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Läufer Arne Gabius : Hart trainieren, leicht gewinnen

  • Aktualisiert am

Auf den Fersen der großen Läufer: Gabius Seite an Seite mit Mo Farah Bild: dpa

Vergangenen Herbst glänzte er bei seinem Marathon-Debüt. Auch seine Zukunft sieht er bei lukrativen Straßenläufen. Aber vorher will Arne Gabius den deutschen Hallenrekord über 5000 Meter brechen.

          5 Min.

          Der Langläufer und Arzt Arne Gabius im Gespräch über seine Rekordjagd, das Doping-Problem in Kenia und Konkurrenten in der Grauzone. „Die Medizin sollte sich aus dem Sport weitgehend raushalten“ meint der überzeugte Vegetarier.

          Vor drei Monaten haben Sie ein starkes Marathon-Debüt gegeben. Nun trainieren Sie wieder in Kenia, Warum wollen Sie keinen Frühjahrsmarathon laufen?

          Unmittelbar nach meiner Ankunft in Deutschland werde ich am Donnerstag beim Hallen-Sportfest in Düsseldorf starten. Der Veranstalter hat ein 5000-Meter-Rennen ins Programm genommen. Ich will deutschen Rekord laufen.

          Sie müssen 13:30,15 Minuten unterbieten.

          Der Rekord von Stephane Franke ist bald zwanzig Jahre alt, und ich werde einen Tempomacher bekommen. Ich freue mich drauf.

          Starten Sie bei der Hallen-EM?

          Düsseldorf wird mein einziges Hallen-Rennen sein. Ich will im Frühjahr zwei Halbmarathons laufen, einer davon soll der in New York sein.

          Das Geld liegt auf der Straße?

          Straßenrennen sind viel lukrativer. In der Diamond League muss man sich schon rechtfertigen, wenn man das Hotel bezahlt bekommt. Wenn ich Glück habe, werde ich dort in einem Top-Feld Zwölfter, dann bekomme ich zweihundert Dollar. Auch deshalb bin ich gewechselt. Bei 10-Kilometer-Straßenrennen ist einfach mehr zu holen als bei fünftausend Meter auf der Bahn.

          Der Hamburg-Marathon ist Ihr Sponsor, London und Paris locken. Warum laufen Sie nicht dort?

          Ich bin in Frankfurt gelaufen, weil ich wissen wollte, wo ich stehe. Aber ich bin sicher, dass ich mich über 10.000 Meter auf der Bahn noch verbessern kann. Das will ich im Mai tun. Das Marathon-Training hat im Ausdauerbereich so viel gebracht, dass ich überzeugt bin, unter 27:30 Minuten laufen zu können, vielleicht sogar unter 27:20.

          Damit würden Sie den Rekord brechen, den Dieter Baumann seit 1997 hält: 27:21,53 Minuten.

          Auf der Straße bin ich zehn Kilometer in 28:08 gelaufen, aus dem Training. Mein Ziel ist, die Schnelligkeit von der Bahn mitzunehmen in den olympischen Marathon von Rio.

          Bedeutet die Pause in diesem Frühjahr, dass Sie bis zu den Spielen 2016 nur bei zwei Marathons starten?

          Im Herbst dieses Jahres will ich in Deutschland die Olympianorm laufen. Ob auf der Weltrekord-Strecke von Berlin oder in Frankfurt, hängt auch davon ab, ob ich bei der WM in Peking über 10 000 Meter starte. Der Frühjahrsmarathon 2016 sollte sehr früh sein, damit ich mich gut auf Rio vorbereiten kann.

          Dubai ist immer der erste große.

          Der ist mir zu verrückt. Die Sieger laufen 2:04, 2:05 Stunden. Dort bekommen nur die ersten Zehn Preisgeld, der Erste 200 000 Dollar. Das hat zur Folge, dass diejenigen, die nicht ins Geld laufen, ab Kilometer dreißig joggen. Für mich ist Boston am interessantesten, weil dort ohne Tempomacher gelaufen wird. Da steht, wie bei Olympia, der Wettkampf im Vordergrund.

          2:09:32 Stunden: Arne Gabius beeindruckte bei seinem Marathon-Debüt
          2:09:32 Stunden: Arne Gabius beeindruckte bei seinem Marathon-Debüt : Bild: dpa

          Mit den 2:09:32 Stunden von Frankfurt liegen Sie nur 45 Sekunden über dem deutschen Rekord von Jörg Peter. Das soll nur ein Test gewesen sein?

          Das war Neuland für mich. Vor einem Jahr bin ich in Kenia zum ersten Mal mehr als zweihundert Kilometer pro Woche gelaufen. Jetzt bin ich in drei Wochen 728 Kilometer gelaufen, keinen davon langsamer als in vier Minuten. Das sind 15 Kilometer pro Stunde. Ich habe ein neues Niveau erreicht. Ich glaube, dass ich noch zwei Minuten schneller sein kann.

          Trainieren Sie mit kenianischen Läufern?

          Nicht mit den ganz großen. An drei Tagen in der Woche laufen hier alle gemeinsam. Da rennen Leute, die kein Mensch kennt, den Halbmarathon in sechzig Minuten. Manchmal laufe ich mit einer Gruppe von hundertfünfzig Leuten. Aber meist habe ich so meine Trainingspartner. Ich genieße es, auch mal allein im kenianischen Hinterland herum zu laufen.

          Sie gehen den Besten aus dem Weg?

          Ich hätte nichts davon, mit Wilson Kipsang 15 mal tausend Meter auf der Bahn zu laufen. Er ist an die Höhenluft angepasst. Es ist sehr leicht, sich hier zu weit aus dem Fenster zu lehnen und sich die Form kaputt zu machen.

          Dennis Kimetto ist, als er Kipsangs Weltrekord brach, unter 2:03 Stunden gelaufen. Beide sagen, ein Marathon in zwei Stunden sei möglich. Sie auch?

          Man müsste dafür den Halbmarathon in weniger als einer Stunde laufen, zwei Mal. Das halte ich in den nächsten zwanzig Jahren für unmöglich. Kimetto und Kipsang und auch Emanuel Mutai sind Talente des Jahrzehnts. Aber für solch eine Leistung braucht es ein Jahrhunderttalent wie Usain Bolt. Er hat den Stil des Sprints profund verändert, weg von den Muskelmännern hin zu richtigen Läufern.

          Halten Sie die Kenianer für sauber?

          Kenia hat ein Problem mit Doping, das wird hier eingeräumt. Es ist schade, dass die Top-Athleten nicht regelmäßig getestet werden, sondern nur, wenn sie das Land verlassen. Wenn man in Nairobi oder Addis Abeba ein Labor einrichten würde, müssten nicht alle Proben nach Europa oder Südafrika geflogen werden. Jetzt sprechen die Kenianer davon, ein Anti-Doping-Gesetz nach deutschem Vorbild zu etablieren. Das nützt bloß nichts, wenn man kein Labor hat.

          Lauftraining in Iten/Kenia: Hunderte Spitzenkräfte laufen zusammen und gegeneinander
          Lauftraining in Iten/Kenia: Hunderte Spitzenkräfte laufen zusammen und gegeneinander : Bild: faz.net

          Wie sieht Ihre Zusammenarbeit mit dem Trainer Renato Canova aus?

          Bis vor kurzem lebte er hier in Iten, und wir haben viel gesprochen. Er hatte mir einen Trainingsplan für den Halbmarathon gegeben und hat mich ermutigt, Marathon zu laufen. Er ist ein Sportsmann. Er macht aus seinem Wissen kein Geheimnis. Jedem, der ihn fragt, schreibt er Trainingspläne. In einem Forum hat er mal geschrieben, er und ich hätten dieselbe Philosophie und er sehe mich als Freund. Das habe ich natürlich auf meine Website kopiert. Jetzt ist er nach Addis gezogen, weil er Kenenisa Bekele auf den Dubai-Marathon vorbereitete. Wenn ich eine Frage habe, schreibe ich ihm eine E-Mail.

          Lässt er sich bezahlen?

          Mich hat er noch nie nach Geld gefragt. Renato war früher von Qatar angestellt und hat viel Geld verdient. Er ist gefragt auf Kongressen. Neuerdings ist er Cheftrainer der Chinesen. Deren Verband hat alle Trainer abgesägt aufgrund der neuen Anti-Doping-Regeln dort. Geld haben die Chinesen, also haben sie den Besten verpflichtet. Renato sagt, dieses Angebot habe er nicht ablehnen können.

          Sie sind Ihr eigener Coach. Sind Sie auch Ihr eigener Sportarzt?

          Die Medizin sollte sich aus dem Sport weitgehend raushalten. In den neunziger Jahren waren Kochsalz- und Glukose-Infusionen angeblich gang und gäbe. Heute ist es nicht mehr vorstellbar, dass Sportler im Physio-Raum an solche Beutel gehängt werden. Auch was eine Dauer-Betreuung angeht, bin ich skeptisch. Wenn ein Athlet verletzt oder krank ist, okay, dann braucht er einen Arzt. Alles andere sollen der Physiotherapeut und der Athlet machen.

          Überwachen Sie Ihre Blut- und Hormonwerte?

          Die reguliert mein Körper. Für einen Vegetarier wie mich ist es sinnvoll, Eisen zu substituieren. B12 nehme ich auch, das nehmen andere mit Fleisch auf. Aber sonst nehme ich nichts. Ich esse viel Grünzeug wegen der Folsäure. Damit ist für die Blutbildung alles getan. Werte zu messen wäre Erbsenzählerei. Man verliert den Blick auf das Wesentliche. Die Kenianer sagen: Train hard, win easy and recover harder. („Trainiere hart, gewinne leicht und regeneriere noch intensiver.“)

          Zweiter über 5000 Meter bei der EM 2012: Gabius’ größter Erfolg auf der Bahn
          Zweiter über 5000 Meter bei der EM 2012: Gabius’ größter Erfolg auf der Bahn : Bild: dpa

          Thyroxin soll verbreitet sein im Spitzensport. Es gilt nicht als Doping. Wie gehen Sie damit um?

          Es ist eines der am häufigsten verschriebenen Medikamente in Deutschland. Man kann Herzrhythmusstörungen bekommen, wenn man es nimmt. Und man legt mit der Einnahme die Produktion der eigenen Schilddrüse lahm. Womöglich muss man dann sein Leben lang Thyroxin-Pillen nehmen. Das ist es nicht wert.

          Ist es eine Versuchung für Läufer?

          Ich habe mich damit befasst, als mein TSH-Wert (Schilddrüsenwert) zu hoch war bei der Jahreshauptuntersuchung des Deutschen Olympischen Sportbundes. Ich habe mich gegen die Einnahme entschieden, denn ich hatte in der Vorwoche hart trainiert. Vor allem: Ich fühlte mich gut. Da muss ich nichts ändern.

          Halten Sie Konkurrenten, die Thyroxin nehmen, für Betrüger?

          Einige Athleten arbeiten in der absoluten Grauzone, die nehmen alles, was nicht ausdrücklich verboten ist. Damit halten sie sich wohl noch an die Regeln, haben aber eine völlig andere Auffassung von Leistungssport als ich. Gleichwohl: Ich glaube nicht, dass Thyroxin viel bringt. Wer zu viel intus hat, durch Überfunktion oder durch Einnahme, ist unruhig und kann nicht schlafen. Den Leuten geht es richtig schlecht. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Athleten sich das antun. Ich bezweifle, dass das stark verbreitet ist.

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