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Leichathletik-Kommentar : Der Riesensatz von Turin

8,71 Meter? 8,50? Oder weniger? Sebastian Bayers Rekordsprung bleibt umstritten Bild: dpa

Wie weit ist Sebastian Bayer bei der Hallen-EM gesprungen? Nun kommt Kritik auf an der Messung. Doch es spricht auch einiges für eine korrekte Angabe. Die Weite von unglaublichen 8,71 Meter sollte Bayer dennoch am besten schnell vergessen.

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          Hätte Sebastian Bayer bei der Hallen-Europameisterschaft in Turin außer der Goldmedaille auch noch die Fair-Play-Trophäe des Internationalen Olympischen Komitees mitnehmen sollen? Hätte der Weitspringer sich mit 8,29 Metern – der Weite seines ersten Sprungs – zufriedengeben und nach dem Satz auf 8,71 Meter sagen sollen, das tue ihm leid, aber so weit springe doch kein Mensch, man möge das Ergebnis bitte streichen?

          Vor vier Jahren, bei der Hallen-EM in Madrid, tat etwas Ähnliches Bianca Kappler, als die Weitenmessung plötzlich auswies, sie habe ihren besten Sprung um 42 Zentimeter übertroffen. 6,96 Meter seien eine phantastische Weite, sagte sie; wenn es mit rechten Dingen zugehe, könne sie nie und nimmer so weit springen. Die 27 Jahre alte Sportlerin legte Protest gegen die Wertung ein, verhandelte zäh und hatte Erfolg: Anstelle des Europameistertitels erhielt sie später die Fair-Play-Trophäe für vorbildliches Verhalten.

          Keine Falschmessung, sondern eine falsche Eingabe

          Sebastian Bayer fand seinen Sprung von Turin auch unglaublich. Für unglaubwürdig hält er ihn nicht. Bisher habe er stets geglaubt, weiter als 8,50 Meter könne man ungedopt nicht springen, sagte er danach (siehe auch: Weitspringer Sebastian Bayer: Der deutsche Bob Beamon). Er hoffe, man stelle seine Leistung nun in dieser Hinsicht nicht in Frage. Kritik kam nun aus einer anderen Richtung. Beobachter äußerten nach Augenschein den Verdacht auf einen Messfehler (siehe auch: Sport kompakt: Sinkewitz bewundert - Nowitzki bezwingt - Bayer bezweifelt).

          Wer könnte den Sprung, der als Fernsehbild konserviert ist, besser bewerten als Helmar Hommel? Der Mainzer wies mit seiner 3-D-Biometrie unzweifelhaft nach, dass der Italiener Giovanni Evangelisti bei der Weltmeisterschaft 1987 in Rom nicht 8,38 Meter weit gesprungen war, wofür er die Bronzemedaille erhielt, sondern lediglich 7,80 Meter, woraufhin dieser die Medaille zurückgab. Später stellte sich heraus, dass nicht eine Falschmessung vorlag, sondern die Kampfrichter die Weite für ihren Landsmann entgegen den Regeln in die Messmaschinerie eingetippt hatten.

          Der junge Mann war beim Sprung geradezu beflügelt

          Hommel wäre nicht Hommel, hätte er die Bilder von Bayer nicht schon am Computer untersucht. Anhand der Tafel mit den Weitenangaben und im Vergleich mit der blauen Linie, die die bisherige Bestweite anzeigt, sei nachvollziehbar, sagt er, dass die Weite in etwa stimme. Für eine korrekte Messung spricht auch, dass auf der nagelneuen, von einem Schwingboden unterlegten Anlage Weit- und Dreispringer sowie Sprinterinnen und Sprinter Bestzeiten im Dutzend aufstellten. Bayer, ein besonders schneller Springer, konnte in Turin seinen Anlauf um einen Meter verlängern, ohne einen Schritt mehr zu tun. Jeder seiner zwanzig Schritte Anlauf war bei dem Sensationssprung im Schnitt fünf Zentimeter länger als bei seinen ersten Versuchen in der Qualifikation. Der junge Mann war also geradezu beflügelt.

          Mehr als mit Zweifeln an der Korrektheit der Messung und an der Sauberkeit von Athleten im Allgemeinen dürfte Bayer in den nächsten Monaten und Jahren damit zu tun haben, sich und der Welt zu beweisen, dass dies nicht der Sprung seines Lebens war. Wer ihm glaubt, dass Sprünge von 8,30 Metern sein Ziel blieben, kennt den Ehrgeiz von Spitzensportlern schlecht. Gerade deshalb muss Sebastian Bayer den Riesensatz von Turin, damit er nicht zur Bürde wird, am besten vergessen.

          Michael Reinsch

          Korrespondent für Sport in Berlin.

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