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Läuferin Klosterhalfen : Zwischen Autopilot und Extrakick

Auf dem Vormarsch: Konstanze Klosterhalfen Bild: dpa

Konstanze Klosterhalfen hat in den vergangenen Wochen laufend Schallmauern durchbrochen. Bei der Team-EM am Wochenende gehört der Shootingstar der Leichtathletik zu den deutschen Sieg-Anwärtern.

          Schon während des Studiums Praxiserfahrung zu sammeln wird Studenten gerne ans Herz gelegt, damit sie nach dem Uni-Abschluss den Sprung ins Berufsleben gut schaffen. Konstanze Klosterhalfen ist eine vorbildliche Studentin: Die 20-Jährige hat an der Sporthochschule Köln den Studiengang Sportjournalismus gewählt. Und neben ihren Kursen und Seminaren bildet sie sich praktisch laufend weiter. Als Mittel- und Langstreckenläuferin ist die gebürtige Bonnerin im Trikot von Bayer Leverkusen in die europäische Spitze gerannt – und dank ihrer rasanten Darbietungen auf der Laufbahn geriet sie fast ebenso schnell in den Fokus der Medien. Nun sieht sie sich zunehmend mit Interviewwünschen konfrontiert, was ihr durchaus Spaß macht. Dass sie sich selbst auf den ersten Blick als „ein bisschen schüchtern“ charakterisiert, spielt keine Rolle. Sobald sie etwas Mut geschöpft und Vertrauen gefasst hat, redet sie gerne und lacht dabei viel.

          Wenn sie nur rennen muss, kennt das ehemalige Hobby-Model, das den Laufsteg längst mit der Laufbahn getauscht hat, ohnehin keine Zurückhaltung. Dann geht sie munter vorneweg, was immer die langen, dünnen Beine hergeben. In der aktuellen Frühjahrssaison brach die 1,74 Meter große und knapp 50 Kilogramm schwere Läuferin innerhalb von drei Wochen gleich drei Schallmauern der Leichtathletik.

          Unter zwei Minuten, unter vier, unter fünfzehn: Klosterhalfen räumt Grenzen  über 800, 1500 und 5000 Meter weg.

          Bei der langen Laufnacht in Karlsruhe unterbot sie Mitte Mai über 5000 Meter erstmals die 15-Minuten-Marke. In 14:51,38 Minuten stellte sie einen deutschen U-23-Rekord auf und schaffte es auf Rang zwei der ewigen deutschen Bestenliste. Anfang Juni blieb sie bei der Laufgala in Pfungstadt über 800 Meter unter zwei Minuten (1:59,65), und schließlich verblüffte sie bei der DiamondLeague in Rom über 1500 Meter mit einer Bestleistung von 3:59,30 Minuten. Seit der Wende war keine deutsche Athletin eine vergleichbare Zeit gelaufen.

          Das größte Versprechen jenseits von Afrika

          Nicht erst seit diesem Dreiklang avancierte sie zum weltweit größten Versprechen der Läuferszene jenseits von Afrika. Dass sie auch so dünn ist wie die dominierenden Läuferinnen aus Äthiopien oder Kenia, ist kein Nachteil für die Einser-Abiturientin, die über alle drei Distanzen nun zu den aktuellen top drei in Europa gehört. Erklären kann sie sich ihre Entwicklung vor allem mit dem erstmals eingelegten Höhentrainingslager. Ihr Trainer Sebastian Weiß streicht neben ihren körperlichen Voraussetzungen für den Laufbereich – lange Beine, große Schritte – vor allem ihre mentale Stärke heraus, ihre Fokussierung auf den Sport und ihre disziplinierte Leistungsbereitschaft, die er eher mal bremsen als weiter anstacheln müsse. Dabei ist die junge Frau durchaus vielseitig interessiert. Denn das Multitalent ist auch noch musikalisch, spielt Querflöte und Klavier. Zudem dient sie als Ministrantin in ihrer Heimatgemeinde und engagiert sich in der Flüchtlingshilfe: passenderweise mit einer Laufgruppe.

          Die Vorläuferin: Konstanze Klosterhalfen könnte noch bei den Juniorinnen laufen

          Auch beim deutschen Leichtathletik-Verband (DLV) weiß man, welch außergewöhnliche Athletin da unterwegs ist. Bei der Ankündigung der Mannschaftsaufstellung für die Team-Europameisterschaft in Lille am Wochenende führte der DLV neben den beiden Olympiasiegern Robert Harting (Diskus) und Thomas Röhler (Speer) Konstanze Klosterhalfen als Anführerin des Teams auf. „Das hatte ich noch gar nicht gelesen“, sagt der „Shootingstar der Szene“ über den Sprung in den Kreis der deutschen Top-Sportler. Es sei „eine große Ehre, neben so erfahrenen Athleten genannt zu werden“, sagt sie. Zugleich empfindet sie es aber auch als „ein bisschen komisch“, da sie sich selbst noch lange nicht als Star ansieht.

          „Ich war schon immer so schlank“

          Ihre Bescheidenheit konterkariert sie allerdings auch mit einer gewissen Kaltschnäuzigkeit. Wer in Lille ihre Gegnerinnen sein werden, weiß sie nicht. „Ich gucke mir nie Startlisten an.“ Das erledigt ihr Trainer für sie, mit dem sie dann die Lauftaktik bespricht. Ob sie elf Punkte für Deutschland mit einem Sieg über ihre Lieblingsstrecke, die 1500 Meter am Sonntag (Start 14:16 Uhr), beisteuern kann? „Ich möchte möglichst gut abschneiden, mein Bestes geben, und dann gucken, zu was es reicht.“ Wie schnell sie unterwegs ist, wird ihr oft erst im Ziel klar. Zwar gebe ihr eine lautstarke Kulisse einen Extrakick, andererseits schalte sie rund um ein Rennen auf Autopilot, so gut kann sie sich konzentrieren: „Ich kriege schon vor dem Rennen nicht mehr alles mit.“

          Konstanze Klosterhalfen über ihren Körper: „Ich war schon immer so schlank und versuche, mich gesund zu ernähren“

          An der Uni genieße sie als neue deutsche Vorläuferin übrigens keine besonderen Vergünstigungen, sagt sie: „Außer, dass ich öfter fehlen darf“, wenn sie auf Wettkämpfe geht. Ansonsten muss sie alle Anforderungen schaffen, „genau wie die anderen“. Ballsportarten fallen ihr leicht, Tennis spielt sie gerne, „doch es gibt auch ein paar Schwierigkeiten“. Beim Turnen hat sie Probleme und durchaus auch in der Leichtathletik: „Im Kugelstoßen bin ich nicht gut.“ Was bei ihrem Körperbau keine Überraschung ist. Probleme mit dem Gewicht habe sie aber nicht: „Ich war schon immer so schlank und versuche, mich gesund zu ernähren.“

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