkeitserklärungen zu befinden, sagte er. Er habe das aus Überzeugung getan und 1988 aufgehört, weil er gewisse Dinge anders und damit keine Basis mehr für eine Zusammenarbeit sah. Dem widerspricht die Aktenlage. Demnach führte der IM „Alexander“ das letzte Gespräch mit seinem Führungsoffizier am 8. November 1989. Der Treffbericht wurde tags darauf der Akte beigefügt - am Tag, an dem die Mauer fiel.

          Während nun also im Leichtathletik-Verband Stille herrscht, macht das unabhängige „Leichtathletik-Magazin“ in seiner September-Ausgabe einige Details aus Kollarks Spitzeltätigkeit bekannt. In einem Editorial unter der Überschrift „Schluß mit der DDR-Nostalgie“ setzt sich Chefredakteur Hans Reski mit Schwärmereien von der guten alten Zeit im Osten auseinander und weist auf die Doping-Problematik und die Bespitzelung der Sportler hin. Dann zitiert er Kollark. Allerdings nicht mit seinen Auslassungen von 2005, sondern im Originalton von 1987.

          „Es ist ein offenes Geheimnis“

          „Bei Katrin Krabbe sehe ich echte Probleme“, meldete IM Alexander damals. „Sie hat einen leichten nymphomanischen Einschlag.“ Im Bericht folgte noch ein krasserer Ausdruck. Solche Denunziation dürfte weniger moralischer Empörung entspringen als dem Vorsatz, jemanden gezielt auszuschalten. Die Akte Kollarks enthält offenbar auch Berichte über Sigrun Wodars und Christine Wachtel, die 1988 Olympia-Gold und Silber gewannen , über Grit Breuer, Volker Mai, der bei der Junioren-EM 1985 sowohl im Weit- als auch im Dreisprung siegte, Steffen Weißgerber sowie die Kugelstoßerin Astrid Kumbernuss, deren persönlicher Trainer und späterer Lebensgefährte Kollark war.

          Kollark hielt auch 1994 nicht hinterm Berg mit seiner Meinung. Katrin Krabbe sei mit ihrer Dopingaffäre mitverantwortlich für den Niedergang des Sportclubs Neubrandenburg, sagte er damals Reportern. Da war die Sprint-Weltmeisterin derart empört, daß sie bekannt machte, was Kollark der Stasi gegenüber zum Besten gab. Das klang etwa so: „Es ist ein offenes Geheimnis, daß K. Krabbe im Trainingslager von Hand zu Hand geht. Wenn sich dieses Verhalten zuspitzt, sehe ich ein echtes Sicherheitsrisiko bei Aufenthalten im NSW“ (nichtsozialistischen Wirtschaftstgebiet).

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