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Leichtathlet Markus Rehm : Zu gut für einen Behinderten

  • -Aktualisiert am

Paralympicssieger Markus Rehm: er springt einfach zu weit Bild: dpa

Markus Rehm überfordert den Deutschen Leichtathletik-Verband. Der Weitspringer gewinnt eine Meisterschaft gegen nichtbehinderte Konkurrenz. Nun soll ein Gutachten klären, ob seine Prothese ihm Vorteile verschafft.

          3 Min.

          Das Hinterzimmer in den Katakomben der Fritz-Jacobi-Halle in Leverkusen sieht nicht aus, als würden hier Entscheidungen von großer Tragweite getroffen. Ein paar Stühle und Tische sind in einem Kreis zusammengestellt, darauf liegen Rucksäcke, leere Saftflaschen und ein Brötchenkorb ohne Brötchen. Es ist kurz vor 18 Uhr am vergangenen Samstagabend, die Halle leert sich am ersten Tag der Nordrheinmeisterschaften allmählich, und Wettkampfleiter Marc Lagrave sitzt auf einem der gepolsterten Metallstühle, schüttelt nachdenklich den Kopf und sagt: „Ich möchte bitte nicht zitiert werden.“ Er hat heute eine Entscheidung getroffen, die zu groß war für dieses Hinterzimmer. Sie hat ihn überfordert, das gibt er zu.

          Der Wettkampf war nicht besonders spektakulär, so wie man das für einen Aufgalopp zur Nebensaison erwartet. Nur einmal klang Stimme des Hallensprechers aufgeregt: Als er sagte, dass Markus Rehm, der Weitspringer vom TSV Bayer 04 Leverkusen mit amputiertem Unterschenkel, seiner nichtbehinderten Konkurrenz um mehr als einen halben Meter davongesprungen war. 7,61 Meter, Platz eins - Rehm freute sich und fuhr nach Hause. Der Paralympicssieger und amtierende Weltmeister ist der erste deutsche Sportler mit Behinderung, der eine Meisterschaft gegen nichtbehinderte Konkurrenz gewinnt. Am Abend erreicht ihn ein Anruf seiner Trainerin Steffi Nerius. Rehm war nachträglich von der Konkurrenz ausgeschlossen worden.

          Spätestens seitdem Rehm im Juli 2013 mit 7,95 Meter Weltmeister wurde, sucht er den Wettkampf mit Nichtbehinderten. Doch das ist nicht so einfach. Der Deutsche Leichtathletik-Verband (DLV) beschloss zum Januar 2013, dass behinderte Athleten, die Prothesen oder andere Technologien benötigen, nur außer Wertung an Meisterschaften teilnehmen können - und wurde dafür heftig kritisiert. Im Mai setzte der DLV den Zusatz für Behindertensportler der Regel 144.2 außer Kraft. Doch das Verbot von Technologien, die einen Vorteil gewähren, blieb - genau wie die Unklarheit. Denn die Teilnahme von behinderten Athleten wird nun schlicht verschwiegen und das Schiedsgericht damit belastet, Prothesen ob ihres Einflusses auf einen fairen Wettbewerb zu bewerten.

          Am Samstag war Rehms Vorsprung so groß, dass der zuständige Schiedsrichter sich das zunächst nur mit dem Einsatz der Prothese erklären konnte und Lagrave den Zusatz „a.W.“ hinter Rehms Namen setzte: außer Wertung.

          Spätestens seitdem Rehm im Juli 2013 mit 7,95 Meter Weltmeister wurde, sucht er den Wettkampf mit Nichtbehinderten.

          Sonntag Morgen: Lagrave nahm seine Entscheidung nach langen Überlegungen mit der Wettkampfleitung zurück. Er habe einen Fehler gemacht, begründete er. Doch ihm hatte niemand einen Vorwurf gemacht, genauso wenig wie dem ehrenamtlichen Schiedsrichter, der für solche Entscheidungen nicht qualifiziert ist, sie aber trotzdem treffen muss, bevor der Wettkampfleiter - in diesem Fall Lagrave - das letzte Wort hat.

          Dass es zu dem Fehler kam, ist die Konsequenz daraus, dass es keine eindeutige Regel gibt. „Hilfsmittel sind verboten, aber ich ersetze nur das, was mir fehlt“, sagt Rehm. Es geht um eine ethische Diskussion, ob es unfair ist, wenn behinderte Sportler sich mit Prothesen ihren Nachteil ausgleichen. Oder ob es sie diskriminiert, wenn man ihnen das vorwirft.

          Erinnerungen an Oscar Pistorius

          Erstmals gestellt wurde diese Frage im Fall von Oscar Pistorius, dem beidseitig amputierten südafrikanischen Sprinter, der gegen den Weltverband IAAF geklagt und daraufhin 2012 an den Olympischen Spielen in London teilgenommen hatte. Wie Pistorius ist Rehm ein Ausnahmetalent. Auch wenn sein Wille, bei den Nichtbehinderten zu starten, eine Grundsatzdiskussion erfordert, bleibt er wohl zunächst ein Einzelfall.

          Doch solang der DLV sein Regelwerk nicht präzisiert, wird diskutiert werden, wenn Rehm gegen Nichtbehinderte antritt. Sein Ziel sind die deutschen Meisterschaften im Juli. Deutschlands amtierender Weitsprungmeister, der Leverkusener Alyn Camara, war am Sonntag als Zuschauer in der Halle. Ihm sei die Regel bekannt, dass keine Hilfsmittel erlaubt seien und dass es auch unter Behindertensportlern Diskussionen über Klassifizierungen gebe, sagt er: „Doch das ist eine schwere Frage, und ich möchte mir kein Urteil erlauben.“

          Rehm freute sich über die Rücknahme der Disqualifikation. Nun wartet er auf eine Reaktion vom Verband. „Es bleibt Gesprächsbedarf“, sagt er. Am liebsten wäre ihm eine Teilnahmeerlaubnis. Mindestens erwartet er, dass mit ihm gesprochen wird. Das ist bislang nicht geschehen. „Ich glaube, der DLV hat Angst vor der Zukunft“, sagt Markus Rehm.

          DLV holt Gutachten ein

          Der Deutsche Leichtathletik-Verband (DLV) hat im vorliegenden Fall nun ein wissenschaftliches Gutachten in Auftrag gegeben. „Untersucht werden soll, ob die Prothesen von Markus Rehm ein unerlaubtes Hilfsmittel sind, mit dem ein Vorteil bei Wettbewerben mit Nichtbehinderten erzielt werden kann“, sagte DLV-Präsident Clemens Prokop der Nachrichtenagentur dpa am Donnerstag.

          „Es geht dabei nicht um Behinderte oder Nichtbehinderte, sondern nur um die Hilfsmittel“, sagte Prokop. „Wir sind mit dem Deutschen Behindertensportverband im Gespräch über eine mögliche Zertifizierung von Prothesen. Eine Lösung wurde noch nicht gefunden.“ Ein Kampfrichter vor Ort könne die Entscheidung, ob eine Prothese einen Vor- oder Nachteil bringe, sonst nicht treffen.

          Da Rehm in diesem Jahr einen Start bei den deutschen Meisterschaften im Juli in Ulm anstrebt, muss nach einer Lösung gesucht werden. Wir warten das Ergebnis des Gutachtens ab und werden dann das Gespräch mit Markus Rehm suchen“, sagte Prokop.

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