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Lance Armstrong : Doping für eine Million Dollar

  • -Aktualisiert am

Dunkle Schatten auf einem ganzen Sport: Der Skandal um Lance Armstrong belastet den Radsport Bild: REUTERS

E-Mails, Zeugenaussagen, Schuldeingeständnisse der Teamkollegen - der Bericht im Dopingfall Lance Armstrong birgt reichlich Zündstoff. Die Beweise sind erdrückend. Der ehemalige amerikanische Radstar bleibt aber unbeeindruckt.

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          Die amerikanische Anti-Doping-Agentur (Usada) hat in ihrem umfassenden Urteil im Sportgerichtsverfahren gegen Lance Armstrong eine Summe genannt, die zum ersten Mal das enorme Ausmaß des geschäftsmäßigen Dopings im professionellen Radsport beziffert. Eine Million Dollar – das ist der Betrag, den der Texaner im Laufe von zehn Jahren an Honoraren insgesamt an den italienischen Arzt Michele Ferrari gezahlt hat. Das konnten die Ermittler der Usada anhand von Kontoauszügen belegen. Das Geld floss nicht direkt, sondern über eine von Ferrari gegründete Firma in der Schweizer Kantonshauptstadt Neuenburg.

          Die Bankbelege gehören zu den stärksten Beweismitteln im Fall Armstrong. Sie bilden das Fundament für eine weit reichende Indizienkette, die sich durch die 1000 Seiten umfassenden Akten zieht, die am Mittwoch von der Usada an den Internationalen Radsportverband (UCI) weitergereicht und gleichzeitig im Internet der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurden.

          Zusammen mit den eidesstattlichen Versicherungen von ehemaligen Teamkollegen Armstrongs wie George Hincapie und Levi Leipheimer, die bislang nicht des Dopings überführt worden waren, dokumentieren sie Umrisse und Getriebe einer „systematischen, anhaltenden und hochprofessionellen von einer Mannschaft betriebenen Dopingverschwörung“. Und zwar, so die Usada, „zum ersten Mal schlüssig und unbestreitbar“.

          Belastungszeuge Christian Vande Velde: „Ich habe Rennen gewonnen, bevor ich gedopt habe und nachdem ich gedopt hatte. Ironischerweise habe ich nie gewonnen, während ich gedopt habe.“
          Belastungszeuge Christian Vande Velde: „Ich habe Rennen gewonnen, bevor ich gedopt habe und nachdem ich gedopt hatte. Ironischerweise habe ich nie gewonnen, während ich gedopt habe.“ : Bild: AFP

          Es geht um massiven Leistungsbetrug, um illegale Beschaffung von Arzneimitteln und Vertuschung. Der 41 Jahre alte Armstrong versuchte sofort wieder, die Anschuldigungen durch seinen Anwalt zu diskreditieren. „Das ist das alte Zeug“, sagte Tim Herman der Zeitung „Austin Statesman-American“. „Es ist weder logisch aufgebaut, noch ist es eine Entscheidung.“ Die geständigen Radrennfahrer seien teilweise „Serienlügner“, hätten Revanchemotive oder seien entweder genötigt oder mit besonderen Absprachen bevorzugt behandelt worden.

          Nun ist die UCI am Zug. Sie hat 21 Tage Zeit, um auf die Entscheidung der Usada zu reagieren. Widerspricht sie der überwältigenden Beweislast, steht ihr die Berufung vor dem Internationalen Sportgerichtshof offen. Der Cas würde über den Disput in einem neuen Verfahren endgültig entscheiden. Das Internationale Olympische Komitee prüft, ob Armstrong die Zeitfahr-Bronzemedaille von 2000 aberkannt werden kann.

          Hat Armstrong Meineid abgelegt?

          Für den Texaner, der sieben Mal die Tour de Franc gewann, steht mehr auf dem Spiel als nur eine lebenslange Sperre, die ihm unter anderem die Möglichkeit nimmt, in bedeutenden Triathlonwettbewerben wie dem Ironman anzutreten. Eine Aberkennung aller seit 1998 gewonnenen Titel, wie von der Usada gefordert, bedeutete die Rückforderung von Millionen von Euro an Preisgeldern. Doch auch strafrechtlich drohen dem Amerikaner in seiner Heimat womöglich Konsequenzen. Und zwar selbst dann, wenn die Staatsanwaltschaft in Los Angeles auch weiterhin darauf verzichtet, das vor zwei Jahren angelaufene und vor acht Monaten gestoppte Ermittlungsverfahren wegen Betrug und Geldwäsche wieder aufzunehmen.

          Die Usada skizzierte erstmals im Detail den Verdacht, dass Armstrong in einem Schiedsgerichtsverfahren 2006 in Texas unter Eid gelogen haben dürfte, als er detailliert zu seiner Beziehung zu Ferrari und zu seinem Wissen über die Dopingpraktiken im US-Postal-Team befragt wurde. Darüberhinaus soll er im August 2010 eine Reihe von Fahrern per E-Mail aufgefordert haben, schriftliche Versicherungen abzugeben, wonach es kein systematisches Doping in seinen Mannschaften gegeben habe. Ein Verhalten, das als illegale Behinderung der Arbeit der Justizbehörden eingestuft werden kann.

          Armstrongs ehemaliger Teamkollege David Zabriskie (l.): „Es ist passiert und es könnte mir nicht mehr leidtun“
          Armstrongs ehemaliger Teamkollege David Zabriskie (l.): „Es ist passiert und es könnte mir nicht mehr leidtun“ : Bild: dpa

          „Es ist schockierend. Es ist enttäuschend“, sagte Travis Tygart, der Chef der Usada. „Aber wir haben unsere Arbeit gemacht.“ Das Ergebnis ist erschütternd. Auch wenn es sich in der Hauptsache – in den eidesstattlichen Versicherungen von Radprofis wie Hincapie, Leipheimer, Tyler Hamilton, Frankie Andreu, Michael Barry, Tom Danielson, Floyd Landis, Stephen Swart, Christian Vande Velde, Jonathan Vaughters und David Zabriskie – im Prinzip nur um Monologe handelt.

          Doch ihre Aussagen – Protokolle eines Alltags, dessen Abläufe ein offenes Geheimnis waren – verdeutlichen unter anderem, wie viele Akteure mitwirken mussten, um ein konsequentes Dopingprogramm durchzuziehen: Ärzte, Masseure, Armstrongs ehemalige Ehefrau Kristin, die den Fahrern Cortison-Pillen besorgt haben soll, der Sportdirektor Johan Bruyneel, dessen Verfahren in den Vereinigten Staaten in den nächsten Wochen anlaufen wird und gegen den es jetzt auch in seiner Heimat Belgien Untersuchungen gibt. Und natürlich auch Funktionäre bis hinauf in die höchsten Etagen.

          Armstrong reagiert gelassen

          Zu diesem Komplex befragte die Usada auch den ehemaligen Radprofi Jörg Jaksche, der 2007 ein umfangreiches Geständnis abgelegt hatte und bereit war, Namen der Beteiligten zu nennen. Der Internationale Radsportverband zeigte aber angeblich „null Interesse“ an seinem Wissen über das Dopinggeschehen in Rennställen wie dem Team Telekom, Once, CSC und Liberty Seguros. Statt dessen, so Jaksche, habe er von UCI-Präsident Pat McQuaid zu hören bekommen, er hätte sich gewünscht, dass er die Angelegenheit „anders gehandhabt“ hätte.

          Auch deshalb legte die Usada jetzt sehr viel Wert darauf, die zweifelhafte Rolle der UCI in der Armstrong-Causa herauszuheben. Dabei machten die Amerikaner, die der UCI nun ein „Wahrheits- und Versöhnungsprogramm“ für geständige Dopingsünder empfahlen, erstmals diesen Vorgang öffentlich: Die Usada hatte bei der UCI um die Akte gebeten, die die Laborwerte eines umstrittenen Epo-Tests von Armstrong bei der Tour de Suisse von 2001 enthält. Der Radsportverband weigerte sich. Die Begründung laut Usada: Armstrong hätte etwas dagegen.

          Der Texaner gab sich im übrigen trotz der neuen Entwicklung gelassen: „Was mache ich heute Abend? Ich verbringe Zeit mit meiner Familie, ungerührt.“

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