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Lucky Loser in Las Vegas : Als der Boxer Axel Schulz bestohlen wurde

  • -Aktualisiert am

Vorfreude: Axel Schulz fühlt sich in Las Vegas als Sieger – und hat sich getäuscht. Bild: Picture-Alliance

Vor 25 Jahren unterlag Axel Schulz im Kampf um den WM-Titel George Foreman doch noch, nachdem er für viele bereits als der sichere Sieger ausgesehen hatte. Doch es war nicht alles schlecht an dieser Niederlage.

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          Der eine dreht mit hängenden Schultern ab und blickt müde zum Ringboden – falls er unter der starken Schwellung über dem linken Auge überhaupt etwas erkennen kann. Der andere reißt die Arme empor und scheint fest überzeugt, gleich zum Sieger dieses Kampfes erklärt zu werden. Als hätten sie in Las Vegas nichts Wichtigeres zu tun, als einen deutschen Nobody zum neuen Weltmeister im Schwergewicht zu küren. Anstatt der lebenden Ikone, die hier sozusagen die Tickets verkauft hat: George Foreman, Olympiasieger 1968 für die amerikanische Staffel sowie zweimaliger Champion der Profis.

          Manchmal können die ersten Sekunden nach einem Boxduell schon dessen komplette Geschichte erzählen – ein Hinweis auf das Urteil der Punktrichter ist das noch lange nicht. So lautet die Lektion, die das Leben am 22. April 1995 für „Axel who?“ bereithält. Das ist der Beiname, den amerikanische Medien jenem 26-jährigen Blondschopf aus Brandenburg vorab verliehen haben. Er steht für die Rolle, die Axel Schulz bei seinem 24. Vergleich als Profi (21 Siege, ein Remis, eine Niederlage) zugedacht wird. Schulz soll „Big George“ um den WM-Gürtel der International Boxing Federation (IBF) fordern, ohne wirklich eine Herausforderung zu sein.

          Sensation fünf Monate zuvor

          Fünf Monate zuvor ist ja eine Sensation geschehen, als der kolossale Mann aus Texas mit beinahe 46 Jahren abermals Weltmeister wurde. Fast 22 Jahre nach seinem brachialen WM-Triumph über Joe Frazier reichte ein einziger Treffer, um Michael Moorer, Titelträger von WBA und IBF, vom Thron zu fegen. So eine Erfolgsgeschichte im Indian Summer eines Boxerlebens gab es noch nie, und Foreman möchte sie nur allzu gerne verlängern. Also fahndet sein Promoter Bob Arum nach dem harmlosesten Widersacher, den die IBF akzeptiert – nachdem die WBA seinem Mandanten wegen dessen Weigerung, gegen den offiziellen Herausforderer Tony Tucker anzutreten, den Titel entzogen hat.

          Schulz erscheint demnach als Lösung einer globalen Auslese, „die jeden aussiebte, der lebendiger ist als eine JoeLouis-Statue“, wie das Magazin „Sports Illustrated“ spottet. Doch er selbst ist optimistisch genug, an eine reelle Chance zu glauben. Und mit ihm ist es der junge Reporter, der sechs Tage vor dem Termin in Las Vegas eintrifft, um Schulz sowie dessen Trainer Manfred Wolke als Presseberater und Übersetzer zur Seite zu stehen. Er kann zwar nicht nachvollziehen, wie der bullige Sympathieträger plötzlich in die Weltrangliste geraten ist. Aber völlig entgehen lassen will er sich das Spektakel ebenso wenig wie mehr als hundert weitere Berichterstatter aus Deutschland.

          Es ist ein zwiespältiges Erlebnis, Teil des deutschen Trosses zu sein. Die amerikanischen Kollegen strapazieren den Vergleich mit „Mäx Smelling“, dem bisher einzigen deutschen Schwergewichts-Champion, allzu sehr. Sie wollen in Schulz unbedingt so etwas wie seinen Enkel sehen. Gleichzeitig schwingt noch in ihren höflichsten Fragen eine subtile Herablassung mit. Dazu kommt ein New Yorker Boxexperte mit jüdischem Namen und orthopädischer Halskrause, der alle deutsch erscheinenden Gesichter im Media Room des MGM Grand Garden Hotels jedes Mal mit „Sieg Heil!“ und erhobenem Arm begrüßt.

          Irgendwer scheint Schulz zu mögen

          „This guy called Schulz“ weiß bei den Presseterminen dennoch mit seiner unbekümmerten Art zu punkten. Erzählt von seiner Lehre als Fernsehmechaniker in der DDR; begrüßt Foreman wie einen alten Kumpel; und greift dem jungen Reporter mehrfach in den Arm, um sein eigenes Englisch zu probieren. Ob es ihn im Ring nicht hemmen könne, gegen so eine Legende anzutreten? „O no“, kommt die Replik: Er wisse, dass George „a big population in America“ habe, „but that’s okay for me“. Oder hieß das „popularity“?

          Da geht es lang: Foreman (links) mit Schulz nach dem offiziellen Wiegen.

          Irgendwer da oben scheint Schulz zu mögen. Sogar sehr. Zwischen Koblenz und Berlin hat er in gut vier Profijahren nie wie ein künftiger Champion ausgesehen. Er schwamm im Kielwasser seines Trainingsgefährten Henry Maske mit, dem neuen, gesamtdeutschen Boxidol, und verpasste in zwei Anläufen den EM-Titel. Vor seinem mühsamen Punktsieg über den 42 Jahre alten ehemaligen Weltmeister James „Bonecrusher“ Smith soll ihn zuletzt, in Leverkusen, sogar eine Panikattacke befallen haben. Im Ring der Hotel-Arena in Las Vegas zeigt Schulz in der Stunde der Bewährung allerdings „a ton of guts“, also eine Tonne Mumm, wie ein Kommentator des Pay-TV-Senders HBO staunt. Er bewegt sich auf flinken Beinen ständig aus dem Visier des schlaggewaltigen Oldies heraus, weiß nach verhaltenem Beginn immer mehr eigene Akzente zu setzen.

          So entspinnt sich zunehmend ein Katz-und-Maus-Spiel, das Foreman, inzwischen bereits Großvater, am Ende tatsächlich sehr alt und verbeult aussehen lässt. Aber zwei der amerikanischen Punktrichter haben einen anderen Kampf gesehen; in dem liegt Foreman am Ende vorn. Der dritte kommt auf ein Unentschieden. Durch diese Mehrheitsentscheidung bleibt „Big George“ vorerst im Amt – während der junge Reporter in den Kabinen einen Schulz vorfindet, der in Tränen aufgelöst ist. Neben ihm steht Maske und schimpft: „Und genau deshalb gehe ich eben nicht so schnell nach Amerika!“

          Der wahre Verlierer ist im Nachhinein jedoch IBF-Präsident Bob Lee Senior. Der Funktionär verliert zunächst das Zugpferd Foreman, als er wegen des Fehlurteils einen Rückkampf anordnet. „Big George“ schmeißt darauf den Gürtel hin. Jahre später kommt heraus, dass Lee Senior von Arum und anderen 200.000 Dollar gefordert hat, um Schulz als WM-Herausforderer zu akzeptieren. Letzterer darf hingegen 500.000 Dollar Börse kassieren und bis 2006 noch drei weitere Titelkämpfe sowie ein schlimmes Comeback an die Wand fahren – er bleibt der in Deutschland berühmte, allzeit präsente „Lucky Loser“. In diesem Sinne wurde Axel Schulz in der Wüstenmetropole gleichzeitig betrogen und erfunden.

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