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Kurioser Berliner Marathon : Sportler der Welt, schaut auf diese Stadt

Der Bereich um die Siegessäule in Berlin war abgesperrt für einen besonderen Lauf. Bild: Reuters

Die Pandemie macht große Laufveranstaltung praktisch unmöglich. In Berlin wollen Marathonläufer ein Zeichen setzen und absolvieren einen besonderen Wettbewerb. Denn der Sport rennt um sein Leben.

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          „Wir haben ein Zeichen für den Laufsport gesetzt“, sagte Johannes Motschmann, als er seine zehn Kilometer hinter sich hatte. „Wir sind für all die gelaufen“, ergänzte Richard Ringer, „die heute nicht mitmachen konnten.“ Große Worte dafür, dass anstelle der gut 50.000 Läuferinnen und Läufer, die stets am letzten Sonntag des Septembers in Berlin auf die Marathonstrecke gehen, diesmal die Läufer Motschmann und Ringer, Philipp Pflieger und Florian Orth unterwegs waren. Im abgesperrten Kreisverkehr rannten sie ohne Publikum abwechselnd um die Siegessäule herum, 105 Runden. Vier Sekunden unter der Weltrekordzeit, die der Kenianer Eliud Kipchoge vor zwei Jahren in Berlin auf 2:01,39 Stunden verbesserte, brachte ihre Staffel die Marathon-Distanz von 42,195 Kilometer hinter sich.

          Michael Reinsch
          Korrespondent für Sport in Berlin.

          So unbedeutend die sportliche Leistung, so gewichtig das Zeichen. Als ginge es darum, noch einmal zu rufen: Sportler der Welt, schaut auf diese Stadt, gab der Regierende Bürgermeister Michael Müller den Startschuss und ging der Fernsehsender der Region, RBB, mit Ü-Wagen, Moderatorenbühne und riesigem Kranwagen für die Draufsicht live an den Start. „Das Signal ist wichtig, dass es wieder losgeht“, sagte Müller. „Das Publikum kann wieder Sport erleben beim Istaf, beim Fußball und beim Marathon.“

          Lage ist ernst

          Das klingt besser, als die Lage ist. Nicht nur den Berlin-Marathon musste dessen Veranstalter, die SCC Event GmbH, absagen. 2019 machte das Unternehmen mit siebzig Angestellten und sechzehn Großveranstaltungen vom Halbmarathon bis zur Team-Staffel knapp 19 Millionen Euro Umsatz. „In diesem Jahr ist die Geschäftsgrundlage vollständig weggefallen“, sagt Geschäftsführer Jürgen Lock. Nicht nur der Berlin-Marathon, der gesamte Profi-Sport der Stadt rennt um sein Leben.

          Vier Millionen Euro stellt der Berliner Senat Vereinen in Not zur Verfügung, zwei Millionen fließen mittels Stadtmarketing den großen Klubs – Hertha und Union, Alba und Füchsen, Eisbären und Volleys sowie dem Marathon zu. Verzweiflung und Zuversicht spiegelten sich in der Präsenz der Klubs und ihrer Maskottchen auf der Straße des 17. Juni, wenige hundert Meter westlich des Brandenburger Tors. Kaweh Niroomand, Geschäftsführer der Berlin Volleys und Sprecher der Profi-Klubs stieß ins selbe Horn wie Müller: „Wir zeigen, dass die Sportstadt Berlin lebt; darüber hinaus ist dies eine Anerkennung der Zusammenarbeit, die wir mit dem Senat begonnen haben und die uns sehr geholfen hat, diese schwierige Lage zu überstehen.“

          Marco Baldi, sein Kollege vom Basketball, mahnt, dass die Sportlandschaft ein Aushängeschild Berlins sei. Auf die Frage, ob nicht auch der Marathon an den 200 Millionen, die der Bund den Profi-Ligen außer erster und zweiter Fußball-Liga zur Verfügung stellt, partizipieren sollte, erwiderte er: „Ich weiß nicht, ob dieser Überbrückungsfonds auf Dauer reicht. Wir müssen deutlich machen, was da kulturell und sozial verlorengehen könnte.“

          Ein Zeichen für den Laufsport: 105 Runden, immer um die Siegessäule herum.
          Ein Zeichen für den Laufsport: 105 Runden, immer um die Siegessäule herum. : Bild: Reuters

          Von den 25 Milliarden Euro, mit denen der Bund den Mittelstand unterstützen will, hat der Mittelständler Berlin-Marathon 25.000 beantragt – ein Tropfen auf den heißen Stein. „Was wir machen, ist auf der einen Seite Spitzensport und auf der anderen Breitensport“, sagt Marathon-Organisator Lock. „Darüber hinaus sind wir Wirtschaft, sind wir Tourismus. Beim Bund wird nicht ressortübergreifend zusammengearbeitet, deshalb fühlt sich niemand zuständig. Eigentlich brauchten wir einen runden Tisch, an dem alle gemeinsam überlegen: Wie kriegen wir das im nächsten Jahr gewuppt?“

          Flexibilität bei den Hygienebestimmungen

          Soll im April wie üblich der Halbmarathon stattfinden, muss die Organisation jetzt beginnen. „Welche Garantien können wir erhalten, wenn auch dieser Lauf ausfallen muss?“ fragt Lock. Er fordert Flexibilität bei den Hygienebestimmungen. Seine Stadtläufe werden erst von 30.000 Teilnehmern an wirtschaftlich. „Mit anderthalb Metern Abstand ist das nicht zu schaffen“, sagt er. Sein Race-Director Mark Milde denkt darüber nach, alle Teilnehmer vor dem Start auf das Virus zu testen. Da dem Berlin-Marathon nicht die Zuschauer wegbrechen, sondern die zahlenden Teilnehmer, fordert auch der Präsident des Landessportbundes Berlin, Thomas Härtel: „Der Bund muss das Hilfspaket für die Profi-Ligen anpassen. Der Marathon und das Leichtathletik-Sportfest Istaf gehören da hinein.“

          13.000 Läuferinnen und Läufer hatten die App heruntergeladen, mit der sie überall auf der Welt schauen konnten, wie weit sie in den 2:01,39 Stunden von Kipchoge kommen. Das sind doppelt so viele wie die Petition für die Rettung der großen und kleinen Läufe in Deutschland unterzeichnet haben, zu der German Road Races aufruft, die Organisation der Veranstalter. „Das ist rätselhaft“, sagt dazu der ehemalige Politiker Härtel, „der Sport ist wenig kampagnenfähig.“ Millionen laufen, aber nur sechstausend von ihnen fordern Hilfe für Läufe. Kann es sein, dass die Not noch nicht groß genug ist?

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