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Leichathletik : Berliner Kurswechsel bringt Schumann in die Defensive

Blauäugig mit grün-braunen Augen: Nils Schumann Bild: dpa

Auch der Leichtathlet Nils Schumann ist in die Doping-Gerüchteküche geraten. Meldungen, wonach er mit dem spanischen Mediziner Fuentes in Kontakt gestanden haben soll, seien falsch, sagt der Läufer. Warum aber antwortet der Olympiasieger auf viele Fragen so ausweichend?

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          "Marion Jones gehört sicher zu den Verdächtigen", sagt Gerhard Janetzky. Dann kündigt er an: "Wir werden keine Athleten des Trainers Trevor Graham mehr einladen." Die Olympiasiegerin sowie alle Mitglieder der Graham-Trainingsgruppe um den Olympiasieger, Weltmeister und Weltrekordhalter über 100 Meter, Justin Gatlin, werden beim Istaf in Berlin, dem bedeutendsten deutschen Leichtathletik-Sportfest und Finale der Golden League, nicht willkommen sein. "Wir hatten Kontakt zu Gatlin", so Janetzky, Geschäftsführer und Gesellschafter des Istaf, "aber wir haben uns gefragt, warum er nicht in London und Lausanne gestartet ist." Darum: Gatlin war gedopt.

          Michael Reinsch

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Es ist nicht ganz leicht, der Kehrtwende Janetzkys zu folgen. Noch im vergangenen Jahr vertrat er vehement die Überzeugung, er dürfe Marion Jones und ihrem ehemaligen Lebensgefährten Tim Montgomery das Startrecht in Berlin nicht verweigern, schließlich gebe es keine positive Dopingprobe von ihnen. Andere Veranstalter boykottierten damals das Paar bereits. Nun ist Montgomery aufgrund von Indizien verurteilt und sein Weltrekord gelöscht. Der Dopingverdacht gegen Marion Jones, ehemalige Frau nicht nur von Montgomery, sondern auch des viermal überführten Kugelstoßers C.J. Hunter, sowie früheres Mitglied der Trainingsgruppe von Graham, ist immer noch mit Händen zu greifen. Nachdem der Trainer den Balco-Skandal ausgelöst hatte, indem er Dopingfahndern eine Spritze mit Spuren des neuen Designer-Steroids THG schickte, stellte sich heraus, daß Graham und seine Athleten selbst zu den besten Kunden des Dopinglabors Balco gehört hatten - und damit wohl auch Frau Jones.

          Berliner Bann

          Man weiß nicht, ob Me'Lisa Barber, die Hallen-Weltmeisterin im Sprint, ob Shawn Crawford, der Olympiasieger über 200 Meter, ob Dwight Thomas, der Gewinner des Istaf-Sprints 2005 - allesamt Klienten von Graham -, sich wirklich betroffen fühlen werden vom Berliner Bann. Unangenehm berührt sein könnte jedoch manch anderer Veranstalter der Golden League - neben Berlin sind das Oslo, Paris, Rom, Zürich und Brüssel -, die Janetzky nun aufruft, es ihm gleichzutun: "Wir müssen, was Athletenverpflichtungen angeht, sensibler vorgehen." Marion Jones ist in diesem Jahr schon in Paris und Rom gestartet.

          Die Offensive von Janetzky drängt überraschend einen Athleten in die Defensive, der auf dieser Pressekonferenz am Donnerstag als Stargast vorgestellt werden soll und der während der Ausführungen des Istaf-Chefs unbeteiligt ins Leere starrt: Olympiasieger Nils Schumann, wegen einer Verletzung nicht fit für die Europameisterschaft in Göteborg, aber angeblich weit fortgeschritten in der Vorbereitung auf seinen Saisonhöhepunkt im September in Berlin.

          „Den Mann kenne ich nicht“

          Das sei ein schwieriges Thema, sagt der 800-Meter-Läufer, ein Athlet wisse ja auch nicht mehr, als in der Zeitung stehe. "Wir haben immer Angst, in so eine Gerüchteküche zu geraten", fährt er fort. "Wenn es Indizien gibt, finde ich es fair, den Sport auch außerhalb der Dopingkontrollen zu bereinigen." So weit, so gut - wäre Schumann nicht längst in die Gerüchteküche geraten. Auch in Belgien habe man ihn kürzlich schon auf mögliche Kontakte nach Madrid, wo vor der Tour de France ein Dopinglabor ausgehoben worden war, angesprochen, erzählt er in Berlin. "Ich habe nichts mit Fuentes zu tun, und ich bin froh, daß von diesem Fall keine Leichtathleten betroffen sind."

          Wie aber steht es mit den Ärzten Merino Batres und Miguel Angel Peraita, der eine im Zugriff des Fuentes-Skandals um Blutdoping in Madrid verhaftet, der andere Ratgeber und Lieferant des in Magdeburg verurteilten Dopingtrainers Thomas Springstein, bei dem Schumann zwischenzeitlich am Comeback arbeitete? "Den Mann kenne ich nicht", sagt der Läufer, offenbar auf Batres bezogen. Auf Nachfrage - "Den anderen auch nicht?" - klagt er, daß er nun seit drei Jahren Reha-Patient sei, sich zweimal in Basel an der Achillessehne habe operieren lassen müssen und leider ständig mit Medizinern zu tun habe: "Ich als Patient kann nicht für jeden Arzt die Hand ins Feuer legen." Den Satz wiederholt er, als er vom Fernsehen befragt wird, und ergänzt: "Ich kann versichern, daß ich niemals die Grenzen des Legalen überschritten habe."

          Man kommt viel rum

          Warum aber antwortet Schumann ausweichend auf die Fragen, ob er in Madrid gewesen sei? Man komme viel rum als Leichtathlet, sagt er, in Madrid sei er bestimmt auch schon gewesen, etwa zum Europapokal. Was er denn zu spanischen Zeitungsberichten sage, er sei im Umfeld der Einrichtungen von Fuentes und Peraita gesehen worden? Antwort Schumann: "Das kann ich mir nicht vorstellen."

          Was heißt das nun? Daß er dort war, es sich aber nicht vorstellen kann, dabei gesehen worden zu sein? Vor fünf Jahren war seine damalige Lebensgefährtin, die Hochspringerin Amewu Mensah, positiv auf das Hormonmittel Oxandrolon getestet worden. Es soll ihr in Madrid verabreicht worden sein. Die Geschichte ist nicht aufzuklären, denn Frau Mensah schweigt. Die Diskussion sei nicht hilfreich, sie störe seine Konzentration, klagt Schumann. "Fragen, die jeglicher Substanz entbehren, bin ich nicht verpflichtet zu beantworten", sagt er vor der Fernsehkamera.

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