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Lance Armstrong : Der Nimbus des Unzerstörbaren

Aufschrei: Aus Teamkollegen werden Feinde - Lance Armstrong (l.) und Floyd Landis Bild: AFP

Lance Armstrong hat den Krebs besiegt – und seitdem kann er nur lachen über alle, die sich ihm in den Weg stellen. Auch über die neuen Doping-Vorwürfe von Floyd Landis. Der Radsport braucht Armstrong, und das weiß der mehrfache Toursieger.

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          Vor ein paar Wochen war Lance Armstrong in Paris. Er schenkte einem Bon Ami ein Fahrrad. Das Velo war in den französischen Nationalfarben lackiert und kam gut an. Zumal der Freund gerade eine empfindliche Niederlage verkraften musste. Bei den Regionalwahlen hatte ihm das Volk nicht gehuldigt, wie es seiner Meinung nach sollte. Auf dem Foto zusammen mit dem amerikanischen Tour-Heroen lächelte Nicolas Sarkozy aber schon wieder. Keine Frage, die beiden verstehen sich. Zwei kleine, aber unbezwingbare Männer. Später twitterte Armstrong in die Welt hinaus: „Es war gr8 in Paris“ (in Lautschrift: great).

          Evi Simeoni

          Sportredakteurin.

          Der Texaner ist nicht nur Freund des französischen Staatspräsidenten. Als Texaner steht er auch dem ehemaligen amerikanischen Präsidenten George W. Bush nahe, und dessen Vorgänger Bill Clinton soll mehrmals bei ihm zu Hause in Austin übernachtet haben. Armstrong trifft Arnold Schwarzenegger.

          Und auch mit Show und Glamour ist er vernetzt: Gesangsstar Sheryl Crow ist seine ehemalige Freundin. Sein unbändiger Wille hat ihn ganz nach oben geführt, zusammen mit einer unwiderstehlichen Mischung aus Kampfkraft, Anmaßung und Größenwahn. Seit Armstrong den schlimmsten aller Todfeinde besiegt hat, den Krebs, kann er nur noch lachen über alle, die sich in seinen Weg stellen. Er gehört zu den Mächtigen und dank seines umfangreichen Charity-Systems für Krebskranke auch zu den Guten. Daran kann der Doping-Verdacht längst nicht mehr kratzen.

          „Er will sich schützen und das Recht des Stärkeren etablieren“

          „Er ist ein Chef, ein Dominator, der am liebsten für Gott gehalten werden möchte.“ Dieser Satz wird Cédric Vasseur zugeschrieben, Armstrongs ehemaligem Teamkollegen. Wie also mag es in Armstrong ausgesehen haben am Donnerstag, nachdem es Floyd Landis, sein ehemaliger Domestike, gewagt hatte, ihn öffentlich mit Doping-Vorwürfen zu beschmutzen?

          Landis hatte ihn und seinen Mentor Johan Bruyneel als seine Doping-Instruktoren hingestellt. Von ihnen will er den Umgang mit Testosteron und Epo gelernt haben. In Armstrongs spanischer Wohnung habe er gemeinsam mit dem Chef Blutkonserven gehortet. Kaum vorstellbar, dass Armstrongs innerer Vulkan nicht gebrodelt hat angesichts dieser Insubordination, dass sein Kämpferherz sich nicht zusammenzog vor lauter Rachedurst. Vasseur: „Er hält jeden für seinen Feind. Er will sich schützen und das Recht des Stärkeren etablieren.“

          Nach außen aber blieb er ruhig und hielt vor dem Start zur fünften Etappe der Kalifornien-Rundfahrt routiniert und eloquent eine Pressekonferenz ab, in der er Landis seinen Platz im Armstrong-Universum zuwies. „Ich habe ihm gesagt: Floyd, lass mich in Ruhe. Mach dir keine Sorgen um mich, aber höre auf, mich vollzutexten und mich zu belästigen.“ Wenige Stunden später stürzte Armstrong schwer und musste mit blutendem Auge das Rennen aufgeben. Doch selbst dies beschädigte seinen Nimbus des Unzerstörbaren nicht. Er schaute mit seinem geschwollenen Auge drohend in die Kameras wie ein blutiger Rächer.

          „Wieder einmal wird der Radsport einen hohen Preis zahlen“

          Der Radsport braucht ihn, und das weiß er. Seit das Metier Europas Grenzen mehr und mehr überschreitet, ist sein Name zum Inbegriff einer ganzen Industrie geworden. Seit drei Jahren überträgt das chinesische Fernsehen die Tour de France live – und Armstrong ist der Mann, um den sich die Aufmerksamkeit dreht. In Asien, in Australien, dort, wo der Profi-Radsport sich noch entwickeln kann, egal, ob das deutsche Fernsehen ihm die Bilder abdreht oder nicht. Und auch der ungebrochene Boom in den Vereinigten Staaten trägt seinen Namen.

          Dagegen wirkt der Angriff Floyd Landis’ mit seinen Enthüllungen wie der Versuch, in falscher Richtung durch das Peloton zu fahren. Der Weltverband UCI kann es sich nicht leisten, seinen Herrscher in Frage zu stellen. Angriffe auf ihn sind Angriffe auf das System: „Wieder einmal wird der Radsport als Ganzes einen hohen Preis zahlen müssen“, sagt Pat McQuaid, der irische UCI-Präsident, der immer wieder betont, wie sehr er an der Doping-Aufklärung interessiert ist. „Dies ist ein neuer Versuch, das Image unseres Sports zu beschädigen.“

          „Wenn man zurückblickt, hat er uns viele Probleme bereitet“

          Nur Hein Verbruggen, McQuaids Vorgänger als Präsident und, wie es immer wieder heißt, der große Drahtzieher hinter ihm, scheint langsam müde zu werden in seiner Rolle als Armstrongs Ausputzer. „Er ist ein großartiger Rennfahrer“, sagte er am Freitag, nachdem Landis auch ihn der Manipulation beschuldigt hatte. „Wenn man zurückblickt, hat er uns aber auch viele Probleme bereitet.“ Verbruggen soll laut Landis im Jahr 2002 gegen die Zahlung eines Geldbetrags gemeinsam mit Armstrong und dessen Teamchef Johan Bruyneel einen positiven Doping-Test vertuscht haben.

          Der Niederländer, mittlerweile Chef der Vereinigung aller Welt-Sportverbände, erklärt, es könne sich dabei nur um eine Verwechslung handeln mit einem Vorgang, der einem Anti-Doping-Kämpfer wie traurige Ironie vorkommen muss. Ein Agent Armstrongs habe 2001 dem Weltverband angeboten, eine Spende für den Anti-Doping-Kampf zu leisten. Verbruggen habe damals vorgeschlagen, er solle doch für das Labor in Lausanne eine Maschine für die Blutanalyse finanzieren, die einen fünfstelligen Betrag kostet.

          „Vielleicht waren wir damals wirklich nicht vorsichtig genug

          „Das Geld wurde aber nie bezahlt“, betont Verbruggen. „Vielleicht waren wir damals wirklich nicht vorsichtig genug.“ Nachdenkliche Töne von einem Mann, der Armstrong vehement verteidigte, als die französische Zeitung „L’Equipe“ das Ergebnis von sechs nachträglichen Doping-Tests veröffentlichte, die von der Tour de France 1999 stammten. Positiv auf Epo – aber nicht gerichtlich verwertbar.

          Armstrong ging unversehrt aus der Auseinandersetzung hervor. In Kalifornien wurde er auch am Donnerstag gefeiert. „Lance for President“ stand auf einem Transparent. Wenn Armstrong fertig ist mit dem Radsport, heißt es, werde er in die Politik gehen. Vielleicht werde er Gouverneur von Texas.

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