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Leichtathletik : Amerikanische Komödie um gedopten Olympiasieger Young

  • -Aktualisiert am

Weltmeister im Zwielicht: Jerome Young Bild: AP

Das amerikanische Nationale Olympische Komitee nennt den Namen, den der amerikanische Leichtathletik-Verband nicht aussprechen will. Und wer pfeift den Weltmeister über 400 Meter jetzt zurück?

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          Spontanen Applaus soll Bill Martin geerntet haben, als der kommissarische Präsident des amerikanischen Nationalen Olympischen Komitees (USOC) den zweieinhalbstündigen Bericht über die verbesserte Anti-Doping-Politik seiner in Verruf geratenen Organisation vor der Exekutive des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) abschloß. Besonderen Beifall spendete auch IOC-Vizepräsident Thomas Bach für diese "neue Offenheit" - und dafür, daß das USOC den Namen Jerome Young aussprach, der seit ziemlich genau einem Monat nach einer Veröffentlichung der "Los Angeles Times" ohnehin in aller Munde ist. Wer pfeift denn jetzt den Weltmeister über 400 Meter zurück, der ein Jahr vor den Olympischen Spielen 2000 positiv auf anabole Steroide getestet worden war und in Sydney als Angehöriger der amerikanischen Staffel die Goldmedaille gewonnen hat?

          Die Frage nach den praktischen Folgen möchte IOC-Präsident Jacques Rogge nach dieser angeblich "entscheidenden" Enttarnung zwar "so schnell wie möglich" beantworten. Jerome Young könnte nachträglich disqualifiziert und um die unverdiente Goldmedaille erleichtert werden. Doch dies dürfte frühestens beim nächsten Meeting der IOC-Exekutive im Dezember geschehen. Vorher sei jedoch eine neue Initiative des Internationalen Leichtathletik-Verbandes (IAAF) erforderlich, der von seinem amerikanischen Mitgliedsverband (USATF) die Herausgabe sämtlicher Unterlagen fordern und eine Überprüfung des Falles vornehmen soll.

          23 andere Fragezeichen stehen noch

          Das erinnert verdächtig an eine juristische Konstellation, in der die IAAF genau das erzwingen wollte. Mit ihrer Klage gegen USATF auf Nennung des Namens und Übersendung sämtlicher Akten war sie allerdings am 10. Januar dieses Jahres vor dem Internationalen Sportgerichtshof (CAS) in Lausanne unterlegen. Die obersten Sportrichter bestätigten zwar, daß die IAAF aus ihren Regeln ein Recht auf Überprüfung aller positiven Testfälle - ob sie nun mit einer Verurteilung oder, wie bei Jerome Young, mit einem fadenscheinigen Freispruch endeten - ableiten könne. Im konkreten Vorgang, einem von sechs Leichtathletik-Fällen unter den insgesamt 24 umstrittenen Vorfällen zwischen 1985 und 2000 (dazu kamen vier im Schwimmen, drei im Basketball, je zwei im Eisschnellauf und Ringen sowie je einer im Boxen, in der Gymnastik, im Judo, Reiten, Snowboard, Tennis und Volleyball), sei es dem national freigesprochenen Athleten nach dieser Zeit jedoch nicht mehr zuzumuten, daß sein Name an die Öffentlichkeit gezerrt werde. Das CAS-Urteil hatten beide Parteien vorab als letztinstanzlich anerkannt - für die Leichtathletik. Die 23 anderen Fragezeichen stehen übrigens noch.

          Daß sich der schwedische IAAF-Vizepräsident Professor Arne Ljungqvist, Vorsitzender der Medizinischen IOC-Kommission und IOC-Repräsentant im Vorstand der Welt-Anti-Doping-Agentur, nun die abermalige Aufgabe aufhalsen ließ, sich mit USATF auseinanderzusetzen, sorgt innerhalb des Weltverbandes für einige Verwunderung. Zumal Ljungqvist die IAAF in einer "völlig anderen Ausgangslage" sieht. IAAF-Generalsekretär Istvan Gyulai sagt, es gebe doch ein letztinstanzliches Urteil in dieser Sache. "Und daß der Name des Athleten jetzt von USOC bestätigt worden ist, bedeutet doch nicht, daß er schuldig war." Young, 1999 auf Nandrolon getestet, von einem Anhörungsgremium des USATF für schuldig befunden und erst wenige Tage vor Beginn der Sommerspiele von einer Berufungsinstanz des Verbandes freigesprochen, war einer von zwei Athleten, die nach positiven Tests in Sydney Medaillen gewannen. Beim zweiten Fall handelte es sich um eine Schwimmerin, die eine nicht auf der IOC-Verbotsliste stehende Substanz genommen hatte.

          Wie richtig Gyulai mit seinen Bedenken liegt, zeigt die Reaktion der USATF-Sprecherin Jill Geer: "Wir bleiben bei unseren zu jener Zeit gültigen Regeln und dem CAS-Urteil in diesem Jahr. Wir werden den Namen des Athleten auch weiterhin weder bestätigen noch dementieren." Ein Possenspiel, das eben nur unter der Regie von IOC und USOC beendet werden kann. "Wir werden jeden möglichen Druck auf USATF ausüben", versicherte Bill Martin - und erläuterte, wie dieser Druck aussehen könnte: "Die Leichtathletik erhält jedes Jahr von uns mehrere hunderttausend Dollar." Oder auch nicht.

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